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Der Israelit · 1911-01-26 · Heft 4 (26.1.1911) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 4 (26.1.1911)
Date
1911-01-26
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Gelte 8. Nr. 4 Entschluß derjenWn, die uns versichert haben, daß sie uns mit Wohlwollen begegnen." Wie einig die Einigkeit bei den Judentümlern im Prinzip ist, dafür soll die Quintessenz einiger Fachartikel aus dem Zunftblatt der Herren als kleine Illustration dienen. Der Geistesheld Dr. Lenke, der seine Rabbinerei in Lugos betreibt, trügt imponierendes Material aus der traditionellen Literatur zusammen, um den Gottesdienst bis auf dasunbedingte Minimum zu reduzieren. Er hat mit seinem gelungenen Betstreichkonzert, das mit Predigt, Leinen, Chorgesang, Mischeberach rc. nicht länger als kaum 50 Minuten währt, feit 5 Jahren '„den Besuch des Gotteshauses um 20 bis 25 Prozent gesteigert." „Kürzen wir denJnhalt unseres Gottesdienstes — auf traditioneller Grundlage,' machen wir ihn zeitgemäß. Vielleicht gelingt es uns, die stetig entfliehenden Gläubigen noch zurückzuschleppen." Gleich auf der anderen Seite jammert der konservativistische Dr. Franz Lövy über den Verfall des Judentums aus Mangel an genügendem Religionsunterricht. „Vermehren wir das praktische Lehrmaterial, sonst verlieren wir mit der Zeit die ,Baale baattnV aus der Synagoge und der Kultusstube." Und zum Schluß philosophiert Dr. Diamant über die Machtlosigkeit der modernen Seelenhirten selbst den liberal-tolerantesten Gemeinden, wie es seine ist, gegenüber. Man braucht eine Mikwahsetzt die Ritualkomuussion zusammen, die als Haupt natürlich den Rabbiner bekommt. Von einer ersten Beratung will sich aber keine Spur zeigen, da die Herren konsequent von den Sitzungen fern bleiben. Aus besonderer Hochachtung für die Person des. Rabbiners will man ihm es nicht persönlich Mitteilen, daß man aus finanziellen Rücksichten den Bau fallen läßt. Und dort, wo solche Zustände herrschen, erwartet man, daß wir die gesetzlich gewährleistete Selbständigkeit aufgeben würden, um mit ihnen gemeinsam das Judentum auszuleben. Als ob wir „Schulchan Oruch" mit „gedecktem Tisch" identifizierten?! MMarrv. Juflenausroeifungen in Buchara. Wetersvurg, 11. Januar. Ein Telegramm aus Taschkent meldet: Aus der Stadt Merw sind 190 bucharischjüdische Familien und aus der Stadt Taschkent 17 jüdische Familien als Ausländer ausgewiesen worden. Unter den Ausgewiesenen befindet sich auch der Gemeinderabbiner Taschir von Taschkent.^ Nach dem russischen Gesetz haben in Turgestan nur diejenigen Juden das Wohnrecht, die sich dort nachweislich vor dem Jahre 1864 niedergelaffen haben. Alle andern Juden werden als Ausländer behandelt. Im vorigen Jahre weilte Rabbiner Taschir aus Taschkent in St. Petersburg, um an den maßgebenden Stellen eine mildere Handhabung der betreffenden Bestimungen durchzusetzen. Es schien damals, daß seine Intervention von Erfolg begleitet war. Nun ist er selbst von der Ausweisung betroffen worden, und der Ausweisungsbefehl erstreckt sich sogar auf die in Merw wohnenten bucharischen Juden, obgleich das Gesetz vom 5. Juni 1900 das transkaspische Gebiet ausdrücklich von den fraglichen Bestimmungen ausnimmt. Die Lage der ausgewiesenen Juden ist eine verzweifelte.