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Der Israelit · 1911-02-02 · Heft 5 (2.2.1911) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 5 (2.2.1911)
Date
1911-02-02
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Der tz-raekt. Zufriedenheit der gesamten Bevölkerung wachzurufen geeignet ist. Deshalb bin ich persönlich der Ansicht, daß die Sonntagsruhe niemals in Rußland zum Gesetz erhoben wird." Hoffentlich bewährt sich diese Auffaffunc meines Gewährsmannes. (Wir fürchten, sie ist zu optimistisch Red.) Berliner Brief. OBon unserm Korrespondenten.) E. B. T&ctün, 25. Jan. Mit Worten der Versöhnung und des Friedens hat der Alterspräsident, Herr Manheimer die erste Sitzung der Repräsentantenversammlung der jüdischen Gemeinde in dem neuen Jahre eingeleitet und auf dieselben Akkorde waren die Worte, mit denen der Vorsitzende des Vorstandes, Herr Jacoby die neugewählten Repräsentanten begrüßte, gestimmt. Daß eine solche, vom Geist der Gegensätze ausgleichenden Versöhnlichkeit getragene Politik in der Zukunft bei der Führung der Gemeindegeschäfte nur allzu geboten erscheint, diese Lehre hat der Ausgang der Novemberwahlen, die für die Opposition eine so überraschend große Wählerzahl ergaben, für jeden, der sehen will, ja auch mit aller Deutlichkeit gepredigt. Allein, was die liberale Majorität bisher an Taten aufzuweisen hat, steht mit diesen Worten in auffälligem Gegensatz. Nach parlamentarischem Brauch stand den Konservativen der Anspruch auf den zweiten Vorsitzendenposten zu. Scheinbar trugen die „Liberalen" diesem Anspruch denn auch Rechnung, indem sie Herrn Geheimrat Senator für das Amt in Vorschlag brachten. Aber daß sie trotz der in bestimmtestem Ton von dem greisen Gelehrten abgegebenen Erklärung, daß er eine Wahl unter keinen Umständen annehmen könne, an feiner Kandidatur festhielten und für ihn stimmten, um dann, nachdem der Gewählte seine Weigerung aufrechterhielt, ohne weiteres einen der ihrigen, ein Vorstandsmitglied der Johannisftraßen-Reformgenossenschast auf den Schild zu erheben, das bewies doch allzu klärlich, daß das Vorangegangene nur eine Farce war, bestimmt, „das Gesicht zu wahren". In der Tat handelte es sich um ein abgekartetes Spiel, welches in einer vorangegangenen Besprechung, zu der man, abweichend von der bisherigen Praxis, nur die „liberalen" Repräsentanten zugezogen hatte, in allen Teilen verabredet worden war, so daß die Herren zu der Sitzung bereits mit der fertigen Liste kamen. Dasselbe Spiel wiederholte sich, sicherem Vernehmen nach sogar gegen den Willen des Vorsitzenden, Herrn Louis Sachs, bei den Wahlen zu den Ausschüssen, wobei die bisherigen konservativen Vertreter, Herr Aron H^sch und Herr Lewinski aus den einflußreichen Ausschüssen herausgewählt und in nichtssagende Stellen versetzt wurden. Die Herren Liberalen wollen also offenbar ein ausgesprochenes Parteiregiment an die Stelle des bisher geübten Blocksystems treten lassen, und sie fühlen sich, wie ihre Taten beweisen, in der Macht so sicher, daß sie des Entgegenkommens gegen die Gegner glauben entraten zu können. Diese Tatsachen werden vor allem diejenigen gut tun zu würdigen, welche sich und anderen immer noch einzureden beflissen sind, daß in der von Männern der exessivsten Reform beherrschten jüdischen Gemeinde Berlins Platz an der Sonne für alle „Richtungen" geboten sei! Vom Standpunkt der politischen Dogmatik aus kann man der brutalen Offenheit, mit der der Liberalismus seine Geschäfte betreibt, ohne sich von Sentimentalität und Rücksichtnahme auf die Oeffentlichkeit und fremde Empfindungen beeinfluffen zu lassen, die Achtung nicht versagen. In diesem konsequenten, nur sich selbst befragenden Parteiegoismus ruhen die Wurzeln seiner zum Siege führenden Kraft - während die völlige Abwesenheit dieser für die Betätigung im öffentlichen Leben nun einmal unentbehrlichen Eigenschaften auf der Gegenseite nicht zuletzt deren Unfruchtbarkeit und ihren' Niedergang erklären. Wie war's doch in jenen Jahren, da die „Konservativen" über