Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 3 (19.1.1911)
- Date
- 1911-01-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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19. Januar 1911 Der Israelit. Rr. 3. Sette 7 der gesellschaftlichen Stellung dem GottesEfttze und der Neberlieferung der Väter die Lreue bewahre. Rrrrnänien. 0er KegierungsweMel. HLnkarest, 11. Januar. Die schon vor längerer Zeit angekündigte Demission der Regierung des Herrn Jon I. C. Bratianu ist nunmehr eine vollendite Tatsache. Die Bilanz der Regierung, die nicht ganz vier Jahre umfaßt, wird verschiedentlich gezogen, je nach dem politischen Standpunkte des Beurteilers. Die Juden Rumäniens haben mit dem Sturze dieser „liberalen" Regierung nichts verloren. Hat doch auch die Politik Bratianus den Fremdenhaß, d. h. den Judenhaß, nach Kräften genährt und gepflegt und ihn geradezu zu einem Regierungsprinzip erhoben. Es sei nur an jenes Jndustriesckutzgesetz erinnert, das glücklicherweise abaewiesen werden konnte, das aber trotzdem die Wirkung gehabt hat, der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes mehr zu schaden, als ihm die verschiedenen Institute, wie Waldkaffa usw., die im letzten Augenblicke geschaffen wurden, nützen werden. Ist nun die Art, wie die liberale Regierung sich zurückgezogen, verfassungsmäßig unerklärlich, so weint doch hier niemand dieser Regierung eine Träne nach. Freilich können es auch kaum frohe Hoffnungen sein, mit denen die Juden dem neuen Kabinette Carp entgegensehen. Carp, der sich im Prinzips zur monarchischen Konstitution bekennt, gehört de facto zu den Ultrapatrioten aus der Schule Jorgas und es ist zu befürchten, daß unter seinem Regime die Ausrottungspolitik noch schärfere Formen annimmt. Türkei. Konflanfinopeler Brief. (Bon unferm Korrespondenten.) Konstantinopel, 6. Jan. H. Nachdem die Gerüchte über eine bevorstehende Lossagung der hiesigen Aschkenasim vom Großrabbinat nicht aushören wollen — insbesondere seit der letzten Generalversammlung derselben, die viel Staub aufgewirbelt hat — begab sich ihr Korrespondent zu dem geistigen Oberhaupt der Aschkenasischen Kultusgemeinde, Herrn Rabb. Dr. Markus, um zu erfahren, was an dem Gerüchte wahr sei. Herr Rabb. Dr. Markus empfing mich mit der ihm eigenen Liebenswürdigkeit und ermächtigte mich zur Veröffentlichung folgender Erklärungen: „Die Aschkenasim haben bisher nie daran gedacht, sich von ihren sephardischen Glaubensgenossen loszufagen, mit denen sie in steter Harmonie lebten und leben. Der augenblickliche Kampf ist ausschließlich wider das derzeitige Großrabbinat gerichtet und besonders, weil dieses ihnen den kontraktlich seit 20 Jahren festgelegten Anteil an der Gabellah (Fleischsteuer) in Höhe von etwa 50 Ltg. p. m., nicht auszahlen will. Völlig unwahr ist es, was vom „Aschkenasischen Großrabbinat" hier ausgesprengt wird, und daß die Aschkenasim-Gemeinde ihn, Dr. Markus, zum Chachambaschi ernennen wolle; wahr und unumstößlich hinwieder ist es, daß die Handlungsweise des Großrabbiners und seiner Umgebung dazu führen kann, daß sich die religiösen Kreise ohne Unterschied des Ritus von ihm trennen werden." Die Kunde von den hiesigen Vorgängen veranlaßte den Nouveau-Club in Salonik eine Frtedensdelegation nach hier zu senden, die mit der schweren Aufgabe betraut ist, Eintracht zwischen den entzweiten Parteien zu stiften. Seit mehreren Tagen mühen sich diese Leute und es scheint doch, daß es verlorene Liebesmühe sein wird. — Die hiesige jüdische Presse tadelt äußerst heftic die Willkür des Großrabbiners bei den jetzigen Wahlen zur Nationalversammlung; insbesondere zieht sie über die nicht klar und deutlich angegebenen Bestimmungen her. Leider scheint die türkische Regierung ganz auf Seiten des Großrabbiners zu sein, wodurch die Gegensätze innerhalb der hiesigen Judenheit nur noch an Schärfe gewinnen. Wie man an maßgebender Stelle überhaupt über die Vorgänge innerhalb des Judentums unterrichtet ist, bekundet nachstehende Aeußerung eines jungtürkischen Führers, die ihren Gang durch die gesamte Presse bereits macht. Die spaniolische Zeitung „Jmparcial", ein Organ der Alliancler in Salonik, berichtet darüber folgendes: Kiasim Nami, ein bekannter jungtürkischer Lehrer und Schriftsteller, habe dargelegt, die junge Türkei werde nie die Realisierung der