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Der Israelit · 1911-01-26 · Heft 4 (26.1.1911) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 4 (26.1.1911)
Date
1911-01-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Sie alle aber, einschließlich der zionistischen Abgeordneten, stehen dem geistigen und religiösen Leben der galizischen Juden, dem eigentlichen Kern ihres Wesens, vollständig fremd und fern, sie alle haben eine Knlturaufsassung, die der im galizischen Ghetto, über welches sie sich hoch erhaben fühlenhiaMatral zuwiderläust. In Galizien selbst ist gewiß kein Mangel an Männern, die, wahre Volkskenner und Volksfreunde, seit Jahren der jüdischen Lage ihr ganzes Interesse widmen. Wir erinnern nur an die bedeutenden Chassidimrabbis, zu denen das Bglk mit seinen Leiden und Wünschen, seinem Hoffen und Sehnen vertrauensvoll kowmt. Es gibt heute vereinzelt in den größeren Städten Galiziens auch Laien genug, die auf dem Boden des altüberlieferten Judentums und auf der Höhe der Kultur zugleich stehend, mit ihren Glaubensbrüdern leben und fühlen all ihre Interessen und Bedürfnisse von Grund aus kennen und sie seit Jahrzehnten in den Gemeindest'und Koinmunen mit Erfolg vertreten. All diese Leute sind vom Landesansschuß bei der Einberufung der Enquete glatt ignoriert worden. Dagegen haben in der Versammlung ihre Ehrenplätze erhalten, die jüdischen Herren von der allpolnischen, alldeutschen und sozialistischen Fraktion n. s. w. Auch der ehrenwerte Herr Dr. Diamant fehlt nicht, dieser Herr, der im letzten Sommer mit seinem Gesinnungsfreunde Ellbogen auf dem internationalen Sozialistenkongreß in StdcHilM eine Resolution zu Gunsten der unterdrückten Finnen nunb Polen mit gtÄMv Verve vertritt,"^ nach Wien zurückge?ehrt aber nichts Besseres zu tun hatte, als eine tief bedauerliche Familientragödie - den Fall Kluger — vor das Forum des Parlamentes zu zerren und somit sich und seinen anderen Kollegen von den verschiedenen antisemitischen Fakultäten die willkommene Gelegenheit zu verschaffen, von den „jüdischen Finsterlingen und Bildungsfeinden" in Galizien zu sprechen, „deren Kinder von Staats wegen zwangsweise entgegen dem Willen der Eltern zur Kultur und geistigen Freiheit erzogen werden müßten." Und diesen Herren soll es Vorbehalten sein, über die Zukunft des jüdischen Galizien zu entscheiden! So wenig realen Boden die.ganze Aktion hat, und so sehr man immermehr geneigt ist, in der ganzen Enquete eine Farce, eine Wiederlicherweise noch eine Abwechslung bringen. Auch die Five 0' clock Tcas sind schon langweilig geworden. Und selbst der Abend läßt sich schon nicht mehr abwechslungsvoll gestalten; ob man nun zu einer befreundeten Familie geht oder richtiger fährt, oder eine Gruppe von Freunden in der ebenfalls schon verbrauchten Schablone absüttert, oder zu einer Premiere ins Theater und zuletzt ins Cabaret geht. Alles schon dagewesen, schon bis zum kraukmachcnden lkeberflnft Bon den tagläglichen Ausstellungen, im Zoo oder bei Eassier^biockum« keinryGreude mehr und wirkliche Zerstrcuu«MAi»H^Al<rhLeü Genuß mehr zu erwarten. Wie furchtbar lang.kann doch ein Tag werden! Und der Reichtum zum Fluch und Nnsegen. Selbst eine Weltstadt kann unsern Reichen nichts mehr bieten und sogar die Flucht nach dem Siiden kann nicht mehr vor der Langeweile retten. Ihr fallen die reichen Damen zum Opfer. Man möchte schon etwas Besonderes darum geben, wenn Jemand etwas wirklich Neues, etwas Zerstreuendes lind Aufheiterndes bringen wollte oder könnte. Diese reichen Damen und Armen im Geiste und arm an Herz und Gemüt, die der Tag immer mehr innerlich abtötet, sie sterben demnächst vor Langeweile, sie sterben an sich selber, an ihrer eigenen Umgebung. Bietet denn die Großstadt wirklich gar nichts mehr Anreizendes, was die stumpfe „Geistestätigkeit" (?) ein wenig anregen und aufrütteln könnte? Und wenn sie eines Tages wirklich sterben, so hat die Welt nichts an ihnen verloren und zu beklagen. Und die Weltstadt birgt doch so ungeheuer viel in ihrem Schoß, wovon freilich der reiche Westen nichts erfährt, gar nichts tvissen will. Merkwürdig, daß dieselben Damen, die sich tagelang von ihrer Schneiderin für das neue Kvstüm zu ■at. Der J-raelK holung des