eine sichere Majorität im Repräfentantenkollegium verfügten? Fanden sie etwa damals den Mut, bei den von ihnen vorzunehmenden Vorstandswahlen Männer ihrer Partei zu kandidieren und zu wählen, oder wandelte sie nicht vielmehr die blasse Furcht an, man könnte ihnen Einseitigkeit und Parteiwirtschaft vorwerfen. (Wobei um der Gerechtigkeit willen übrigens angemerkt sei, daß der Vorstand derzeitig der Hort der Gewissensfreiheit gegenüber der Gewaltpolitik der „liberalen" Parteiführer in der Repräsentantenversammlung ist und es seinem mäßigenden Eingreifen zu danken ist, wenn die liberale Parteiparole nicht noch mehr als schon jetzt das Berliner Gemeindeleben beherrscht.) Und bei zahlreichen anderen Gelegenheiten war der Hergang ebenfalls stets derselbe: die Herren Konservativen fürchten nichts so sehr als den Vorwurf, sie wären Träger eines imperativen Mandats und übten ihre Befugnisse nicht kraft freier Entschließung, sondern nach den Wünschen ihrer Wähler aus. Den Liberalen ist diese Blässe des Entschlusses fremd; sie fühlen sich als Mandatare des liberalen Vereins unds cheren sich kein Jota um die „öffentliche Meinung". Und der Erfolg gibt ihnen Recht. sSchlup. folgt.) Los oon Berlin. G-artottenVurg, 31. Jan. Am verfloffenen Sonntag vormittag fand zur selben Stunde, in der die A. I. K. O. im Hotel Adlon tagte, im Theatersaal des Westens eine Versammlung jüdischer Einwohner Charlottenburgs statt. War auch diese Versammlung verhältnismäßig nur schwach besucht, so hatten sich doch die angesehensten Männer Charlottenburgs eingefunden, uns die Pläne des neuen Vereins „zur Vertretung der Interessen der jüdischen Gemetndemitglieder zu Charlottenburg" nunmehr näher kennen zu lehren. Bisher hat der Verein, obwohl er schon seit drei Monaten konstituiert ist, und vielleicht 8000 Cirkulare verschickt hat, die jüdische Oeffentlichkeit nicht beschäftigt. Es war daher umso interessanter nun endlich einmal aus dem Munde der führenden Persönlichkeiten über Zwecke und Ziele dieses Vereins etwas Authentisches zu erfahren; umsomehr, als es sich hier mit größter Wahrscheinlichkeit um eine Bewegung handelt, die bte Lostrennung der Außengemeinden von der großen jüdischen Gesamtgemeinde einleitet. Auch die Zusammensetzung des Vorstandes verdient eine besondere Beachtung, da man daraus ersehen kann, daß konservative und linksradikale Charlottenburger offenbar in vollkommener Uebereinstimmung und Hand in Hand gehen zu wollen scheinen. Der Vorstand umfaßt folgende Namen: Konsul Jos. Lotten, Stadtverordneter, als Vorsitzender, dann die Herren Aron Adler, Regierungsbaumeister L. Fränkel, Dr. Arthur Kahn und die Herren Stadtverordneten Ja st row, Bergmann, Rothholz, Johnberg und Oberlehrer Rosenthal. Nach Eröffnung der Versammlung durch Herrn Litten, legte als Referent Stadwervrdncter Be r gm a n n die Ziel? dar, die zu erstreben seien, die darin gipfelten, daß man denn doch in einem Gemeindewescn von 140 000 Seelen nicht durch den Willen und das Können Vvn 7 Vorstehern und 18 Repräsentanten befriedigende Verhältnisse schaffen kann. Schon das veraltete System, das feit vierzig Jahren auch nicht im mindesten fortgeschritten und dasselbe, wie zur Zeit, als die Gemeinde kaum den fünften Teil so groß gewesen, geblieben, beweist, das; die jüdische Gemeinde ganz anderer Reformen bedarf, als die, von denen man gewöhnlich spricht. Mindestens 20 000 jüdische Bewohner von Chariottenburg-Wilmersdors, welche die stärkste Steuerkraft repräsentiereu, haben das Recht darauf, eine gewisse Sekbstbestimmung für sich in Anspruch zu nehmen. Tas Steuersystem, das heute noch Hunderte der reichsten Inden nicht zur Besteuerung herangezogen und nur in der Technik sich geändert hat, nicht das geringste Mitbestimmungsrecht in der Armenirnd Synägogenvcrwaltung besitzt und durch kärgliche Subventionen nur kümmerlich vegetieren, sich aber nicht entfalten und zur Blüte gelangen kann, drängt zu größerer Aktionssreiheit. Ein anwesender Repräsentant der jüdischen Gemeinde, der sich