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Der Israelit · 1911-01-19 · Heft 3 (19.1.1911) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 3 (19.1.1911)
Date
1911-01-19
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Unwiderstehlich drängte es den Fremden, wenigstens eines der Worte aus dem Munde des wundermächtigen Mannes zu hören. Und er zahlte kurz entschlossen ein Drittel seines Vermögens. Der Rabbi steckte gelassen das Geld ein und sprach: „Kommen auf deinem Wege dir Leute entgegen und fragen dich wohin, so sage: Immer rechts!" Der Rabbi schwieg. Da wurde der Pächter unruhig. Er hatte einen Segen oder einen weisen Ratschlag erwartet. Und nun dieses nichtssagende Wort, für welches er eine so große Summe ausgeworfen hat! Der Rabbi, dem wohl die bittere Enttäuschung des Mannes nicht entging, fragte nach einer Weile sart und kurz: „Soll ich dir nun das zweite Wort sagen, so zahle den gleichen Betrag." Da dachte der Fremdling: Das zweite Wort würde, bedeutsam unb:, inhaltschwer, auch das erste ergänzen, und so sei es wohl besser, noch mehr zu wagen, als auf halben Wege zurückzuweichen. So erlegte er wiederum dreihundert Rubel. Der Rabbi nahm das Geld ruhig zu sich und sprach: „Ungleiche Verbindung, der Weg zum Tode!" Verständnislos hörte wiederum der Pächter den Worten des Rabbi zu. Er begriff nicht, in welchem Zusammenhänge diese Lehre mit seiner Zukunft, für die er doch des Rabbis Segen ergehen wollte, stehen sollte. Aber nun dachte er, auf das dritte Wort komme es an. Dieses würde nun das Rätsel lösen und auch die ersten zwei erklären. Und mit schwerem Herzen, aber rornmem Glauben und unerschütterter Zupersicht entschloß er sich, auch den Rest seines Vermögens, mit dem er ja daheim so wie so nicht viel anzuangen vermocht hätte, hinzugeben, um das eigentliche Merkwort des Rabbi zu hören. Der Rabbi sprach jetzt etwas wärmer und weicher: „Schaue und prüfe und dann — urteile!" „Und nun fügte der Rabbi mild und liebevoll )inzu: „Gehe in Frieden, du wirst den Weg des Glückes nicht mehr verfehlen!" Also war das das dritte Wort. Es war nicht minder schal und nichtssagend wie die anderen. Voller Verzweiflung im Herzen, voll des brennenden Schmerzes über das Schicksal der Seinen, ür die er sich so lange gemüht hatte und nun ibenio hilflos wie zuvor dastanden, trat er )en Heimweg an. Rur ein leises Hoffnungsünkchen glimmte in einer verborgenen Ecke seines Herzens. Vielleicht, dachte er, hat es mit den Worten des heiligen Mannes doch etwas auf sich. Und er beschloß, sie aus alle Fälle und unter allen Umständen zu beherzigen und nach ihnen zu handeln. In solchen Wechselgefühlen des Schmerzes, der Enttäuschung und der leisen Hoffnung setzte er seine Wanderschaft fort. Eine Weile dachte er schon daran, wieder nach deni Süden zu gehen, um die Arbeit von Neuem zu beginnen, da es ihm davor graute, ohne Mittel in das Haus der Not zurückzukehren. Da sah er ganz plötzlich, von einem Waldwege eine Gruppe aufgeregter Menschen hastig auf sich zukommen. Als sie den Wanderer sahen, umringten sie ihn und bestürmten ihn mit Fragen, ob ihm nicht flüchtende Gesellen begegnet seien. Der Pächter hatte nichts derartiges gesehen. Aber nun dachte er an bie Worte des dtabbl, und fast gedankenlos antwortet er: „Immer rechts!" Sofort ließen die Leute von ihm ab und wandten sich nach der rechts abbiegenden Straße. Der Pächter ging weiter seines Weges, ohne dieser Begebenheit noch weiter sonderlich Beachtung zu schenken. Nach einer kurzen Weile aber sah er die Gruppe von vorher zurückkehren. Sie hatten jetzt einige verwegene wild aussehende gefesselte Gesellen in ihrer Mitte. Sie hatten die Diebe, um welche es sich handelte, gefunden und zwar auf dem Wege, auf den sie der Wanderer gewiesen hatte. Die Leute, die so wieder in den Besitz ihres geraubten Gutes kamen, konnten sich an Dankesbezeugungen gegen den nichtsahnenden Pächter garntcht genug tun und belohnten ihn so reichlich, daß er für den beim Rabbi verausgabten Betrag nun zum Teile Ersatz hatte. Es war helle Freude und Dankbarkeit, die an Stelle des Schmerzes und der Verzweiflung in das Herz des Wanderers trat. Er schämte sich vor sich selbst, nur einen Moment, das Vertrauen zu Gott verloren und in die Wunderkraft der weisen Rabbiworte Zweifel gesetzt zu haben. Er ging weiter, glückstrahlend im Gedanken, nun nicht mehr mit leeren Händen zu den Seinen zurückkehren zu müssen. Da es noch weit des Weges war, kehrte er mit Anbruch der Nacht in einer am Wege gelegenen Herberge ein, die einem alten, angesehenen Manne gehörte, welcher mit einer blutjunger!, schönen Frau verheiratet war. Der Wirt empfing ihn freundlich, doch die Frau schien böse und mißgelaunt'und wollte aus keinen Fall dem Fremdling ein Nachtlager in ihrem