Wahlmanövers von 1907 zu sehend so wird man doch im Hinblick auf die kulturelle Seite der Sache in Galizien zur Vorsicht und gesteigerten Achtsamkeit mahnen müssen. Tenn gerade die Anregungen und Vorschläge nach der kulturellen Seite hin sind von der Art, die antz meisten von verschiedenen Seiten propagiert werden, und auch nach der Natur der Sache am leichtesten durchzusühren sind. Mit der Nichtbeachtung der Äiquete seitens der galizischen Juden ist daher nichts getan. Sie müssen unter Umständen auch kampfbereit sein, um sich gegen die „Freunde" zur Wehr zu setzen. Sie müssen in eigenen Versammlungen und von ihnen selbst nach eigenem Gutdünken und nach Maßgabe der Verhältnisse gebildeten Kommissionen ihre Wünsche Präzisieren und sie all den von unberufener Seite ihnen ausgedrängten kulturellen Hülseleistungen wirksam entgegenhalten. Besser wird es aber in Galizien nicht eher werden', als bis die Juden die Vertretung ihrer Lebensintcresseu nicht in die Hände von Polen oder Deutschen oder auch dem jüdischen Geistesleben fernstehenden Nationaljuden legen, sondern aus der eigenen Mitte die Männer ihres Vertrauens in das Parlament senden, die den Willen und auch die nötige Sachkunde haben, für die jüdische Sache in Galizien einzustehen. Es ist zu hoffen, daß die Juden Galiziens sich auch durch dieses erneute Wahlmanöver von dem Wege nach der bezeichneten Richtung, den sie, worauf viele Zeichen der letzten zwei Jahre hindeuten, bereits eingeschlagen haben, nicht mehr werden abdrängen lassen. MochenrunWav. 6Ine Sanfare Ser ITUffefparfei. Die an dieser Stelle schon einige Male erwähnte „Mittelpartet" hat es seit kurzem zu einem eigenen Organe gebracht, das unter dem Titel „Israelitisches Wochenblatt" erscheint und von Fabius Schach redigiert wird. Die allgemeinen Anschauungen dieses nicht unbegabten Schriftstellers über jüdische Angelegenheiten sind aus seinen zahlreichen Artikeln, früher in zionistischen Blättern, später im Cölner Gemeindeblatt und neuerdings im Berliner General-Anzeiger, zur Genüge bekannt. Für die Mittel- I Partei ist Herr Fabius Schach insofern geradezu I den immer gewitterschwül bvofyettbcn Wohltätigkeitsbazarerl quälen lasten, niemals daran denken, das Elend, für das sie Verkäuferinnen auf den Wohltätigkeitssesten spielen, einmal selber an seinem Sitz kennen;u lernen. Doch, welche Zumutung an eine Dame im Berliner W,, die doch an einem Bazarstand dafür Verkäuferin spielt, sich dafür bis zirr Grenze der Hoftoilelte dekolletiert, liebenstvürdig intb frivol lächelt und. dafür Silber irrrd Goldmünzen einheililst. Alles zu Besten der Armen. Ta soll mir mir eiirer noch einmal sagen, die Damen in Berlin W., dem verlästerten W., seien nicht wohltätig und für ihre Mitmenschen ganz und gar überflüssig rmd für die Gesamtmenschheit eher sogar schädlich! Bei solchen Nützlichkeits-Zerstreuungen für die Armen machen die Damen des „vornehmen" Berliner Westens stets mit. "Allerdings kommt es darauf an, sehr daraus an. „Worauf?" höre ich erstaunt die naiven Leser fragen. Nun, es konrint daraus an, woher die Anregung kommt. Wenn von jüdischer Seite, dann ist es mit der Beteiligung Essig, ivie ein nicht unglücklich gewählter Ansdruck lautet. Nein, so billig gibt sich die „vornehine" jüdische Dame W. noch lange nicht her. Und für eine rein jüdische Veranstaltung erst recht nicht. Ja, wenn von nichtjüdischcr Seite unter hoher Protektion an die Wohltätigkeit appelliert wird, ja, dann ist das was gänz anderes. Wie z. B. gerade diese Woche „zum Besten der Kinder-Bolksküelwn und der Volksküche Gormanstraße" ein Frnhtingssest in Südtirol veranstaltet wird. Nicht in Südtirol selber, sondern bei Kroll in Berlin. Diese Volksküche »rar anfänglich für arme jüdische Arbeiter, Studenten, Arbeits- und Heimatlose, Durchwanderer usw. bestimmt, hat aber sehr bald No. 4. Sette 3 prädestiniert, als et von jeher sowohl über die Liberalen, als über die Orthodoxie weidlich her- - gezogen ist und sich für eine alles „Jüdische" , umfassende Art von Judentum begeisterte, der man in Süddeutschland unter Zuhilfenahme des j gastronomischen Lexikons paffender Weife den I Namen „minnig", in Norddeutschland die nicht j minder treffende Bezeichnung „parve" geben kann. ] Was