zionistischen Projekte gestatten, ob diese nun einen politischen Zweck verfolgen oder nicht. Die junge Türkei werde nie die Konzentrierung von Juden in Palästina dulden, denn sie müsse an die Zukunft denken und sich spätere Feinde vom Leibe halten. „Wir öffnen unser Land allen jenen Juden, die anderswo verfolgt werden, sie können sich in den Provinzen unseres Reiches niederlassen, wo es die Verhältnisse erlauben. Die zionistischen Pläne aber werden wir bekämpfen, solange die junge Türkei besteht. Es ist deshalb überflüssig, zu betonen, daß wir Türken kein Wohlgefallen daran finden können, wenn sich die osmanischen Juden an einer Bewegung beteiligen, die uns veranlassen würde, das Vertrauen und die Achtung, die ihnen bisher entgegengebracht wurde, einzuschränken." Er (Kiasim Nami) könne den jüdischen Mitbürgern nur anempfehlen, dem Zionismus keinerlei Unterstützung angedeihen zu lassen, denn dieser könne nur Nachteile für die osmanischen Juden im Gefolge haben. Saloniki, 10. Januar. Wie verlautet, hat der Chachambaschi erneute Verhandlungen mit Rabbi Jakob Meir wegen Uebernahme des Jerusalemer Oberrabbinats angeknüpst. Dieser soll für die Annahme des Amtes gewisse Bedingungen gestellt haben, die vermutlich darauf hinauslaufen, dem Jerusalemer Chachambafchi größeren Spielraum zu sichern. Uermi$cbtc$. Frankfurt a. M., 13 Januar. Der hiesige Nationalltberale Verein nahm zum bekannten Antrag Gröber Stellung und zwar in folgender vom Ausschuß beschlossenen Resolution: „Der Ausschuß ist einstimmig der Anficht, baß die Annahme des Antrages Gröber: „LandeSrechtltche Bestimmungen, welche in die rituellen Borschristen einer Religionsgesellschaft Über das Schächten der Tiere eingreifen, find unzulässig", durch den Reichstag als Zusatz zu den neuen Bestimmungen des Strafgesetzbuchs über den Begriff der Tierquälerei dringend zu empfehlen ist, weil im anderen Falle eine große Rechtsunficherheit etntrttt, unter der es einzelnen Behörden le cht möglich würte, ein Verbot deS Schächtens der Tiere herbeizuführen. Dieser Rechtszustanb wäre gleichbedeutend mit einer fortwährenden Beunruhigung unserer jüdischen Mitbürger, die fich mit Recht in der ungehinderten Ausübung ihrer rituellen Vorschriften gefährdet sehen. Wir bitten deshalb die nationalliberale Fraktion im Reichstag, diesem Antrag Gröber ihre Zustimmung nicht versagen zu wollen." Frankfurt a. M., 17. Jan. In einigem Zusammenhang mit dem bekannten Prozesse des Kultus- Verlages G. m. H. kontra „Israelit" steht eine vom htefigen Amtsgerichte heute getroffene Entscheidung. Nachdem auch die „Franks. Ztg." m mehreren Artikeln den organifierten Kirchen- und Synagogenbettel beleuchtet hatte, konnte der Verlagsbuchhändlec Wllhelm Ott in Würzburg beim hiefigen Amtsgericht eine einstwellige Ber ügung erlangen, durch die der „Frankfurter Zeitung" untersagt wurde, einzelne, in den Artikeln ausgestellte Behauptungen weiter zu erörtern. Die genannte Zeitung legte gegen diese Verfügung Berufung ein. Im heutigm Termin wurde beschloffen, die einstweilige Verfügung vom 10. Dezember 1910 aufzuheben. Ott hat Inzwischen beim Landgericht Klage erhoben, die am 24 Februar zum gerichtlichen AuStrag kommen wird. Berlin, 29. Dezember. Heule Mittag fand die feierliche Einweihung der neuen Räume deZ Gesamtarchivs der deutschen Juden statt. Ter Gedanke der Begründung dieses Archivs wurde im Jahre 1903 aus Anregung und .eifriges Betteiben des Fürstlich Pleßschen Archivars Dr. Zivirr von der Großloge des Bnei Britz-Ordens ausgenommen, und in Gemeinschaft mit dem T. I. G. B. in die Tat umgejetzt. Das Gesamtarchiv hat die Bestimmung, die zur lausenden Geschäftsführung nicht mehr benötigten Urkunden und Akten aller jüdischen Gemeinden, Vereine und Stiftungen im deutschen Reich aufzunehmen, um ihre Erhaltung zu sichern und sie der wissenschaftlichen Arbeit zugänglich zu machen. Seine Verwaltung liegt in den Händen eines Vorstandes, dem der Vorsitzende des D. I. G. B., Herr Pros. Tr. M. Philippson, Prof. Dr. Kali scher und Dozent Dr. E l b o g e n angehören, sowie eines Kuratoriums, das seine Mitglieder in allen deutschen Großgemeinden zählt. Leiter ist Herr Tr. Eugen Tändler, der seine Ausbildung im Geheimen Staatsarchiv zu Berlin erhalten hat. Bisher haben bereits etwa 250 Gemeindevorstände ihre Archivalien dem Gesamtarchiv überlassen; mit weiteren 150 werden aussichtsreiche Verhandlungen in dieser Richtung geführt. Tie Räumlichkeiten, in denen diese archivalijchen Schätze bisher ruhten, entsprachen aber in keiner Hinsicht dem Zweck und so ist es mit Tank zu begrüßen, daß die hiesige jüdische Gemeinde in dem neuen Anbau ihres Verwaltungsgebäudes in der Oranienburgerstr. 