Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1911)
- Date
- 1911-01-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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»«Sette S. Ih. V__ entworfen, das im ganzen Haus höchste Aufmerksamkeit erregte. Das Referat operierte mit Zahlen und Daten, deren lebendige Spache scheinbar in aller Herzen drang. Unter dem Eindruck dieses Referates wurde dann der Landesausschuß damit beauftragt, eine Enquete zu veranstalten und den jüdischen wie nichtjüdischen Kennern Galiziens und bewährten Nationalökonomen Gelegenheit zu geben, die Quellen des Judenelends bloßzulegen und die Mittel und Wege ausfindig zu machen, die zur Hilfe führten. Es war von vornherein auffallend, daß gerade die polnische S ch l a ch t a, die die Judenbedrückung sonst zum Programm ihrer Wirtschaftspolitik gemacht, sich der Sache so warm annahm. Und mißtrauisch gesinnte Leute sprachen damals schon den Verdacht aus, daß die ganze Sache weiter nichts als ein geschicktes Wahlmanöver seitens des polnischen Volkstribunen jüdischen Glaubens Löwenstein sei. Es handelte sich nämlich damals darum, die jüdischen Wähler für die Sache der Polen gegen die unbotmäßigen Ruthenen zu gewinnen. Hätten sich Juden und Ruthenen zur Wahrung ihrer Rechte verbunden, so manche polnische Position wäre doch dadurch ins Wanken geraten. Das Mittel hat sich bewährt. Vorn polnischen Lager winkte Hilfe, und man zeigte sich im Ghetto nicht undankbar. Man quittierte die versprochene Hilfsaktion pränumerando mit dem Stimmzettel mit welchem man, zum ersten Mal das allgemeine Wahlrecht ausübend, noch so wie so etwas unsicher und ungewiß hantierte. Daß die Skeptiker nicht ganz Unrecht hatten, beweist schon der Umstand, daß seitdem volle vier Jahre verstrichen sind, ohne daß in der Sache etwas geschehen wäre. Tie edlen Polen zeigten eine bedenkliche Gedächtnisschwäche in Bezug auf die Juden, und ihr einst mahnendes Gewissen, Herr Dr Löwenstein, schwieg und störte die Herren in ihrer Ruhe nicht. Aber der Stein war doch einmal ins Rollen gebracht und ließ sich nicht mehr aufhalten. Jetzt bemächtigten sich die anderen Parteien der Sache, besonders der Jüdische Club, und in Galizien selbst wollte man die Sache nicht losgeben. Tie Galizier bestanden aus ihrem Scheine, und was sie schwarz und weiß von den Polen hatten, ließen sie nicht so ohne weiteres aus der Welt schaffen. Interessant ist es, daß die Polen sich noch von Zeit zu Zeit ihres Versprechens erinnerten, und aus die Sache zurückkamen — so oft der Kampf im Parlamente solchewildeFormen annahm, daß man von einer Auflösung des Reichsrats sprach und sich die Perspektive von Neuwahlen einstellte. — In solchen Situationen pflegte der eine, oder andere Vertreter der Polen auch die Judensrage wieder aufzurollen, die aber DerA-riM. scheinbar ihre Lösung wiedergefunden hatte, sobald die Tinge wieder in ihr Geleise kamen, und die Parlaments-Maschine wieder ohne Störung funktionierte. ... Als sich nun im letzten Jahre die Verhältnisse in Galizien von Tag zu Tag verschlimmerten, als zu den Hunderttausenden Arbeits- und Brotlosen auch noch die tausenden ihrer Existenz beraubten Schenker hinzukamen, und andrerseits die Polen die traurige Erfahrung machen mußten, daß sich die Juden von ihrer Partei nach und nach abwandten, da konnte man die Sache doch nicht mehr länger hinausschieben. Hart genug erging es den Herren, bis sie sich endlich dazu entschlossen, in den.sauren Apfel zu beißen. Man verlegte die Enquete von einem Monate aus den anderen. Einmal war die Zeit nicht günstig, ein anderes Mal stand man vor den Wahlen, und wieder einmal hieß es, man habe jetzt weit Besseres und Wichtigeres zu tat, als sich mit den Juden und ihrem Elende zu befassen. Nun aber hat auch diese Geschichte der Verschiebungen ihr Ende erreicht und die Herren haben am123 ds. in Lemberg ihre „Rettungsarbeit" begonnen. Tie wichtigsten der den Verhandlungen zu Grunde liegenden Beratungspunkte lauten: Wie