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Der Israelit · 1911-01-12 · Heft 2 (12.1.1911) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 2 (12.1.1911)
Date
1911-01-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
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(Schluß folgt.) KochmrimWa«. budroig ßeiger und öalijien. Tie berüchtigten Artikel des erst getauften und dann aus der Kirche — zum literarischen Antisemitismus übergegangenen Tr. Theodor Lessing über die galizische Judenheit in den ersten G e i g e r nummern der A. Z. d. I. fingen schon an, in wohltuende Vergessenheit zu geraten. Hatte man doch von vornherein den ebenso konfusen wie vermessenen Ausführungen eines Phantasiereichjen Ignoranten viel zu viel Bedeutung beigemessen. Nun durste sich die jüdische Oeffentlichkeit mit der Abfertigung, die dem famosen Galizienentdecker und seinem Verleger von allen Seiten zuteil wurde, zufrieden geben und die Sache als abgetan erachten. Ta waren es aber in den letzten Tagen zwei Umstände, die den Fall aus der Versenkung heraushoben und ihm wiederum frische Aktualität verliehen. Zuerst war es der vor wenigen Tagen erfolgte Tod Samuel L u b l i n s k i s, der den Namen Lessing wieder in Erinnerung rief. Dieser Lessing, der sehr im Gegensatz zu seinem großen Namensvetter, alles, was an Juden und Judentum gemahnt, grundsätzlich haßt, dem schon ein jüdischer Laut, ein biblischer Name stark auf die Nerven fällt, hat zur gleichen Zeit mit seinem Galizierpamphlet auch einen Artikel unter dem schönen Titel „Samuel zieht die Bilanz" gegen Lublinski losgelassen, in dem er das Manko an Sachlichkeit durch eine unerhört beleidigende Form und einen ungemein pöbelhaften Ton zu ersetzen suchte. Durch die Naumannsche „Hilfe" auf diesen Schandartikel aufmerksam gemacht, fällte damals die gefaulte anständige deutsche Presse ein Urteil über Theodor Lessing, das ihn Häusliche Zucht und Sitte, mit Milde gepaarte Strenge der Erziehung und gottergebene Duldun g, diese in der Tradition der Geschlechter verwahrte Vermächtnisse der Mutter find es hauptsächlich, die Israels Familie rein und festgegliedert erhält, so schwach a uch daS Zelt geümmert und so stark der Sturm von a ußen sein mag. „Höre, mein Sohn, die ernste Gesetzesmahnung deines Vaters und verlaß die Lehre deiner Mutter nicht." Welche Mutter hätte bei Israels Söbnen ein größeres Recht auf Beherzigung ihrer Lehre, als Mutter Rahel, sie, die sterbend Israel den jüngsten Sohn gegeben, Rahel, die Vater Jakob in den trüben Jahren der Verfolgung und Knechtung der erste Sonnenblick des Glückes gewesen und bis ans Ende seine treue Gehilfin und Beraterin, der Trost seiner Seele und die Geliebte seines Herzens geblieben? Also, zwischen zwei Gräbern, dem Grabe bei Bethlechem in der Wüste und dem Machpelagrabe in Hebron, das seinen hetmkehrenden Gast erwartet, sammelt Jakob seine Söbne, um ihnen zu verkünden, was für fie die späte Zukunft birgt und vor ihnen ihr eigenes innerstes Wesen zu enthüllen, das aus dem jedem einzelnen Stamme eigentümlichen Wurzeln heraus dieser Zukunft entgegenzmeisen hat. Die Söhne sammeln fich r& beteuern dem sterbenden Vater, daß fie, ob in der Wüste oder im bewohnten gelobten Land, ob Galuth- oder Mikdaschzett, einig sein und in Einigkeit festhalten wollen an dem einig einzigen Gotte, vor dem Jakob gewandelt und besten erhabenen Namen nennend er die Augen schließt. 3«?