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Der Israelit · 1911-01-26 · Heft 4 (26.1.1911) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 4 (26.1.1911)
Date
1911-01-26
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Sette 4 Nr. 4 Der Israelit. 26. Januar 1911. liberalem Judentum knapp und scharf um- . schreibt, in möglichst kurzer Zeit auszuarbeiten, den Mitgliedern zur Unterschrift zuzusenden und mit den Unterschriften zu veröffentlichen." Zu diesen beiden Beschlüssen bemerkt die angeblich so orthodoxiefreundltche Mittelpartei durch den Mund ihres Redakteurs: „Wir stehen der Orthodoxie gewiß nicht feindlich gegenüber und wir gönnen ihr jede Entfaltung, aber wir müssen gestehen, daß wir das Resultat dieser Versammlung als erfreulich nicht bezeichnen können. Die ganze Versammlung war von dem Geiste der Trennung beseelt und das weiteste Abrücken von der Gesamtheit erscheint den Führern als höchstes Ideal. Sie geben die nichtorthodoxe Judenheit ganz auf, weil sie sich für die einzigen Träger des wahren Judentums halten. Daher verwerfen sie jede einheitliche Organisation, jede Berührung mit den Andersdenkenden. Das ist eine traurige und nicht einmal jüdische Anschauung. Wissen .diese „traditionellen" Rabbiner nicht, daß die Einheit des Judentums die höchste und heiligste Tradition in Israel ist? Verstehen die Herrn die Zeichen der Zeit nicht? Glauben Sie wirklich, daß, wenn ihre Sehnsucht erfüllt würde und die liberale Judenheit zugrunde ginge, ihr Häuflein das Judentum zu retten vermöchte? Es »st tief traurig, daß diese Herren Habbiner mit geschlossenen Augen in der Welt umhergehen und nicht sehen, wie ernst die Zeit ist. Man wird bald in dieser extremen Orthodoxie eine ebenso große Gefahr für die Entwickelung des Judentums erblicken müssen, wie in dem liberalen Radikalismus. D. Red. Da haben wirs! Herr Schach hat sich aus seiner früheren Tätigkeit das Schimpfen auf die von ihm mit einem geradezu unheimlichen Haß verfolgte, als ..verknöchert" und „versteinert" denunzierte Orthodoxie so angewöhnt, daß er, wie es scheint, sein Sprüchlein auch dort aufsagt, wo es auch im entferntesten nicht hinpaßt. Eine Versammlung, also, die sich bereit erklärt, alle das gesetzestreüe Judentum nicht gefährdenden Bestrebungen zur Beseitigung der Notlage leistungsschwacher Gemeinden zu fördern, ist — vom Geiste der Trennung beseelt und will, von der Gesamtheit nichts wissen! Eine Versammlung von Rabbinern, die, ganz im Geiste der schönen Rede/ die Herr Rabbiner Dr. Werner seinerzeit auf dem Gemeindetag gehalten hat, für die Autorität des Reltgionsgesetzes und seiner Vertreter eintritt, hält ßjty für den „einzigen Träger des wahren Judentums". Im übrigen: wem der Begriff „Judentum" zu einem leeren Rahmen geworden ist, in den man nach Belieben alle möglichen Phrasen und nichtssagenden modernen Redensrten einfüllen kann, der hat es allerdings leicht, ach — nicht für den Träger des einzig wahren Judentums zu halten, sondern über jeden herzufallen, der Klarheit und Aufrichtigkeit an die Stelle der Phrase und des TW nvIL DT'yDn setzen will. Für Männer von wahrer Ueberzeugungstreue und klarer Erkenntnnis bedeutet es, trotz Herrn Schach, durchaus keine Beschimpfung, wenn sie die überlieferte Anschauung des Judentums und nicht daneben auch noch das Gegenteil für wahr und zuverlässig halten. Der Sinn für Wahrhaftigkeit scheint aber, und das ist das traurigste an dieser Enunziation, dem journalistischen Vertreter der Mittelpartei in so hohem Maße abhanden gekommen zu sein, daß er den Wunsch der gesetzestreuen Rabbiner, die unterscheidenden Merkmale zwischen glaubenstreuem und liberalem Judentum klar dargestellt zu sehen, als „Sehnsucht nach dem Untergang der liberalen Judenheit" charakterisiert! Man sieht, daß ungeheuerliche Nebertreibungen nicht das Vorrecht der entschiedenen „Parteien" rechts und links sind, sondern daß selbst die Ja und Nein mit gleicher Liebe umfassende Mittelpartei einen recht netten Parteifanatismus zu entwickeln beginnt. Charity begins at home! Wie wärs, wenn die Herren mit ihrer „versöhnenden" Tätigkeit nun einmal bei sich und ihrem