als „Partei" fühlte, hatte keine _Rr. 5. Tritt 1 glückliche Stunde, als er in zweimaliger Rede die Darlegungen Bergmanns, die allerdings tveder neue, noch große Gesichtspunkte enthielt, zu entkräften suchte. Weit besser und schärfer traf Zustizrat Holz den Kernpunkt der Sach?, indem er auch das unschlüssige und wenig energische Verhalten des Vereins gegen die Hauptgcmeinde scharf geißelte. Tie Herren Johnberg und Tr. K a h n wandten sich gleichfalls scharf gegen den beschmichtigungsrätlichen ' Repräsentanten und Tr. Kahn mahnte diesen, für mehr Autonomie Eharlottenlnirgs bei der Gemeindevertretung Sorge zu tragen. So sehr er eine Lostrennuug Charlotteuburgs von der Hauptgemeinde im Interesse des Gesamtansehens, besonders uacf) außen hin, bekämpft, sieht er dennoch dieses Ereignis unausbleiblich eintreten, wenn matt in der OranienburgeiZtraße sich nicht endlich zu weilergehenden Konzessionen entschließt. So bescheiden die Versammlung auch besucht war, so nahm man doch allgemein den Eindruck mit> daß die „Los von Rom"-Bew gung nicht mehr einschlafen wird. Man hatte auch allgemein das Gefühl, daß die im Vorstand des Vereins befindlichen Leisetreter, die sich in fortwährenden Verbeugungen gegen Gemeindevorstand und Repräsentanz überboten, falls sie nicht energischer auftreten, von den Geistern, die sie riefen, überrannt werden dürsten. Rur noch ein halbes Dutzend, aber geschickter geleitete und breiter für die Oeffentlichkeit angetaner Versammlungen — und die Loslösung der Charlottenburger Juden von Berlin, ist in die Wege geleitet und nur noch eine Frage nächster Zeit. Wir werden diese bedeutungsvolle Bewegung im größten jüdischen Gemeinwesen Deutschlands selbstverständlich weiterverfolgen. Oestevvetrtz. Die Enauete über die Hoflase in 6ali?ien. Lemberg, 23. Januar. Im Landesausschuffe begann heute die auf Grund eines vom Landtage am 10. März 1907 aus Antrag des Abg. Dr. v. Löwen st ein gefaßten Beschlusses einberufene Enquete über die Judensrage in Galizien. Der Landtagsbeschluß lautete: „Der Landesausschuß wird angewiesen, die Ursachen der in der jüdischen Bevölkerung Galiziens überhandnehmenden Notlage zu Prüfen und dem Landtage über das Ergebnis, dieser Erhebungen Bericht zu erstatten sowie im Einvernehmen mit der Regierung Vorschläge über die Vermehrung der Erwerbsmöglichkeiten für die jüdische Bevölkerung und über die Einleitung einer Hilfsaktion zu Gunsten der notleidenden Juden zu unterbreiten." Landmarschall Graf Badeni eröffnet die Enquete mit einer Rede, in der er u. a. folgendes ausführte: „Dem Landtag war es darum zu tun, durch entsprechende Maßrege.n, die zwischen der christlichen und der jüdischen Bevölkerung Galiziens auf wirtschaftlichem und kulturellem Gebiete etwa bestehenden Unterschiede möglichst auszugleichen. Die Armut und das Elend unter den galizischen Juden haben erschreckende Dimensionen angenommen,' diese Armut ist je. och auf die allgemeine Notlage des Landes zurückjusühren,. der unbedingt abgeholfen werden müsse. Es wäre aber eine radikale und nicht bloß für den Augenblick berechnete Abhilfe notwendig." Abg. Dr. Löwen st ein drückt seinen Dank - für die Einberufung der Enquete aus und betont, daß er in der galizischen Juden frage jetzt: auf demselben Standpunkt stehe, den er vor drei Jahren bei der Begründung seines Antrages int; Landtage eingenommen habe. Die jüdische Bevölkerung Galiziens sei mit der polnischen Nation eng liiert. Die Notlage der galizischen Juden iilde den Ausfluß der Entwicklung der sozialen Verhältnisse des Landes seit den letzten Dezennien. Die vom Lande zum Zwecke der Selbsthilfe auf finanziell-wirtschaftlichem Gebiete in großem Maßstab eingel eitet? Aktion habe den üdischen Einwohnern sv manche Erwerbsmögichkeit genommen, ohne daß für sie irgendwelche neue Erwerbsquellen geschaffen wurden. Dadurch jabe sich die Zahl der jüöi'chen Proletarier in ungewöhnlich rascher Weise vermehrt. Dr. Aschkenase, Vizebürgermeister von

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