Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1911)
- Date
- 1911-01-12
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Gelte a Sh. 2 Der JSraeltt. 12. Januar 1911 Kurland. Reidisdumaabseoröneter Harauloro- Uetersönrg, 8. Januar. Eine große Stütze in ihrem Kampfe ums Recht hat die ruffische Judenheit wiederum durch den gestern erfolgten Tod des Dumaabgeordneten Karaulow verloren. Eine starke, eigenartige, für Recht und Freiheit begeisterte Persönlichkeit ist mit ihm dahingegangen. Als Karaulow einst in der Reichsduma darüber sprach, daß die ruffische Judenheit rechtlos sei, rief ihm ein Vertreter der Rechten das Wort „Sträfling" zu. Ruhig und würdevoll erwiderte Karaulow: „Ja, verehrter Vater, ich bin ein Sträfling,- mit .geschorenem Kopf und mit Ketten an den Füßen bin ich lange umhergegangen, nur deshalb, weil ich damals den Mut hatte, den Wunsch auszusprechen, daß diese Versammlung, in der auch Sie jetzt sind, zu Stande käme. Daß ich ein Sträfling war, ist der Stolz meines Lebens. In der mächtigen Welle,, die Sie in dieses Gebäude getragen hat, ist auch ein Tropfen von mir, ein Tropfen meines Blutes und meiner Tränen." Diese schlichte und kurze Replik spiegelt das ganze Wesen Karaulows wider, seine felsenfeste Ueberzeugung, seinen Opfermut und seine Begeisterung für das Ziel, das er verfocht, dem er sein Leben geweiht hatte: die R e l i g io n s f r e i h e i t. Karaulows Biographie ist ein Martyrium. Von der Regierung verfolgt, mußte er ins Ausland flüchten, und wurde nach seiner Rückkehr nach Rußland 1884, zu der Zeit, da Pobedonoszew allmächtig war, arretiert und des Hochverrats angeklagt. Aber selbst das Kriegsgericht mußte zugeben, daß irgend welche terroristische Attentate ihm ganz fern lagen. Er kam daher mit dem Leben davon und wurde zu vierjähriger Zwangsarbeit verurteilt. Er hat darauf lange Jahre in Sibirien gelebt, war hier zugleich Arzt und Privatanwalt an den Gerichten und erwarb die Liebe und Hochachtung seiner Stammesgenoffen in dem Maße, daß er nach der Amnestie von 1905, die chm seine Rechte wiedergab, von einem sibirischen Wahlkreise in die Reichsduma gewählt wurde. Karaulow ist sein ganzes Leben lang stets und überall begeistert für die Freiheit aller Staatsbürger eingetreten und unter diesen Freiheiten war es die Glaubensfreiheit, die ihm ganz besonders am Herzen lag, die er immer und immer wieder im Parlament aufs energischste verfocht. Die konstitutionell-demokratische Partei (Kadetten), der er angehörte, bejaß in ihm den stärksten Vorkämpfer in allen Religion s- und Glaubensfragen. Ihn zu ersetzen ist jetzt außerordentlich schwer. Wenn der starke, breitschulterige Mann mit der Löwenmähne, dem großen, ausdrucksvollen Augen, der dröhnenden Baßstimme in lapidaren, starken Sätzen redete, gewann er die Versammlung, auch seine Gegner. Alle in Rußland wegen ihres Glaubens Verfolgten und vor allen Dingen alle Juden fanden in ihm, der selbst eine tiefe religiöse Natur war, einen starken, überzeugten Beschützer. So war auch Karaulow der erste der den Antrag auf Aufhebung der Nayongesetze unterschrieb und es war, wie wir neulich mittetlten, beschlossen, daß er die erste Rede in der Duma zur Begründung des Projektes halben sollte. Man kann die Bestürzung in den jüdischen Kreisen Rußlands ob des Verlustes dieses vielleicht noch einzigen unerschrockenen Kämpfer für ihr Recht leicht nachfühlen. Die jüdische Gemeinde zu Petersburg war bei der Leichenfeier durch eine Deputation vertreten und in den Synagogen wird dieses TDn □V)yn mtm ehrend