29 dem Gesamtarchiv unentgeltlich prachtvolle Räume zur Verfügung gestellt hat. Ter Feier wohnten der Generaldirektor der Preußischen Stacnsarchive, Wirkl. Geh. Ober-Reg.-Rat Dr. R. Koser, und Geh. Archivrat Tr. Baillen für das Direktorium der preußischen Staatsarchive, sonstige bekannte Gelehrte wie Geh. Reg.-Rat Prof. Tr. Cohen (Marburg), Prof. Simonscn (Kopenhagen), Staatsarchivar Pros. Warichauer-Posen, Tr. Zivier-Pleß, Rektor Dr. Hoffmann-Berlin, die Dozenten der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums Dr. Elbogen und Dr. Jahnda, Geh. Justizrat Timendorser als Vertreter der B^ne-Brith-Logen, die Vorstandsmitglieder der Berliner Jüdischen Gemeinde Rentier I. Jacobi und Kommerzienrat Eisner, Vertreter der jüdischen Gemeinden von Breslau und anderen deutschen Städten. Ter Voejltzende des Kuratoriums, Prof. Tr. M. Philippson gab eine Torlegung der Gesichtspunkte, die für die Begründung des Archivs maßgebend gewesen sind, und einen lleberblick über dessen bisherige Entwicklung. Tie Schwierigkeiten, die namentlich in der Verständnislosigkeit vieler Gemeinden und in deren zum Teil begreiflichen Partikularismus liegen, waren und sind zwar außerordentlich groß, doch besteht begründete Aussicht sie erfolgreich zu überwinden. Von hoher Bedeutung ist es, daß die größte jüdische Gemeinde Deutschlands, die Berliner, ihr Archiv dem Gesamtarchiv angegliedert hat. Auch sonst macht sich in amtlichen und privaten Kreisen ein dankensweries Interesse und Verständnis für die Bestrebungen des Archivs geltend. Das Generaldirektorium der preußischen Staatsarchive hat die Anordnung getroffen, daß die auf jüdische Angelegenheiten bezüglichen Allen der Provinzialarchive, so weit sie entbehrlich sind, überwiesen werden sollen. Frau Geheimrat Becker hat 10 000 Mk. zu einer Henriette Becker-Stiftung zur Verfügung gestellt, die archivalisch-biographischen Forschungen über hervorragende jüdische Gelehrte und Künstler dienen soll. Prof. Tr. Philippson gab schließlich der Erwartung Ansdruck, daß das Gesamtarchiv der deutschen Juden als bescheidenes, aber nützliches Glied sich der großen Kette deutscher wissenschaftlicher Organisationen angliedern und an seinem Teil dazu beitragen werde, die historische Entwicklung des Judentums im engsten Zusammenhang mit der Geschichte des deutschen Vaterlandes immer besser verstehen zu lehren. In eingehender, die geschichtliche Stellung der Juden in Deutschland im Großen würdigender Darlegung, gab sodann Dr. T ä u b l e r einen lleberblick, über die Ziele des Instituts. Namens der B'ne-Brith- Logeu dankte Geh. Rat Timendorser der jüdischen Gemeinde und allen anderen, die sich um die Förderung des neuen Instituts verdient gemacht haben. Geh. Rat Tr. Koser, Generaldirektor der preußischen Staatsarchive, sprach den Dank und die Glückwünsche der preußischen Archivverwaltung aus, die dem neuen Institut weitgehendes Interesse und Wohlwollen entgegeubringt. An die Erösfnungsseier schloß sich ein Rundgang durch die Räume des Archivs, in denen eine Anzahl durch Aller oder Wert hervorragende Archivalien zur Besichtigung ausgelegt waren. —- Angemerkt sei noch, daß die Gemeinden usw., welche dem Gesamtarchiv ihre Archivalien übergeben, sich ihrer Eigentumsrechte an denselben nicht zu begeben, sondern nur einen Tepositenvertrag, der die Befitzverhältnisse unberührt läßt, mit dem Jnstttut abzuschlicßen brauchen. Tiefe Tatsache dürste, wenn sie besser bekannt würde, wohl manchen Vorstand und dergleichen, der so Bedenken trägt, seine Gemeinde oder seinen Verein .eines wertvollen Besitzes zu entkleiden, der unterstützenswerten Sache des Gesamtarchivs günstiger stimmen. erlitt, 8. Jan. Einbrecher suchten gestern die Tohnbeehalle in der GtpSstraße heim. Die gn §e Halle steht für fich allein als Quergebäude auf dem Hinterland des Grundstücks und wird von mehreren Wohltätigkeitkvereinen der jüdischen Gemeinde unterhalten. Al« der Schließer gestern Abend kam, um die Vorbereitungen für