-Sie müssen ihre ganze Habe zu Schleuderpreisen verkaufen und alle ihre Geschäfte liquidieren. Petersburg, 13. Jan. Die Dumakommission für städtische Angelegenheiten hat dieser Tage die Vorberatungen über die Vorlage betreffs Einführung kommunaler Selbstverwaltung in Polen zu Ende geführt. Vor der endgültigen Abstimmung über die gesamte Vorlage verlangten Fried mann und Petrowsky eine nochmalige Lesung und Durchberatung derjenigen Bestimmungen, die eine Rechtseinschränkung der Juden enthalten. Ab- _Der JSraeltt._ geordneter Maslennikow trat mit großer Wärme für diesen Antrag ein. In seiner Rede unterzog er die betreffenden Bestimmungen einer scharfen Kritik und protestierte ganz entschieden gegen den geplanten Rechtsraub an den Juden. Der Antrag Friedmann-Petrowsky wurde zur Abstimmung gestellt und mit allen gegen fünf Stimmen abgelehnt. Diesmal waren die polnischen Abgeordneten muttger und stimmten offen gegen den Antrag. Sonst hätten die Herren sehr leicht die Partie verlieren können: wurde doch die Rechtseinschränkung der Juden seinerzeit mit einer Mehrheit von nur einer Stimme angenommen. Charakteristisch ist, daß in derselben Sitzung ein ähnlicher Antrag, einen anderen Punkt betreffend, eingebracht wurde, und die Kommission keinen Anstand nahm, den betreffenden Punkt einer erneuten Beratung zu unterziehen. Vom ssagon-projekle. Hketersbnrg, 20. Januar. Das von der Kadettenpartei eingebrachte Gesetzprojekt zur Abschaffung des jüdischen Ansiedlungsgebietes in Rußland dürste schon in den nächsten Tagen in der Duma zur Verhandlung geraten. Die Verzögerung ist hauptsächlich dem Umstande zuzuschreiben, daß der verläßlichste und bedeutendste Verfechter dieses judenfreundlichen Gesetzentwurfes, der Dumadeputirte K a r a u l o ff, vor einigen Tagen, wie von uns berichtet, zum größten Leidwesen der liberalen Kreise Rußlands gestorben ist. Es war schwer für diesen ausgezeichneten Mann, der das gesammte Material vollständig beherrschte und es übernommen hatte, in der Duma in einer großangelegten Rede den Gesetzentwurf zu vertreten, einen nur halbwegs ebenbürtigen Ersatz zu finden. Nun beschloß die Kadettenpartei, den Deputirten Schingareff mit dieser wichtigen Aufgabe zu betrauen. Schingareff hat wiederholt in der Duma das Wort zu Gunsten der Juden ergriffen und sich stets als gründlicher Kenner der Judenfrage gezeigt. Nach diesem Beschluffe steht der Besprechung des Gesetzentwurfes nichts mehr im Wege und da auch die Reaktionären sich zu heftigem Kampfe gegen die Vorlage rüsten, so stehen für die nächste Zeit sehr erregte Judendebatten in der russischen Duma bevor. Gnglanv. finklagen gegen die Jca. «London, 8. Januar. Eine von den „Poalet Zion" einberufene Protest-Versammlung gegen die „Jca" behandelte Samstag Abend die Verhältnisse in den jüdischen Kolonien Argentiniens. Referent war Leon Chazanowicz, der eine große Reihe von Beschwerden gegen die Jca-Berwaltung vorbrachte. Schon die Verträge, welche *die Jca mit den Kolonisten abschließe, seien hart und drückend und ihrem Inhalte nach, da sie in spanischer Sprache abgefaßt würden, den Kolonisten von vornherein unverständlich. Das Bestreben der Kolonisten, sich auf eigene Füße zu stelle», werde geradezu bekämpft. Die Verwaltung hätte ein reines Sptonagesystem organisiert, das alle Klagen gegen die Administratoren unmöglich machen solle, und das auch die Herzlichkeit der Beziehungen unter den Kolonisten selbst verhindere. Das Resultat des ganzen Verwaltungs- Systems sei eine Demoralisierung der jüdischen Bevölkerung in den Kolonien. Obgleich die Versammlung die vorgeschlagene Resolution im Sinne des Referenten einstimmig annahm, wird man zunächst natürlich die Antwort der Jca-Verwaltung hören müssen, bevor man sich entschließt, diesen schweren Anklagen ohne weites Glauben zu