gedacht. vermischter. $vantfuvt a. M., 10. Jan. In der Sitzung dec Stadtverordneten vom 5. Januar brachte Stadtv. Gott bei Besprechung des Haushaltsplanes für 1911 auch eine in jüdischen Kreisen viel erörterte Angelegenheit zur Sprache. Es seien ihm — so führte der Redner aus — verschiedene Klagen zugegangen, daß der Magistrat es an der nötigen Parität fehlen lasse. So sollen jüdische Schülerinnen nur sehr schwer Eintritt in das städtische Lehrerinnensemiuar erhalten können. Ich unterlasse es dabei — fuhr der Redner fort — darauf hiuzuweisen, daß zweifelsohne nicht unwesentliche «ummcu bei der Begründung und Erhaltung vieler gemeinnütziger und wohltätiger Anstalten seitens unserer Mitbürger israelitischer'Konfession beigetragen worden sind und werden. Ich erkläre es für ein Unrecht, denn die Studienanstalt und das Lehrerinnenseminar werden von der gesamten Bürgerschaft erhalten und dazu gehören auch ohne Zweifel doch unsere israelitischen Mitbürger. Tiefe Zurücksetzung ist aber nmio ungerechter, als die beiden israelitischen Realschulen von den jüdischen Gemeinden erhalten und in dieser Weise der Stadt große Summen von Ausgaben gespart werden. Auffallend ist es ferner, daß in den hiesigen höheren Schulen nur ganz wenige Lehrer jüdischer Konfession im ganzen 2 oder 3 angcstellt sind — an unseren Realschulen und Ober- Realschulen ist überhaupt kein Lehrer israelitischen Glaubens angestellt. — In Berlin sind dagegen an den städtischen Schulen 65 Lehrkräfte israelitischer Konfession angestellt. Man darf auf die bevorstehende Debatte über diese Tinge gespannt sein. Bisher hat sich der Magistrat auf den Standpunkt gestellt, daß das städtische Lehr-, ututerifcnunar in e r ft e r Reihe für die Absolventinnen der städtischen höheren Mädchenschulen, erst in zweiter Linie für diejenigen der vollkommen gleichwertigen jüdischen Schulen,'bestimmt sei. Dadurch sind besorgte Eltern häufig veranlaßt worden, ihre Töchter frühzeitig aus den jüdischen höheren Mäe-chenschulen zu nehmen und einer städtischen Schule zuzusnhren. Das Ergebnis der ungleichen Behandlung ist also eine mangelhafte jüdisch-religiöse Vorbildung künftiger jüdischer Lehrerinnen, die doch erst recht gründlichen jüdischen Wissens bedürfen. Es handelt sich hier also nicht bloß um eine Frage der formalen Parität, sondern um sehr schwere sachliche Schäden, deren Würdigung sich der Magistrat nicht entziehen sollte. Frankfurt a. M., 8. Jan. Bon geschätzter Seite wird uns eine Anfichtspostkarte, die vom Krankenhause 22V!2 in Jerusalem am 1. Januar versendet wurde, zugestellt, die höchstes Befremden in jüdischen Kreisen erregen muß. Die Karte enthält eine Aufforderung an die Mitglieder, ihren Beitrag pro 1910 zu entrichten, hat aber am Kopfe die wenig geschmackvolle, wenn auch im Kunstdrucke ausgeführte Aufschrift: „Herzlichen Glückwunsch zum neuenJahre." Ob man in den Kreisen der genannten Spitalverwaltung an den ipm JlJD'lK nicht genug hat und noch ein fünftes für die Anstalt einsetzen will? In der betligen Stadt sollte man fich um so mehr vor solchen Geschmacklosigkeiten hüten. rv erlin, 3. Jan. Die jüdische Blindenanstalt für Deutschland veranstaltete am Sonntag, den 1. Jan. b. IS. in ihren Räumen eine Chanukahfeter. Nachdem das Mtnchagebet in dem neu eingerichteten Betsaale der Anstalt gesprochen worden ist, wurden von dem Borstandsmttgltede Herrn Konrad Scharfer die Cbanukahlichter angezündet und die Chanukahhymne „Moaus Zur J'schuoßi" gesungen. Hierauf begrüßte der zwcite Borsttzende, Herr William Neumann, die