Organe einfetzten? vas neue Hirhlfthe Schulgefek. Ein wahres Ehrenzeugnis für den Geist der Toleranz, der die innere Politik der neuen Türket beseelt, ist der vom Minister Emoullah Efendi vor kurzem in der Kammer eingebrachte Gesetzentwurf über den öffentlichen Unterricht. Auch für das jüdische Schulwesen im türkischen Reiche ist der Entwurf von höchster Wichtigkeit. Speziell über diejüdischeSchulen enthält die Vorlage folgende Bestimmung: „Die jüdischen Schulen sind entweder Anstalten der Gemeinden oder Privatschulen. Eine Privatschute darf ohne Autorisation nicht eröffnet werden. Das Gesuch um Autorisierung ist an die Lokalbehörde, an den Unterrichtsrat der Provinz und an den Wali der Provinz zu gleicher Zeit zu richtenerfolgt binnen vier Wochen keine Antwort von der Lokalbehörde, so muß der Wali entscheiden. Die Privatschulen können von der Regierung Subvention verlangen, aber ihre Lehrer haben, zum Unterschiede von den staatlich angestellten, kein Pensionsrecht. Die Leiter der Privatschulen können ihre Lehrer, ihre Lehrbücher und ihr Lehrprogramm frei wählen, doch müssen die Programme denen der gleichstufigen Regierungsanstalten entsprechen. Obligatorisch sind neben den Realfächern Türkisch und ottomanische Geschichte." Des Fernern sind noch folgende Bestimmungen des Entwurfes für das jüdische Schulwesen von Interesse: „Der Bolksschulunterricht wird allgemein und obligatorisch. AlsUnterrichtssprache ist jede beliebige Sprache erlaubt, doch ist in allen Fällen der Unterricht im Türkischen in das Programm aufzunehmen. Die staatlichen Schulinspektoren haben jederzeit freien Zutritt zu den Schulen. Die von ihnen zurückgewiesenen Schulbücher sind aus dem Gebrauche zu entfernen. Doch ist der Religionsunterricht von dieser staatlichen Aufsicht frei, die durch eine Aufsicht von geistlichen Beamten der betreffenden Religionsgemeinschaft ersetzt wird. Die Kinder nichtmuselmantschen Glaubens in den staatlichen Anstalten werden an diesen einen eigenen Religionsunterricht durch Geistliche ihrer Gemeinschaft empfangen. Lehrer an sämtlichen also auch an Gemeinde- und Privatschulen, dürfen nur ottomanische Untertanen sein. Jedoch können ausländische Lehrer eine spezielle Autorisation von fetten der Regierung erlangen. Es wird den Schulen, die in irgend einer Hinsicht den Forderungen des neuen Gesetzes nicht entsprechen, ein Zeitraum von vier Jahren gelassen, um sich ihnen anzupassen." Die weitgehende Rücksichtnahme aus die nichtmuselmanische Bevölkerung, die den Entwurf auszeichnet, darf uns jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß manche Bestimmung desselben wie etwa die über den der geistlichen Oberaufsicht unterstellten Religionsunterricht — noch der Klärung resp. der Ergänzung bedarf, wenn sie der Tendenz der Religionsfreiheit, aus der die Vorlage unverkennbar geboren ist, ganz ensprechen soll. Es bedarf im weiteren noch kaum erst gesagt zu werden, daß der durchaus billigen Forderung der Vorlage, in allen Schulen die türkische Sprache obligatorisch einzuführen auch von jüdischer Seite gern genügt werden wird, da sich diese Maßnahme schon aus praktischen Gründen — die in den Aüianceschulen der Türket bislang nur zu wenig Beachtung gefunden haben — und im Interesse der Zöglinge, die ohne Kenntnis der Landessprache keine Zukunft im Lande haben, sehr empfiehlt. Von höchster Wichtigkeit ist aber die für den erstand: dafür steht auch, der Name seiner Frau mit dem einer Tnrchlaucht und mehreren Excellenzen zusammen. ,||; j||. Hundertsünszig Mark für einen Tag erregten Neides! Sehr billig. Wieviel Mark sind für die Unsterblichkeit erforderlich? So übt Berlin W. Wohltätigkeit. Aber das wahre und des Mitleids würdige Elend „profitiert" nichts dabei. Man braucht noch nicht einmal das Zentrum der Stadt zu überschreiten, um die grenzenlose, jüdische Ar m n t, in ihrer .verängstigten Verborgenheit. kennen zu lernen. Frierende jüdische Frauen mit frierenden Kindern in unheizbaren Tachstuben, häufiger noch in vor Nässe triefenden, in steter Dämmerung liegenden Kellerwohnungen: frierende und hungernde jüdische Frauen mit frierenden, hungernden jüdischen