weit wird die Verarmung der Juden durch folgende ökonomische und soziale Erscheinungen hervorgerusen resp. beeinflußt: r) Ueberbevölkerung im allgemeinen und bei den Juden insbesondere; d) allgemeine Verarmung im Lande; o) Mangel an Aufklärung und Kultur unter den gasizsichen Juden (Chassidismus usw.,; cl) Verschuldung des Tabularbesitzes; e Parzcllierungsfieber: f) Zerstückelung des kleinen Grundbesitzes: g) ökonomische Entwicklung und Selbsthilfe der ländlichen Bevölkerung, insbesondere Raiffeisen- Kassen, landwirtschaftliche Genossenschaften (kolka rolnicze) usw.; h) Medergang des Handwerks und Mangel an Industrie; i) Einseitigkeit des jüdisch-ökonomischen Lebens durch Bevorzugung des Handels und sonstigen Vermittler Vermittlergewerbes; j) ökonomischer Niedergang des Landes überhaupt; In welcher Weise könnten der kulturelle Stand und die ökonomische Lage der Juden gehoben resp. verbessert werden? Würden sich insbesondere empfehlen: n) Tie Einführung und Unterstützung in den kleinen Städten derjenigen Zweige der Hausindustrie, für welche die Juden besonders befähigt sind (z. B. Schneiderei, Stickerei, Spitzenarbeiten usw.)? Wenn ja, soll die Hilfsaktion mit bereits bestehenden Organisationen (Hilfsvereinen) in Verbindung treten oder soll sie selbständig sein? i») Tie Erleichterung der Kreditgewährung an jüdische Handwerker und kleine Kaüfleute, um ihnen das nötige Betriebskapital zu verschaffen? Wenn ja, inwieweit würde sich empfehlen, 26. Januar 1911 — -. ' —— ' '» J!g " die für diesen Zweck schon bestehenden 'zahlreichen kleinen jüdischen Kredit-Genossenschaften zu zentralisieren? In welchem Verhältnisse soll dann diese Zentrale zum Lande und zur Zentralregierung stehen? Soll vielleicht eine solche Zentrale gemeinsam mit einem Landesverbände der Kultusgemeinden ins Lebe»! treten? fc) Tie Schaffung einer Arbeitsvermittlung für die jüdischen Arbeiter durch Errichtung von Ar beitsverniittlnngsbureaux wie sie in änderen Ländern bei den jüdischen Kultusgemeinden bestehen? Oder könnten die bereits bestehenden Landesrespektive Bezirks-Arbeitsvermittlungsbureaux auch mit dieser Aufgabe betraut werben? d) Tie Verbreitung der Aufklärung durch die Baron Hirsch'schen Schulen, Froebel-Slhulen und Kindergärten? Wenn ja, in welcher Weise könnte daH, Land respektive die Regierung diesem Zwecke moralisch und materiell dienlich sein? e) Tie Vermehrung und Bermannigsaltigung von Erwerbsquellen für die galizischen Juden im Handel, respektive in der Landwirtschaft? WeKhe landwirtschaftlichen Erwerbszweige würden sich für die Juden eignen? V. Wird die ökonomische Läge der galizischen Juden nachteilig beeinflußt a) durch das Haüsiergesetz? b) durch das Gesetz über die Sonntagsruhe? c) durch die Aufhebung des Propinationsrechtes? " Ist eine sp zielte Landes- oder Staats-Hilfsaktion für die galizischen Juden erwünscht, in Hinblick aus dech kviisessionellcu (!) Charakter einer solchen Hilss-- altiou,nnd mit Rücksicht darauf, daß auch die nichtjüdische Bevölkerung notleidend ist? Würde .es sich nicht vielmehr empfehlen, daß die Hilfsaktion.allen Bevölkerungsschichten in den Städtchen und Dörfern, besonders auf dem Gebiete des Händtvevks und der Hausindustrie zu Gute käme? Natürlich können es nach alldem, was der Aktion voraugegangen ist, keine hochgespannten Erwartungen sein, mit denen man ihr in Galizien entgegensicht. Eine wirtschaftliche Besserung von heute auf morgen herbeizuführen, wivd auch einer anderen und besser zusammengesetzten VersanynlMg Nicht gelingen, sie von dieser Versammlung zu erwarten, das darf selbst dem vielgepriesenen. Wischen Optimismus nicht Mgemutct werdeir. Tie vielen Punkte kultureller Natur, die einen großen Teil der Fragen ausmachen, müssen aber mit Recht in Galizien starkes Unbehagen und sogar etwas wie ein Angstgefühl erregen, da es ganz ausgeschlossen ist, daß solche in das geistig-religiöse Leben . b^r Juden tief einschneidende Fragen in einer solchergestalt zusammengesetzten Versammlung eine nur annähernd befriedigende Lösung im jüdischen Sinne finden könnten. Tic 23 jüdische Mitglieder der Versammlung inögen alt sich ehrenhafte, tatkräftige und sogar politisch bedeutende Männer sein, sie sind aber, vielleicht mit Ausnahme der zwei zionistischen Vertreter, mit dem wirtschaftlichen Leben und seinen vielfältigen Erscheinungen in Galizien so wenig vertraut, daß man nicht weiß, wie Dleines Feuilleton. Zwei Doktmuntt. 