Herr Schach äv facto unter Judentum ver- } steht, weiß — des sind wir sicher — niemand, 1 der seine zahlreichen Aufsätze gelesen hatnur j so viel steht fest, daß Liberalismus, Orthodoxie, \ Zionismus allesamt nichts taugen, und daß j die Fahrt zum wahren Judentum in unbes kannte Fernen sich verliert, hinter deren Woljj ker- und Nebelschleiern das Judentum des j Herrn Schach in undurchdringlicher Verborgenheit. j thront. j Merkwürdigerweise scheint nun aber der jourj nalistische Vertreter der Mittelpartet den Moment für gekommen zu erachten, aus seiner J parteilosen Wolkenhöhe herabzusteigen und — j wenn auch nicht über das Judentum, so doch jj über seine eigenen Gesinnungen etwas deut- ) licher zu reden. Er berichtet nämlich in dec j neuesten Nummer seines Blattes über die Bet schlöffe der Generalversammlung der „Beremt- | gung traditionell - gesetzestreuer R.ab- | Biner" zu den Organisations - Bestrebungen. j Bekanntlich wurde dort folgende Resolutton ein- ) stimmig angenommen: „1. Die Generalversammlung der „Verein; gung tradittonell-gefttzästreuer Rabbiner" erklärt sich bereit, alle geeigneten und das ge- I setzestreue Judentum nicht gefährdenden Beftrebungen zur Beseittgung der Notlage lei- | ftungsfchwacher Gemeinden zu fördern; 2. Sie | erklärt, daß die durch das Gesetz vom Jahre ) 1847 erfolgte Ausschaltung des Rabbiners bei ) Bestimmunaen über Kultus, .Mtüs und in Sachen | des Religionsunterrichts im Widerspruch zu s dem jüdischen Religionsgesetz steht; 3. Sie legt )! entschieden Verwahrung gegen jeden Organi-? sationsentwurf ein, welcher die Selbständigj feit der einzelnen Gemeinden bedroht, die Ent- | scheidung in Religionssachen statt dem Rabbiner i den Gemeindebehörden zu weist und den Lchrcrn die gebührende Stellung vorenthält." i Eine weitere Resolution zu dem Thema J „Liberales Judentum" lautet: \ „Die „Vereinigung traditionell-gesetzestreucr | Rabbiner" erklärt es für die Pflicht jedes ihrer ji Mitglieder, die Gegensätze,' tvelche das über- | lieferte Judentum von den Lehren des sogen. z „liberalen" Judentums über Offenbarung und | die Religionspflichten trennen, durch fortge- | setzte, nachdrückliche Belehrung ins. rechte Licht zu setzen." „Der Vorstand der „Vereinigung traditiouell-gesetzestreuer Rabbiner" wird eri sucht, eine Erklärung, welche die unterscheiden- \ den Merkmale zwischen glaubenstreuem und l »Gnu spezifischen Charakter verloren und wird fast nur noch von Nichtjuden frequentiert. Und die Äiudervolksküche überhaupt nicht mehr von jüdischen' Kindern: kurzum, diese Volksküche ist vollkonnnen neutralisiert, „parwe" und trotzdem soll sie auch noch koscher sein. Bon verschiedenen Seiten wird dies aber bestritten, sogar mit dem Anerbieten des Wahrheitsbeiveises. Doch sollen diese Zweifel unsererseits nicht qe-eitt ivevden, obgleich der Spiritus rector dieser Mischkost- und MischkostgüngergriychuM,' ein sehr wohlhabender Jude war. Und nun findet zum Besten dieser Institution besagtes Frühlittgssest statt. Da Ihre Durchlaucht Prinzessin Elisabeth zu Hohenlohe-^chillingssürst den Ehrcnvorsitz übernommen, I!>re Excellenz Frau Staatsminister von Studt, Iran Admiral von Knorr und noch andere Excellenzen mitunterzeichnet haben, so brennen natürlich die „vornehmen" jüdischen Damen, gleichfalls mit ihren Namen den Glanz dieses Schnorrzettels zu erhöhen. Plötzlich, wie elektrisiert, begeistert sich das weibliche jüdische Berliner W. für Wohltätigkeit. Ta kommt es zuweilen zu recht amüsanten Intermezzos. Kaum hatte Frau Metzer geborene Salomon gelesen, daß Frau Baench geborene Evhn, Frau Stern und noch andere anheittielnd klingende Namen mit ihrer Durchlaucht znsammengedrnckt waren, da gab es lein Halten mehr. Herr Metzer, Ehegatte der geborenen Salomon, muhte sich sofort in sein Automobil stürzen und, wenn er keine böse Woche erleben wollte, alles aufbieten, um das llnglüch zu verhüten. Ein moralisches Recht hatte seine Gattin geborene Salomon zum mindesten so gut wie Frau Kathinka Lcvisohn, deren Eltern ja auch noch ihre Firma aus dem Mnhletrdamm hatten. Ich weiß aus authentischer Quelle, daß Herr Meyer fünfzig Biltete, Stück 3 Mark, für das Frühlingsfest MM»

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