#' fQ-D ist da« aus Baterliebe und Seherernst gewobene Band, auf dem die wichtigsten Phasen in Israels Geschichte, die Zeit der Knechtung, des Kampfe- und Steges, von der Schlange, die das stolze Roß deS Tyrannen in die Ferse beißt, bis zum Leu, der fich kühn zum Sprunge erhebt, von Mizrajim Vis zur Wüste, zu den Richtern und bis — Schiloh — _ Der Israelit wohl veranlassen durfte, für. alle Zukunft die Feder aus der Hand zu legen — und dies just zur Zeit, da sich die jüdischen Blätter aller Länder, Sprachen und Richtungen, mit den im Geigerblatte zum Ausdruck gelangten und von dort auf die antisemitische Presse übergegangenen Lessingschen Anklagen befaßten und seine jüdisch-, literarischen Qualifikationen beleuchten. Es war kein zufälliges Zusammentreffen, denn die Sprache, die das Niveau des Lublinski-Artikels bezeichnete, war des Autors der galizischen Aufsätze durchaus würdig. — Nun ist Lublinski gestorben und es lag sehr nahe, daß in den verschiedenen Nachrufen auf diesen etwas merkwürdigen, nichts weniger als jüdisch empfindenden Schriftsteller auch seines famosen Kritekers Theodor Lessing wieder lebhaft gedacht wurde. Aber es kanr ein zweites hinzu. In seiner s cheinbar unvermeidlichen Neujahrspredigt, die wie voriges Jahr auch Heuer in der Form eines Leitartikels in der ersten Nummer der A. Z. d. I. der staunenden Welt verkündet wird, erklärt Herr Gehmmrat Ludwig Geiger, daß der Weg, den er bei Uebernahme der Judentumszeitung eingeschlagen, ihn recht befriedige und er ihn daher auch trotz aller Mißverständnisse, die ihm von Freund und Feind entgegengebracht wurden, unerschrocken fortsetzen werde. Das ist nun eine Sache, über die er sich mit seinem Gewissen und seinen Lesern abfinden mag. Aber nun kommt noch etwas anderes. Auf die Lessingschen Artikel übergehend, heißt es da, nach einigen nichtssagenden Redewendungen, wörtlich: „Zweitens, trotz vieler Oberflächlichkeiten und Jrrtümer im einzelnen beruhen die Hauptanklagen des Herrn Lessing, mit dessen Persönlichkeit ich mich weiter nicht zu befassen habe, auf einer richtigen Beurteilung der Zustände, die er schildert. Diese Tatsache ist mir seitdem von manchen Kennern des Ostens bestätigt worden, und mancher ehrliche Gegner hat mir bekannt, daß er nicht sowohl über den Inhalt der Artikel im allgemeinen und einzelnen, als darüber befremdet gewesen sei, daß ein jüdisches Blatt derartige Anklagen veröffentliche." Wir gestehen, bei allen Ueberraschungen, die uns die grüne Zeitung im ersten Jahre ihres treuen Regimes bereits gebracht, hätten wir uns doch einer solchen groben Perhorresziernng der öffentlichen jüdischen Meinung von ihr nicht versehen. Als gleich nach dem Erscheinen der Artikel du Sturm der Entrüstung durch den jüdischen Bläterwald gting, schwieg Herr Geiger. Und er tat gut und klug daran. Tenn was hätte er auch sagen können gegenüber den Stimmen von anerkannten Kennern des Ostens, die alle einmütig nachwiesen, wie dreist Lessing den Tatsachen ins in Emblemen eingewirkt erscheinen. Mit diesem Bande hält Jakob seine Söhne umschlungen, knüpft er die fich abwtckelnde Geschichte seiner Familie an die neu beginnende Entwickelung der Nation. Die Segnungen bilden die ersten Ansätze zu den späteren Segnungen Mosches, und wir können die ,"012 des sterbenden Vaters au seine Familie erst würdigen, wenn wir am Berge Nebo die Segensworte vernehmen, die der sterbende Lehrer feinem Volke erteilt. '22 nci' «TV Josef sah von Ephrajim Kinder des dritten Geschlechts, auch Kinder Machirs, dem Sohne Menasches, wurden auf Josefs Knieen geboren.