Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1911)
- Date
- 1911-01-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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ütr Ir Ein Centralorgan für das orthodoxe Jndenlun Begründet oon Dr. Lehmann in lüainz 52. Jahrgang, Sranhfurt a. IR.. 9en 26. Januar ,1911. 26. Cebeth 5671. M. * KfmmtmtMt pto »terteljahrr Gewöhnliche Ausgabe Mk. 1.50, Erstausgabe (Kunstdruck) Mk. 8.—. Auslandspreise: Gewöhnliche luSgabe: Oesterreich-Ungarn 8 Kr., Rußland l Rub„ England 2 ah., Amerika 60 cts., Niederlande 1.80 fl., Frankreich Fra. 2.60. lbonnementS bei allen Postanstalten. Buchhandlungen, sowie dirett bei dem Verlag. HeftauSgabe nur direkt. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate: 30 Pfennig für die sech-gespaltene Colonel-Zeile; Rabatt nach Tarif. Jnferatenannahnee nur durch Haasenstein u. Bögler A^-G« Frankfurt a. M., und der« Filialen. Zahlungen können außer direkt an den Verlag erfolgen per: Conto bet der «. «. Postsparkasse «Sie» «o. 79606. Skonto det de» ft. Postsparkassen«»- Bndapest ft«. 18484. Skonto det der Vttgaer Skonmeerzdank in »ktga und deren Filialen. Her YladiBrudi Ser flrflhel unö Correfponöeroen Ses „Israelit“ ttf nur unter genauer Quellenangabe, und, fonrelf es um größere nuflfifce hanSelf, nur nadi norherloer Oenehmtauno aeftattet Inhaltsübersicht. 1. Leitartikel: Die satirische» Jude» und dir lönquete. — 2. Wochenrund schau: Eine Fanfare »er Miltelparlei. — Das neue türkische Schulgesetz. — i. Au fsHtze: Dr. Löb, Hannover: Erinnerungen an die Tätigkeit Samson Raphael Kirschs in Emden. --- ».Kleines Feuilleton: Zwei Dokumente (ZurIahr-?,eit Von S. Raph. Hirschs — Herliner Plaudereien. - Ein Gedenktag des Frankfurter Ghetto. — Zur konfessionellen Statistik in Baden. — Altsyrische Burgenherrlichkeit. — 5 Korrespondenzen und Nach richten: Die Kammeroerhandlnng über das neue WüMemdergifche Kirchengefetz. Stuttgart. — Mainz Gemeindeversammlung) — Hamburg (Repräsentantensitzung.) — Karlsruhe (Synodalwahlen.) — Breslau «jüdische Lehrer.) — Eine grsrtzrstreue Organisation in Holland. Slmstcrdnnl. — Ungarischer Kries. Budapest. - Anklage« gegen die Ara. London. — Jaffa (Regenmaugel.) — Buenos-Ayres (Gemeindeorganisation.) — Australische Kriefr. Melbourne. — 6. Vermischtes: Frankfurt a. M. — Freiburg. — Bayreuth. — Sofia. — Aew-3)ork. — 7. Vereinswes en: Berlin. — Straß durg. — 8. Personalien: Kassar Main; Frankfurt a. M. — Frankfurt a. M. — Aschaffenburg. — Cölu. - Würzburg. — 9. Briefkasten. — Bereinskalender. 10. Kinderecke: David und Goliath. — ll. Beilagen: literarische Warte: Rabb. Dr. R. Breuer, Aschaffenburg: Zwischen Leben und Tod. — Rabb. Dr. Ehrentreu, München: Erklärung. — Bücherschau. — Sprechsaal. »2. Feuill.-Beilage: Aus einer verborgenen Welt. Die galirircdeu Juden t und die Enquete. Beobachtet man die Millionen unserer Brüder in Rußland, Rumänien und im Oriente in ihrem Kämpfen und Ringen, in ihrem krampfhaften Streben nach Recht und Bürgerfreiheit, und hat man sich so mit ihnen in die Idee hineingelebt, jeden schwachen Versuch, die Grenzen ihrer politischen und bürgerlichen Rechte weiter zu rücken, zugleich als das Morgenrot einer neuen besseren Zeit auch in w i r t s ch a f t l i ch e r Beziehung für sie zu begrüßen, so wird man aus diesem schönen Traum durch einen Blick nach Galizien sehr rasch unsanft geweckt und in der landläufigen Ueberzeugnng von dem notwendigen Händinhandgehen politischen und »virtschastlichen Fortschritts höchst unsicher werden. Ta sehen »vir ein Land in Europa, in welchem die Juden die eigentliche RechtAungleichheit^ die politische Entrechtung von der Art, wie sie ihre Leidensgenossen in den andern Ländern der Not drückt, nicht kennen, in dem die Juden alle politischen und kommunalen Rechte uneingeschränkt genießen und wo sie dennoch an Armut, an geistigem und materiellen! Elend hinter ihren Glaubensgenossen in Rußland und im Orient gewiß nicht Zurückbleiben. Nirgends in der Welt ist, nach der Mitteilung eines vertrauten Kenners Galiziens, des Bukowinaer Professors Eugen Ehrlich (s. Israelit Nr. 30, 1909) das Elend so groß, die Not so schreiend und drückend