Kindern, deren Männer nnd Väter verzweifelt nach Arbeit suchen, selber frierend und hungernd. Was bedeutet aber der eigene Hunger eines vergeblich nach Arbeit suchenden Vaters, der eigne Hunger der Mutter, wenn die Kinder klüglich und vergeblich nach Brod, nur ein Stückchen Brot schreien? Und so was gibts in Berlin: täglich, stündlich: schon im Zentrum: und erst im Norden und Osten, Ivo die arinen Leute wohnen, die nicht betteln wollen, nicht betteln können. Nun, Ihre Tnrchlaucht Prinzessin Elisabeth! Und Sie, Cxcellenz Frau Staatsminister von . . . ., wie wärs? Tarf ich Sic einmal durch dieses nrir wohlbekannte Berlin, 0 und Nord unb Ost führen? Nur einen Vormittag? Doch Sie haben Recht! Wo es chrittbalbhunderr jüdische Millionäre gibt, da mögen die doch für ihre „Glaubensgenossen" (wer lacht nicht bei diesem Wort!) sorgen. Na, also, Herr Rentier Abraham nnd Frau A. als Vorsitzende der Volksküche und die jüdischen, wohltätig wirkenden Herren und Damen, gehen Sie mit! Ich bin gerne erbötig, Jhiren Armut, j tt d i s ch e Ar,„nt, die hungert, friert, oft abdaclilos ist, aber doch nicht betteln geht, zn zeigen. Aber, Sie gehen ja nicht mit nur: bitte, keine Entschuldigung, weist schon, iveist schon. Elchanan. €in Geöenktag 4er frankfurter Ghetto. Ai» 21. Teweth dieses Jahres ist der 200. Jahrestag des historischen G h e tt o b r a n d e s in Fr a n ks u r t a. M. Ter Hergang dieser Katastrophe, unter der die Frankfurter Juden Jahrzehnte hindurch schwer zu leiden hatten, stellt sich nach beit Geschichtsqnellen »olgendormaßen dar: Am Miltwocchdei, 2-1. Teweth 5471 (14. Januar 1711), abends gegen 8 Uhr, brach der Brand in der Wohnung des Oberrabbiners Naphtali Eohen aus und legte in 24stündiger, von Wind, Wassermangel nnd der Kopflosigkeit der Leute begünstigter Dauer das ganze Ghetto, bis aus das einem Jakob Buchsbanm gehörende Hinterhaus zum Stuhle in Asche. Alle Gegenmaßregeln, an denen sich neben einer Ratsdeputation auch die christliche Bevölkerung Frankfurts und die durch den weithin — nach Schndt sogar bis ans die Wartburg — sichtbaren Feuerschein hcrbeigelockten auswärtigen Löschmannschaften beteiligten, erwiesen sich als erfolglos. Als ein Glück war es zu betrachten, daß der von Flammen nmzüngelte, mit Pulver und Munition gefüllte Mönchsturm sich als widerstandsfähig erwies. Ter Tag des Brandes, 24. Tebeth, wurde als Buß- und Fasttag mit einem für diesen Tag verfaßten und das Brandunglück behandelnden Gebet in der Frankfurter Gemeinde eingesetzt. Ungeheuer und aus viele Jahrzehnte hinaus schwer fühlbar war der Schaden, den die Judenheit erlitten hatte, und von dem viele Minderbemittelte sich nicht mehr erholen konnten. Auch der piit mehr als 100.000 Reichstaler bewertete Berlnst vieler alter Handschriften, Bücher nnd Thorarollen, von denen allein 30 'verbrannten, wurde allseitig als schweres Unglück empfunden und beklagt. Tie wohlhabenden Inden siedelten sich einstweilen als Mieter in der Stadt'an, den ärmsten ließ der Rat das sogenannte Pestilenzyaus als Unterkunstsstätte anw.isen, und die meiste»! Minderbemittelten fanden in den benachbarten Orten und Herrschaften Ausnahme. So auch in dein daiualigen Gebiete des Teutschen Ritter-Ordens im heutigen Württemberg. In diesem fanden sie ent schieden in mehrfacher Hinsicht günstigere Rechtsverhältnisse vor, als sie in Frankfurt verlassen hatten. Nicht nur, daß es im ganzen Ordensgebiete, trotz der dahinziele,lden Bestrebungen einzelner gehässiger Beamten, niemals zur Errichtung eines Ghettos kam, nicht einmal die Bezeichnung „Judengasse" wollte», die Deutschmeister auskommen lassen. Ueber die eigentliche Entstehungsursache des Frankfurter Brandes konnte nichts Sicheres ermittelt werden. Ter Bolksmnnd führte diese, wie Schndt erzählt, ans den im Rufe eines großen, mit übernatürlichen Kräften begabten Kabalisten stehenden Rabbiner Cohen zurück, den der Rat denn auch trotz aller Beteuerung seiner Schuldlosigkeit in Hast nahm nnd erst am 21. Mai 1711 gegen eine Kaution von iöoo Gulden und zwei Uhren entließ. Cohen hat dann Frankfurt sofort verlassen.

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