Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1911)
- Date
- 1911-01-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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6eitt e. Rr. 3 es die Gegenkandidaten nur auf etwa achtzig Stimmen bringen, sodaß diö offiziöse Liste durchging. _ Kultusnerlag 6. m. ö. fl., contra „Israelit“. ArauKfurl a. M., 10. Jan. Vor dem hiesigen Schöffengerichte fand heute die Verhandlung in der bekannten Sache des Kultusverlags statt. Angeklagt wegen Beleidigung deH Geschäftsführers des Kultusverlags, G. m. b. H., Herrn Ehrenberg, war der verantwortliche Redakteur des „Israelit", S. Schachnowitz. Der Privatkläger fand sich durch die bekannten Artikel in Nr. 23, 24 und 28 des „Israelit" 1910 verletzt, in denen die jüdischen Gemeinden und Wohltäter vor einer sich „Kultusverlag" nennenden „Gesellschaft mit beschränkter Haftung zur Ausbeutung der jüdischen Wohltätigkeit" gewarnt werden. Der Sachverhalt dürfte unseren Lesern noch in frischer Erinnerung sein. In mehreren jüdischen Zeitungen erschien im März 1910 ein Inserat, das Kultusgemeinden für den Bau von Synagogen, Krankenhäusern u.s w. zinsfreie Geldmittel anbot und sie aufforderte, ihre Verhältnisse unter einer gewissen Chiffre schriftlich darzulegen. Der „Israelit" brandmarkte nach eingehender Information, die ihm eine Fülle von Beweismaterial eingebracht hatte, dieses Geschaftsgebahren, welches eine geschäftsmäßige Ausnutzung der jüdischen Wohltätigkeit darstellt, und warnte unter Hinweis auf die moralische Seite des Unternehmens . eindringlich vor demselben. Auf diesen Artikel ging uns eine preßgesetzliche Berichtigung von der Gesellschaft zu, die wir mit einer Bemerkung, dahinlautend, daß diese Berichtigung ganz und gar nicht geeignet sei, die auf Dokumente und zuverlässigen Mitteilungen gestützten Behauptungen unseres Gewährsmannes zu entkräften, in Nr. 24 vom 16. Juni ausgenommen haben. Als uns später noch weiteres Material zur Verfügung gestellt wurde, fanden wir es für nötig, in Nr. 28 nochmals vor der eigenartigen G. m. b. H. zu warnen. Auf Grund dieser Zeitungs- Artikel wurde nun von der Gesellschaft eine Klage gegen den Redakteur des „Israelit" angestrengt, die heute vor dem 'besagten Gerichte zur Verhandlung und zur Erledigung gelangt ist. Herr Ehrend erg, der als Privatkläger erschienen war, erklärte, daß er ficy durch die genannten Art kel in seiner Ehre verletzt und in seinem Geschäfte geschäd gt fühle. Er, wie auch sein don ihm geladener Teilhaber Meyer, sowie der ohne Vorladung erschienene Wilhelm Ott aus Würzburg bestreiten, von irgend einer Gewinnsucht bei ihrcm Urternehm n geleitet worden zu sein. Sie hätten vielmehr lediglich das Interesse der Gemeinden fördern wollen und sich mit einem kleinen Gewinn für ihre Arbeit und Mühe begnügt. Zweck des Verlages war ihrer Aussage nach die Herausgabe jüdischer Werke, zu welchem Betzme sie sich mir jüdischen Autoren i nd Künstlern in Verbindung setzen wollten. Um jedoch das zu diesem Zwecke gesammelte reiche Adresienmatcrial nicht unbenutzt zu lasten, wollten sie eS vorl ufig den interessierten Gemeinden gegen entsprechende Beigütung nach einem mit den letzteren abgeschlossenen Vertrage zur Verfügung stellen. Nach Vernehmung der Zeugen und Verlesung der Aussagen der kommtsiarisch vernommenen auswärtigen Zeugen legt der Vorsitzende dem Kläger mit Rücksicht darau , daß die Artikel nur erweislich wahre Behauptungen enthalten und derBeklagte außerdem inWahrung berechtigter Interessen gehandelt habe, wiederholt nahe, die Klage zurückzuzrrhen, wozu sich j doch der K äger nur unter der Bedingung bereit erklärt, daß der Beklagte seine Behauptungen zurücknelmm sollte. Herr Schachnowitz e klärt, daß eS ihm fernlag, die Prrsonen, die hinter dem Kuitusverlage stehen, zu beleidigen, daß er aber von den tatsächlichen Angaben der Artikel kein Jota zurücknehmen könne. Darauf wird die Berbandlung fortgesetzt. Der Anwalt des Prwatklägers sucht nachzuweisen, baß die Artiket unrichtige Angaben und persönliche Beleidigungen rnthalten. In feiner Erwiderung entwirft der Verteidiger dcs Beklagten, Herr Dr. Siegfried Schwarzschild, in sehr eindrucksvoller Weise ein Bild des