3ur 3ahrjeif Samfon Raphael Hirfchs V'*r. > :: (am ■ 27 Telveth). Herr Rabbiner Tr. Le Win-Kempen hatte die Freundlichkeit, uns das Original-Manuskript eines schwungvollen hebräischen Gedichtes zuzustcllen, das im Jahre 1847 von einem Herrn Hermann Wasserte i l l i n g , damals in Boskowitz (1850 Prediger in einer Gemeinde Mährens und später Rabbiner in Bojanowo) zur Begrüßung S. R. Hirschs anläßlich seiner Wahl zum Landrabbiner von Mähren verfaßt und dem Gefeierten überreicht wurde. Einige dem neuen Landrabbiner huldigende Strophen des umfangreichen Gedichtes seien hier wiedergegeben: nai?y in nriö in naixy -psr viatrn *patr 72m obiy ivN2 sy> “ptt “prn 's pjx /na# ivv ’pnp n'vni •T^yia pp pmD'D ‘Ttr “ny '•onnn bv nto n» ivav ■■Sn •anatw mm? 2? re?1 •"uyaö~“ 'npartS 1x1« w intopb nan nw*? nrra '2 iysty irrina bnn ,.nn ns bv d: * * * Herr SD. Hausdorff -Rotterdam sendet uns tu liebenswürdiger Weise die Abschrift eines von Hirsch b"Xl 1870 ausgestellten Gutachtens, welches wir mit Rücksicht aus feine Bedeutung auch für den Gottesdiettft in unseren Tagen hier wörtlich wiedergeben: „Ew. Ehrwürden haben mich um eine gutachtliche Aenßeruug über die Frage ersucht: ob es einem Vorsänger zu gestatten sei, beim Gebetvortrage der Melodie halber Gottesnamcn oder sonstige Worte zu wiederholen? Ich habe hierauf zu erwiedern die Ehre: Aus v'y "n ma-ia und — 2"y y'j nan ist entschieden und unzweifelhaft der für den shna gogalen Gottesdienst maßgebende, religionsgesetz siche Grundsatz (k^D ntt' gegeben, daß die Wieder holung von Gottesnamen oder auch sonstiger Wort im Gebete durchaus unzulässig sei. Eine solch Wiederholung von Gottesnamen bringt ii vielen Fällen sogar den verwerflichen Schein einer Verleugnung der Gott-Einheit in das Ge bet, wird aber.in allen Fällen als ein Spielei mit dem Ernst des ttzebetes aufs härteste getadelt Eine Gemeinde daher, die noch deit ÄnsprucI ans den Namen einer jüdischen macht, ünl welcher der. Gottesdienst noch ein Mehreres gil als ein bloßes frivoles Spiel, darf daher au keinen Fall solche Wiederholungen ihrem-Vorsänger gestatten, hat ihm dieselben vielmehr bei Verlust seines Amtes aufs strengste zu untersagen. Frankfurt a. M., 24. May 1670. gez. Rabbiner Hirsch." Tiefes Gutachten wurde erstattet an den sel. Oberraböiner Tr. Jsaacssohn in Rotterdam und lag dem Einsender in einer Abschrift von der Hagd des Adressaten vor. Berliner Piaudmteii. -rssuÄ jvj mnTür' Eine Weltstadt hat stets Sensationell, auch wenn soirst nichts besonderes in der Welt vorgeht. Mau sollte es kaum für möglich halten, daß gerade der kleinste Bruchteil dieser Großstadtbevölkerung \ die meisten dieser Sensationen aufzuweisen hat. Freilich nimmt fast immer mtc ein Bruchteil der jüdischen Bevölkerung hieralt Interesse, denn der weitaus größte Teil der Berliner Juden nimint überhaupt kein Anteil an jüdischen Tingen und lächelt blasiert, wenn von irgend einom j irdischen Vorkommnis die Rede ist. Und nicht nur etwa das Berlin M., das verwilderte Berlin W., wo die reichen Juden in steinerur«l Palästen wohnen: die Millionärsdamen, wenn sie sich des Vormittags spät erheben, verzweifelt fragen, wie sie den Tag heute hinbringen sollen. Allerdings winken die Bormittagskesuche, die Müßiggänge iil den Warenhäusern, die Spazierfahrten in den Gruncwald, tliiter den Linden, zur Manicure.?lber das hat mau ja auch schon am vorigen Tag, vorige. Woche und vorigen Monat bereits zun« soundsovielten Male gehabt. Tns bietet ja gar keine Abwechslung mehr und nur die Umkehr in der öden. Reihenfolge kann mögfh