zahlreich erschienenen Gäste. Nunmehr begaben fich die Festtetlnehmer in den Mufiksaal, woselbst musikalische Darbietungen von seiten der blinden Kinder zum Vortrag gelangten, die mit freundlichem Interesse entgegengrnommen wurten und stürmischen Beifall bervorriefen. Alsdann hielt der Leiter der Anstalt, Herr Inspektor Fiedberger eine Ansprache über die Bedeutung der Blindenanstalt. Die Kinder nahmen hierauf die im großen Spetsesaal aufgebauten Geschenke entgegen,- ein neunjähriges blindes Mädchen trug ein Chanukahgedicht vor. Köln, 10. Jan. Aus Anlaß der dem Jüdischen Lehrerseminar in Köln staatlrcherseitsverliehenen Berechtigung zur Abhaltung von Entlassungsprüfungen hatte das Kuratorium zu einer Feier auf den zweiten Tag Chanukah (27. Dezenber 1910) die Freunde und Gönner der Anstalt, die ehemaligen Lehrer und Zöglinge, sowie gletchgefinnte Anstalten und Bereinigungen geladen. Eine große Schar hatte dem Rufe Folge geleistet und fich schon am Nachmittag zum ersten Teil der Feier, dem akademischen Festakt, im großen Festfaal des „Hotel du Nord" eingefunden. Nach einem wirksam vorgetrogencn Chorgesang hielt der Borsttzende, Herr Jstdor Dülken seine Begrüßungsansprache, die den Dank an die Staatsregterung, an den greisen Gründer der Anstalt, Herrn Oberrabbiner Dr. F e t l ch e n f e l d in Posen, an den im verflossenen Jahre Heimgegangenen 40jährtgen Leiter des Seminars, Herrn Rabb. Dr. Plato, an den jetzigen Direktor Dr. Car leb ach, an das Lehrerkollegium, auS dem wiederum der vor wenig Jahren verstorbene Semtnarlehrer S ch w a r z f ch t l d hervorgehoben wurde, an alle Erschienenen zum Ausdruck brachte und die Hoffnung aussprach, daß der KretS der Mitglieder fich lmmer weite, auf daß die Anstalt weiter blühe und gedeihe. DerEhrenvorsttzende der Synagogen-Gemeinde Adaß- Jeschurun" Herr Wallach, w.es auf die allezeit zwischen Gemeinde und Seminar durch Personalunion der Führer und den gleichen jüdischen Geist bestandenen Be. Ziehungen hin. Herr Jacob R o s e n h e i m gratulierte namens der „Freien Bereinigung sür die Interessen deS orthodoxen Judentums" und wteS auf das jederzeit bekundeten Interesse der Bereinigung für daS Seminar hin. Herr Rabbiner Dr. K o h n - Ansbach sprach namens deS RabbtnerfeminarStn Berlin und der „Bereinigung tr. g. R Deutschlands" und betonte daS gleiche Streben der Rabbiner und Lehrer für unsere Heiligtümer. Herr Rabbiner Dr. Breuer-Aschaffenburg überbrachte die Glückwünschedes , Verbandes orth. Rabbiner Deutschlands" und der Thoralehranstalt in Frankfurt a. M., Herr Lehrer Lebermann - Darmstadt die des „Bundes gesetzestreurr Lehrer Deutschlands." Herr Lehrer Bonn in Cöln sprach namens aller ehemaligen Lehrer und zugleich namens der an der Anstalt wirkenden christlichen Lehrer, Herr Lehrer S e e l i g - Siegburg im Auftrag der ehemaligen Zöglinge der Anstalt, und Herr Lehrer Htrschberg -Frankfurt a. M. namens der vielen in Frankfurt wirkenden, aus der Cölner Anstalt hervorgegangenen Lehrer. Nach einem Chorgesange folgte nun die Festrede des Direktors, die eine Darlegung der Ziele und Bestrebungen der Anstalt enthielt und die wissenschaftlich-praktische, kulturelle und jüdisch-religiöse Aufgabe der Anstalt schilderte. Die mehrstimmigen Chorgesänge wurden vom Seminarlehrer W. B r e d u ck eingeübt, dirigiert und begleitet. Beim Festessen am Abend, an dem über 200 Personen teilnahmen und bet dem angeregteste Stimmung herrschte, wechselten Reden mit musikalischen Darbietungen der Seminaristen all. Gegen Ende des Mahles fand die Aufführung