ganzen Sachverhaltes. Es fei erklär! ch, daß der unternehmungslustige Verlag, besten 8piritus reeivr, Wilhelm O t t, mit dem von ihm früher betriebenen Ktrchenbette l recht gute E.fahrungen gemacht hat, es nun auch mit der Amschlochtung der viel gerühmten jüdischen Wohltätigkeit versuchte. Daß die drei klugen Herren — von denen einer Antisemit ist, während die zwei anderen ebenfalls Nichtjuden find — nicht auf das Wohl der jüdischen Gemeinden bedacht waren, sondern darauf, ihre leeren Taschen zu füllen, gehe aus den Akten und auS den Zeugenaussagen deutlich hervor. Der Bertrag, den sie den Gemeinden vorlegten, sei ein Wuchervertrag schlimmster Art, der, wenn er wirklich zustande gekommen wäre, den Kultusverlag mit dem Strafrichter in Berührung gebracht hätte. Es zeuge von der moralischen Kraft der jüdischen Landgemeinden, daß diese trotz ihrer drückenden Armut und der lockenden Vorspiegelungen der Verlags-Aktcure gleich von vornherein moralische Bedenken gegen die Sache getragen hoben und sich noch ei mal von ihren Rabbinern und Lehrern darüber beraten ließen. Und cs gereiche auch den letzteren zur Ehre, daß fie alle die Gemeinden vor dem Eingehen auf ein solches Angebot warnten. Der „Israelit" als Zentralorgan der orthodoxen Juden heit habe in erster Reihe die moralische Pflicht gehabt, vor dem Unternrhmcn zu warnen, da cs, wie aus den verlesenen Bittsch tften hervorgeht, in erster Reihe auf den Wohltätigkeit sstnn der orthodoxen Kreise abgesehen war. Von persönlichen Beleidigungen sei in den Artikeln keine Spnr zu finden, vielmehr zeige sich in ihnen das Bestreben, die jüdische Wohltätigkeit vor geschäftsmäßiger Ausschlachtung zu schützen. Ter „Israelit", der erst jüngsthin durch seine entschiedene Stellungnahme gegen die geplante Organisation der Wand erarmen lassen gezeigt habe, wie hoch er die Erhaltung der alkjüdischen privaten Wohltätigkeit schätze, mußre umsomehr gegen eine derart ge Fruktlzt.rung der jüdischen Opfersceudo scharf und energisch eintreten. Nach kurzer Beratung verkündete der Vorsitzende die Freisprechung des Beklagten. Die Kosten des Verfahrens werden dem Privatklägcr Ehrenbergauferlegt. Nach diesem Urteil darf man hoffen, daß der Kultusverlag seine Tätigkeit auf dem Gebiete der jüdischen „Wohltätigkeit" nun für immer einstellen wird. Wir dürfen uns mit diesem Erfolge zufrieden geben. Nertin- 4. Januar. Seitens einer Reihe hiesiger Exporteure sind den Aeltesten der Kaufmannschaft von Berlin Klagen über chikanöse Behandlung von Geschäftsreisendenjüdischen Glaubens inRußland, namentlich in Kiew übersandt worden. In der Beschwerde wird ausgeführt, daß die Maßnahmen sich vornehmlich gegen die deutschen jüdischen Reisenden richten, während ihre Glaubensgenossen anderer Länder von den polizeilichen Anordnungen nicht betroffen werden, weil deren Pässe keinen Vermerk der Religionszugehörigkeit aufweisen. Abgesehen von der persönlichen Seite der Angelegenheit sind die russischen Maßnahmen aber auch geeignet, den deutschen Handel in Rußland empfindlich zu schädigen. Nach Prüfung der Angelegenheit hat das Aeltesten-Kollegtum beschlossen, bei der Reichsregierung vorstellig zu werden. öunSestag öes ö I f). (2. 4. Jan ) Würzvurg, den 8. Januar. Aus allen Teilen unseres deutschen Vaterlandes waren auch dieses Mal die Bundesbrüder in großer Anzahl hcrbeigeeilt, um in gemeinsamer Beratung die Mittel und Wege ausfindig zu machen, die dem inneren Ausbau sowie der Propagierung unsrer Idee, der Festigung der Gesetzestreue in den jüdisch-st u den-' tischen Kreisen Deutschlands, dienlich sein sollten. Mehr als 50 Bundesbrüder, Studenten und „alte Herren", unter ihnen die Delegierten der Vereinigungen Jüdischer Akademiker zu Berlin, München, Straßburg, Marburg, Heidelberg und Würzburg, nahmen an den Verhandlungen regen Anteil - viele, die fortbleiben mußten, gaben brieflich und telegraphisch ihren Wünschen für den Verlauf der Verhandlungen herzlichen Ausdruck. Stürmischer Beifall erhob sich, als der Vorsitzende die telegraphisch übermittelten Grüße der neugegründeten V. I. A. Baltimore zur Verlesung brachte. War dieser Gruß doch ein beredtes Zeichen für die weltumspannende Kraft des B. I. A.