wie im jüdischen Galizien. Selbst das vielbedauerte Lumpen-Proletariat in Süditalien und in Spanien lebt unter ungleich besseren Bedingungen als die Juden in Galizien. Ist es doch jenen wenigstens gegönnt, unter einem günstigen Himmel in einer warmen Zone unter den besten klimatischen Verhältnissen zu leben, während den in der Stickluft der engen düsteren Hütte darbenden und verkommenden galizischen Juden auch die Mutter Natur kalt und lieblos von sich weist. Nirgends ist die Arnrut so drückend und nirgends hat sie zu solchen trüben Erscheinungen geführt, wie in Galizien. Und all dieses trotz Bürgerrecht, trotz der Gleichheit vor dem Gesetze, das an und für sich der Erwerbsfreiheit und der Entfaltungsmöglichkeit der Bürger, auch der Juden, nichts in den Weg legt. Woran liegt das, und wie ist da zu helfen? Zur Lösung dieser Frage ist in diesen Tagen in Lemberg eine Bersainmlung zusammengetreten, die nach jahrelanger Vorbereitung nun endlich an ihre eigentliche Arbeit herangeht. Es ist die unfern Lesern wohlbekannte sogenannte Judenenq uete, die nach vielen ergebnislosen Versuchen nun wirklich zustande kam und von 43 Experten, darunter 23 Juden, in einem Zeiträume von 4—5 Tagen programmäßig ^erledigt" werden soll. Wollte man das Ereignis der Enquete nach den vorausgeworfenen Schatten werten, seine Größe und Bedeutsamkeit würde ins Unermeßliche steigen. Doch seien uns, bevor wir auf die Entstehungsgeschichte der Enquete eingehen, einige erläuternde Worte über die politische Lage der Juden in Galizien überhaupt, gestattet. In keinem Parlamente der Welt sitzen so viele jüdische Abgeordnete wie im oesterreichischen Reichsratee — die zum größten Teil aus Galizien entsandt sind — und doch ist in keinem Parlamente der Welt — selbst in solchen^ die keinen einzigen Juden zu ihren Mitgliedern zählen — die jüdische Sache so schlecht vertreten, loie gerade im österreichischen Reichsrate. Wer die buntfarbige, vielgestaltige, in vielen Punkten auseinanderstrebende und dann doch wieder zusammenlaufende jüdische Assimilation, von der wir jüngsthin an dieser Stelle in einem ande-? rem Zusammenhänge gesprochen haben, an der Quelle studieren will, der gehe nach Wien und besuche das Völkerbabel des dortigen Parlaments. Tort sind jüdische A l l p o l e n, die die polnische Sache mit Eifer und Leidenschaft vertreten. Neben ihnen jüdische Deutsche, die im Kampfe mit den Tschechen glänzende Erfolge erringen. Selbst jüdische P a n s l a v i st e n und A l l d e u t sch e sind hier keine Seltenheit, gar nicht zu reden von den jüdischen Sozialisten, die in Oesterreich wie überall das Zukunftsreich auf dem Boden des Marxismus vorbereiten. Seit einigen Jahren hat das oesterreichische Parlament auch einige jüdische „Juden" aus Galizien bekommen, die Mitglieder des auf jüdisch-nationaler Basis gegründeten jüdischen Klubs. Ohne das gelegentliche energische Eintreten dieser Miniatur- Fraktion für die politischen Rechte und wirtschaftlichen Interessen der galizischen Juden verkennen oder verkleinern zu wollen, darf doch andererseits in diesem Zusammenhänge nicht verschwiegen werden, daß auch einzelne Mitglieder dieses Klubs sich in der Rolle der geistigen Protektoren und Zensoren ihrer Wähler gefallen und im Parlamente wie außerhalb desselben von ihnen als von einem geistig und kulturell minderwertigen Menschenmaterial sprechen, dem der Sinn für Disziplin, Organisation und noch wichtigere Tinge abgehe. Es ist denn auch bezeichnend, daß die Genesis der Judenenquete nicht auf den jüdischen Klub weist, sondern auf die A l l p o l e n, deren eifrigster Agitator und Wortführer Tr. L ö w e n st e i n ist. Es war in: Jahre 1907. Der Wahlkampf für den Reichsrat tobte und hatte Formen angenommen, die selbst im nationalitätenkampflustigen Oesterreich weit über das übliche Maß hinausgingen. Sollte doch zum ersten Mal das allgemeine Wahlrecht, verbunden mit Kurienwahl-System, — d. h. die proportionale Wahl nach den einzelnen Nationalitäten — in Erscheinung treten. Ta hatte Herr Dr. Löwenstcin Plötzlich sein jüdisches Herz entdeckt und im Reichsrate in einer höchst eindrucksvollen Rede ein Bild vom Judenelend in Galizien