eines sinnigen und hochpoetischen Festspiels aus der Feder des Herrn Rabbiner Dr. K o h n - Ansbach statt, für welches Dichter, Regte und Darstellung begeisterten Beifall ernteten. Erst am stützen Morgen trennte man fich in dem Bewußtsein, eine wahre niiCB StP NNivV gefeiert zu haben. Frankfurt a. M, 10. Jan. Donnerstag, 5. Jan, hielt Herr Rabbiner Tr. Munk, Berlin, vor einein sehr zahlreichem Publikum im Vereinslokale der „Vereinigung Nachlach - Zivi" einen inhaltvollcn Vortrag über den Begriff der Ehre im Judentum. Unter allen Mächten der Seele, so ungefähr führte der Redner aus, sei die Ehre die höchste und wirk,amste, da sie ja auch den Tod überdauere und so gehöre sie zu den Grundsteinen der menschlichen Gesellschaft. Ehrgefühl sei aber nichts anderes als das Bewußtsein des Ansehens, in dem wir in den Augen Anderer stehen. Das Judentum bewertet die Dinge an drei Maßstäben: es fragt erstens, ob sie der Allgemeinheit dienen, dann ob sie ohne Waffe, ohne Gewalt erringbar sein werden, und schließlich inwieweit sie dem Irdischen entzogen sind. Tn diese drei Merlmale auch die Ehre aufweise, so dürfe sie ihren Platz auch im Judentum mit gutem Rechte behaupten, trotz vieler Sätze in Thora und Talmud, die in dem Sinne mißdeutet werden, als schätze das Judentum die Ehre gering. Vielmehr zeigen viele Sätze dec Bibel, daß im althebräischen Sprachgebrauch auch das höchste im Menschen, die Seele, ja auch Gott selbst, mit dem Worte bezeichnet werden. Es stehe aber fest, daß die Ehre nur am Maßstabe der Thora zu messen sei. Bei einer erlittenen Niederlage in Israel sagte man, wie im „Buche Samuel" berichtet wird, einst: „Es ist ausgewandert Ehre ans Israel, da ihn: die Lade Gottes genommen wurde." König David, der es mit seinem Stolze vereinigen konnte, im Kreise seiner Knechte und Mägde vor der Lade zu tanzen, zeigte die einzige richtige jüdische Auffassung von der Ehre. Alles ist ehrenvoll und ehrend, was sich mit dem Geiste unseres Gesetzes verträgt, entehrend ist aber jede Handlung, die eine Verletzung des Thorageistes und der Thoragelote involviert. Auf diese Weise sei auch der bekannte Satz zu deuten: „Alles was Gott geschaffen, ist zu fernen Ehren geschaffen". Ter lehrreiche Vortrag wurde mit lebhaftem Be ifall aufgenomnren. Frankjurt a. M., 9. Jan. Am Dienstag, den 17. Januar 1911, abends 8V« Uhr, findet aus Veranlassung des hiefigen Lokalkomitees des Vereins „Esra" im großen Saale der „Frankfurt-Loge", Eschershetmer Lanbstr. Nr.'27, ein Vortragsabend statt, an welchem Herr Rabb. Dr. Josef Eschelbacher aus Berlin über „Die modernen jüdischen Bestrebungen zur Kolonisation Palästinas" sprechen wird. Der Verein „Esra'' besieht seit 1884. Während dieser Zeit hat er zahlreiche jüdische Kolonien in Palästina in ihrer größten Notlage betgestanden, und ihnen so über die ersten Schwierigkeiten hinweggeholfen. Später hat er fich bet der Begründung weiterer Kolonien beteiligt und ist jetzt gegenwärtig im Begriff, durch den Bau von Arbeiterwohnungen in bereits bestehenden Kolonien die jüdische Bevölkerung derselben zu verstärken und fie mit einem lebenskräftigen, jüdischen Arbeiter element zu versehen. DaS Frankftrrter Lokalkomitee ist im Anschluß an die im Jahre 1899 in Frankfurt a. M. stattgefundene Palästina- Ausstellung tnS Leben gerufen worden. / Altona, 3. Jan. Am Samstagabend 6 Uhr, fand / hier eine MD-Fftter seitens der „Klaus" statt. Etwa/ 13 Jahre hatte man dazu gebraucht, um die NVV/ rtttfö ’TTD durchzulernen. Täglich zwischen p|H3tf/ und außer dem Freitag und werden^