-Gedankens. In den zwei Jahren seit dem letzten Bundestag, so konnte der Bundesvorsitzende in seinem! Bericht konstatieren, hat sich die Mitgliederzahl der V. V. I. A. etwa von 150 auf 225 ver-! mehrt. Bei diesem Anwachsen hält naturgemäß die Zahl der Studenten mit der der „alten Herrn" nicht gleichen Schritt, da Semester für Semester eine nicht geringe Anzahl von studentischen Mitgliedern ihr Studium beendet. Um __13. Januar 1911. auch diese Kräfte der „alten Herrn", die sonst der Arbeit in den einzelnen Vereinigungen fast vollständig verloren gingen, wieder dem Bunde nutzbar zu machen, sind in letzter Zeit besonders an den größeren Zentren Deutschlands „Stammtische" (bisher in Frankfurt, Hamburg-Altona, Köln, Nürnberg-Fürth) ins Leben gerufen worden, deren innerer Ausbau und deren rechtliche Stellung einen wichtigen Beratungsgegenstand bildeten. Diese Stammtische haben naturgemäß zugleich die Aufgabe, das Bundespräsidium in seiner Propagandatätigkeit zu unterstützen. Durch Schaffung eines Propagandas o n d s wurde im übrigen für die Möglichkeit einer weiteren Entfaltung der Propagarcha gesorgt. Aus den Beratungen über die Ausgestaltung der inneren Tätigkeit der V. V. I. A. verdient hervorgehoben zu werden, daß eine Kommission eingesetzt wurde mit der Aufgabe, für einen weiteren Ausbau des >,Fuxenuntere r i ch t s", der vornehmlich die jüngeren Semester mit den Grundlinien jüdischer Welt- und Lebensanschauung bekannt machen soll, Sorge zu tragen. So schufen die Beschlüsse des Bundestages einen neuen Boden zur Verwertung der bisher gemachten Erfahrungen, zur besseren Ausgestaltung des Bundes in seiner Tätigkeit nach außen und innen. In diesem Rahmen bewegten sich auch die übrigen Verhandlungen. So wurde die Anregung gegeben, eine Enquete über die einzelnen akademischen Berufe in ihrem Verhältnis zum gesetzestreuen Judentum zu veranstalten. Ferner wurde darauf hingewiesen, daß die geselligen Veranstaltungen noch zu wenig .einen spezifischen V. I. A.-Charakter trügen, und die Schaffung eines eigenen Liederbuchs in Angriff genommen. Es sei noch erwähnt, daß die Jnkorporationsfrage behandelt wurde, daß aber nur eine Meinung darüber herrschte, daß die Vorteile einer Anmeldung bei der Universität nicht u!m den Preis der Mitgliedschaft der „alten Herrn" erkauft werden dürsten. Ta aber nach für die preußischen Universitäten geltenden Bestimmungen nur das eine oder das andere möglich ist, wurde die Frage der Anmeldung alsbald von der Tagesordnung abgesetzt. Das sind in Kürze einige der wichtigsten Punkte, die eine Erledigung gefunden haben. Nicht minder wichtige Fragen, die noch nicht als abgeschlossen betrachtet werden können, haben den Bundestag lange beschäftigt. Es ist zu hoffen, daß auch diese bald eine befriedigende Lösung finden werden. In angenehmer Weise waren die geschäftlichen Verhandlungeil durch die Veranstaltungen unterbrochen, die die Würzburger B. I. A. dem Bundestage bot. Am Abend des ersten Verhandlungstages fand unter zahlreicher Beteiligung der Würzburger jüdischen Bevölkerung das 3. Stifungs fest der Würzburger Bundesmitglieder statt. Im akademischen Teile dieser eindrucksvollen Feier hielt der Bundesvorsitzende, Herr Oberlehrer Dr. Joseph Carlebach-Berlin, eine von Begeisterung getragene und Begeisterung weckende Festrede. Er wies, anknüpfend an das soeben verflossene Chanukah-Fest, aus beit Unterschied hin, der zwischen dem einstigen Hellenismus und der heutigen europäischen Kultur in ihrem Verhältins zum Judentum bestehe. Wie die Ablehnung hellenischer Lebensvergötterung stets Pflicht sei, so sei die Durchdringung der Ideale unserer Zeit die Forderung von heute. Nach dem Vorbilde seiner großen Führer des vergangenen Jahrhunderts habe der B. I. A. die harmonische Bereinigung von ipK in dj? mm auf seine Fahne geschrieben Anhaltender Beifall lohnte die längeren, fesselnden Ausführungen des Redners. Nachdem sodann Herr Tistriktsrabbiner Bamberger sowie die Herren Dr. Braunschweiger und Tr. Dachauer teils in ernsten, teils in humorvollen Worten sich den Dank der Zuhörer erworben hatten, kam die Fidelitas zur vollen Geltung. Studentenlieder erklangen, Bierreden hielten Jung und Alt in Stimmung, bis! endlich in