Hause gewähren. Aergerlich ob dieses feindseligen Benehmens der jungen Frau irrte der Pächter im ganzen Dorf umher, um anderswo Schutz für die Nacht zu finden. Aber nirgends bekam er Einlaß. Und so entschloß er sich, in später Stunde wieder zur Herberge zurückzukehren, deren Tür und Tor von innen längst verschlossen waren. Nochmals klopfte er an die Türe, die Frau aber wies ihn wieder barsch ab, und der Mann, der an diesem Tage unglücklicherweise krank und hilflos in seinem Zimmer lag, konnte zu seinen Gunsten nichts tun. So setzte sich der fremde Pächter müde, abgehetzt und aufs höchste verstimmt auf die Bank vor dem Hause, wo ihm der Rand des Daches Schutz vor dem Regen bot und er schlummerte bald ein. Nach Mitternacht rvurde der Pächter durch ein seltsames Geräusch jäh vom Schlafe geweckt. In schwerem Dunkel der Nacht konnte er einen Wagen entdecken, dem einige Leute entstiegen und gleich Einlaß in das Haus, dessen Türe von der jungen Frau geöffnet wurde, bekamen. Der Pächter strengte alle seine Sinne an, um die verdächtigen Vorgänge im Hause genau zu verfolgen. Er hörte noch, wie einer der Ankömmlinge leise sagte, er glaube draußen auf der Bank einen Mann gesehen zu haben, woraus ihm aber ein anderer beruhigend erwiderte, es sei wohl ein schwerbezechter Trunkenbold, den sie nicht zu fürchten hätten. Bald kamen sie auch heraus und weckten ihn und rüttelten ihn heftig hin und her. De? Pächter stellte sich aber ganz regungslos und lallte nur von Zeit zu Zeit einige unverständliche Worte, so daß sie den ihrer Meinung nach bis zur Bewußtlosigkeit betrunkenen Mann auf seinem Platze ließen und wieder ganz beruhigt ins Haus gingen. Der Pächter ahnte aber ein großes Verbrechen und nahm noch mehr alle Sinne zusammen, damit ihm von den unheimlichen Vorgängen im Hause nichts entgehe. Jetzt hörte er ganz genau, wie die junge Frau im Flüsterton die Fremden nach der Kammer ihres Mannes wies und ihnen ans Herz legte, nur ja rasch und geräuschlos das Werk zu vollenden. Jetzt verstand der Pächter den Zusammenhang der Dinge. Es war ihm klar, daß auf Ansinnen seiner untreuen Frau der alte Mann ermordet werden sollte, und plötzlich kam ihm auch das zweite Wort des Rabbi in den Sinn: „Ungleiche Verbindung — der Weg zum Tode". Ohne sich lange zu besinnen, stand der Pächter auf, klopfte mit aller Macht an die Türe und schrie laut um Hilfe, so laut, daß in wenigen Minuten all die Nachbarn ringsumher aus den Betten aufgeschreckt und vor der Herberge versammelt waren. Die Mörder waren unterdessen geflüchtet, wurden aber bald ergriffen und gestanden alles ohne weiteres ein. Auch die Frau erhielt ihre wohlverdiente Strafe. Der Alte, der dank der Achtsamkeit und dem entschlossenen Eingreifen des Fremdlings vom sicheren Tode gerettet wurde, belohnte voller Erkenntlichkeit den Pächter in reichstem Maße und dankte Gottt der durch seinen Boten ein Wunder an ihm vollführen ließ. Weiter ging der Pächter mit vollem Beutel und frohem Sinn. Die Hoffnung auf das baldige glückliche Wiedersehen beflügelte seine Schritte. Nun kam er in sein Heimatsstädtchen, von niemand mehr gekannt, von niemand beachtet und begrüßt. Denn die schweren Jahre, die dazwischen lagen, hatten ihn innerlich wie äußerlich umgestaltet und seinem Freundeskreise von früher unkenntlich gemacht. Im ersten besten Wirtshause, in welches er einkehrte, erkundigte er sich nach dem Pächter, der vor zwölf Jahren seine Familie verlassen hatte, um in ferner Gegend sein Glück zu suchen. Er nannte dabei seinen eigenen Namen. Und nun erzählten ihm die Leute arglos, ohne es zu ahnen, wie nahe ihm die Sache ging, von der Frau dieses Pächters, die dem Man'ne die Treue gebrochen hätte und im übelsten Rufe in der ganzen Umgegend stehe. Diese Auskunft bestürzte den Mann aufs höchste. Die Freude des Wiedersehens verwandelte sich in Schmerz und Enttäuschung. Er überlegte, ob er heimgehen solle, um von seiner Frau, die ihn so schmählich betrogen, Rechenschaft zu fordern, oder ob er nicht lieber gleich Kehrt machen sollte, um der Unwürdigen nicht mehr ins Antlitz zu schauen. Da fiel ihm das dritte Wort des Rabbi ein: „Schaue, prüfe und dann urteile!" So warteteer den Abend heran,bann betrat er in einer Stellung und Haltung, wie sie Schwerbetrunkene einzunehmen pflegen, sein Haus, in welchem seine Frau tmmir noch eine kleine Schenke betrieb. Auch hier blieb er unerkannt. Von niemand beachtet, kauerte er sich in eine Ecke, ließ sich bald auf den Boden gleiten und verfiel scheinbar in einen schweren Schlaf, als wollte er seinen Rausch ausschlafen. Aus diese Weise konnte er unbemerkt die nächtlichen Vorgänge im Hause, auf die die Leute im Städtchen anspielten, beobachten. (Fortsetzung folgt.) L.

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