schenken. V<r1äst1rr<r. Verschiedenes aus Palästina. Jaffa, 5. Januar. Das Ausbleiben eines genügenden Frühregens beginnt auf alle interessierten Kreise be- 26. Januar 1911 unruhigend zu wirken. Bis nun ist nur wenig Regen niedergegangen, so daß harter Boden noch nicht gepflügt werden kann. Ebenso sind die Zisternen in Jerusalem noch nicht gefüllt, worunter insbesondere die arme jüdische Bevölkerung sehr zu leiden hat. Wenn es nicht in nächster Zeit reichlich regnen wird, so wird voraussichtlich das kommende Jahr für den Körnerbau ein sehr ungünstiges sein und die allgemeine Teuerung wird noch einen größeren Umfang annehmen als sie schon bis jetzt erreicht hat. * * Die jüdische Gemeinde in Damaskus hat Rabbi Jakob Da non aus Jerusalem zum Chachambaschi gewählt und mit ihm einen Vertrag für fünf Jahre abgeschlossen. Die jüdischen Gemeindeverhältniffe in Damaskus wie in vielen anderen Städten Syriens liegen sehr im argen, da es an jeder Organisation fehlt und die wichtigsten Institutionen der jüdischen Gemeinde nur mangelhaft oder gar nicht eingerichtet sind. Von der Tätigkeit des neuen Oberrabbiners erwartet man nach dieser Richtung eine durchgreifende Besserung. Amerika. Aluenos-Aires, 20. Dezb. Der für den 17. Dezember 1910 nach Buenos-Aires einberufene erste Kongreß jüdischer Kolonisten war nicht so stark besucht, wie erwartet wurde. Es waren im Ganzen vier Kolonien durch 12 Delegirte vertreten. Nach eingehender Beratung, an welcher auch viele Juden aus Buenos-Aires teilnahmen, wurde die Gründung einer „Confederaeton Agrica Argentina Jsraelita" beschloffen und das Statut der Gesellschaft genehmigt. Die Konferenz schloß mit einem Hoch auf die argentinische Republick. Australier», nuftralifdie Briefe- (Bon unserem Korrespondenten.) I. L. K. Melbourne, 3. Jan. Es dürften 60 Jahre her sein, daß eine starke Einwanderung aus Europa hier einsetzte und auch eine ansehnliche Zahl von Juden brachte, die ihr Glück in dem neuen, verheißenden Lande versuchen wollten. Es war eine abenteuerliche Fahrt ins absolut Ungewisse, die diese ersten Emigranten unternahmen, eine Fahrt, bei der tausende von Meilen auf primitiven, von Wind und Wetter abhängigen Segelschiffen zurückgelegt wurden und überreich an Strapazen, Entbehrungen und Gefahren war. Wenn man den Erzählungen dieser älteren Ansiedler lauscht, so glaubt man, romantische und phantastische Berichte zu hören, wie wir sie alle in Reiseschriften gelesen haben,' wenn wir hören, daß diese Kolonisten vor nur 50 Jahren im Zentrum von Melbourne ihr Zelt — im getreuen Sinn des Wortes — aufschlugen und damit von dem betreffenden Stück Land Besitz ergriffen hatten. In demselben Melbourne, das heute nach knappen 50 Jahren eine hochmoderne Hauptstadt geworden ist, die mit ihren Wolkenkratzern, die sich neben kleinen, alten Häusern in der City erheben, einen imponierenden Eindruck macht, demselben Melbourne, das die herrlichsten Straßenzüge und öffentlichen Gärten aufwetst, das eine moderne Weltstadt mit einem Riesenverkehr geworden ist. Die jüdischen Kolonisten verteilten sich über alle australischen Staaten, Neuseeland mit eingeschlossen, und widmeten sich den verschiedensten Berusszweigen. Vorzüglich aber dem Handel, der Spekulation mit Land- und Minenwerten. Nur wenige widmeten sich dem Ackerbau und der Viehzucht, welch letztere einen großen Faktor im Leben Australiens bedeutet. Ein junges Land, wie es Australien ist, bietet feinen Ansiedlern gute Chancen und großes Betätigungsfeld. Auch im polittschen und kom-

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