„Und Josef sprach zu seinen Brüdern: Ich sterbe. Und Gott wird doch euch einst wieder bedenken und euch von diesem Lande zu dem Lande hinaufführen, das er Abraham, Jizchak und Jakob zugeschworen hat (K. 50, 23, 24)." Also sechs Geschlechter (Jakob bis zu Eph aijims Urenkel) find am Schluffe dieser Sidra, die zugleich den Schluß des JVtPK*12 "1BD bildet, gruppiert, und über ihnen schwebt die göttliche Vorsehung MflK npB' ‘IpS D'p^Kl und ruft neue Epochen herauf aus den, Schoße der Zeiten. Die göttliche Vorsehung überdauert die Geschlechter und läßt ihren Lebensgehalt in einander übergehen und für einander Wirken Wir stehen an einem Wendepunkte. Auf der einen Seite die Familie Jakobs, auf der anderen Sette das Volk Israel. Tiefe Trauer und ein heiliges Versprechen hier,' schweres Leid und fich erfüllende Hoffnung dort. Da fällt der Vorhang. No. 2. Sette 3 Gesicht schlägt und wie sehr er die Dinge — wenn er sie überhaupt gesehen — mit fremden, feindlichen Augen gesehen und beurteilt hat; gegenüber den Protesten, die im Lande selbst, in Galizien, und in anderen Ländern sich gegen die perfiden Unterstellungen erhoben. Dann kam die ausgezeichnete Broschüre von Benjamin Segel, deren uns zugestellte Aushängebogen wir seinerzeit zum Gegenstand eines Leitartikels (siehe Nr. 18 des „Israelit" 1910) machten; eine Schrift, die ihren dauernden Wert behalten wird, nicht allein als Vernichtungsedikt für Lessing — an bctit doch im Grunde so wenig liegt —s ondern vielmehr als ein aus Tatsachen gegründetes Ehrenzeugnis für pie galizische Judenheit. Tie Bilder, die Segel, ein vertrauter Kenner des jüdischen Ostens, vom galizischen Ghetto entwirft, sprechen von Lebensreinheit, Familientreue und Glaube n s k r a f t und stechen so sehr von dem, was Lessing von seinen Gewährsmännern, dem Besitzer eines unsittlichen Hauses und einem arroganten Primaner gehört hat, ab, daß man, die eigentliche unerquickliche Ursache, der das Büchlein sein Entstehen dankt, vergesseird, sich aufrichtig über das hohe sittliche Niveau im vielverkannten Osten freut, von dem es so überzeugend Kunde gibt. Und nach all dem hat Ludwig Geiger nach mehr als einem Jahre, das ihm reichlich Gelegenheit geboten hatte, die Meinung der jüdischen Oeffentlichkeit über die unter seinem Protektorate begangene Heldentat zu erfahren und sich von der Haltlosigkeit und Ungeheuerlichkeit der Lessingschen Behauptungen zu überzeugen, nach all dem hat Ludwig Geiger heute noch die Stirn, öffentlich zu sagen: „Tie Hauptanklagen des Herrn Lessing beruhen auf einer richtigen Beurteilung der Zustände, die er s ch i l d e r t." Für die Charakterisierung einer derartigen Verhöhnung der Wahrheit und der öffentlichen Meinung fehlt es an einem paffenden parlamentarischen Ausdruck. Lessing ist in der allgemeinen wie in der jüdischen Presse die einzig verdiente Abfertigung zuteil geworden. Von allen guten Geistern verlassen, hat er in Herrn Geiger den einzigen Freund und Beschützer, der heute noch seinen Worten Glauben schenkt und sich entgegen der Ausfassung einer ganzen Welt mit ihnen solidarisch erklärt. Tie jüdische Allgemeinheit weiß, was sie von beiden „Kennern des Judentums" zu halten hat. Und bist du nicht willig.... In Ungarn hat das gesetzestreue Judentum einen Sieg zu verzeichnen, der um so höher einkleine» Feuilleton. vie drei jFreumk. Mehrere jüdische Zeitungen bringen unter der Neberschrift „Tolstoi und Talmud" zwei Ledrsprüche Tolstois, deren Ursprung jedoch in Talmud und Midrasch liegt. Wir werden darauf aufmerksam gemacht, daß in dem neuen, in unserem Blatte bereits nccher besprochenen Buche „Talinudische Lebensweisheit" von Rabbiner Tr. Hirschfeld, das zahlreiche Lehrsprüche des unermeßlichen Gebietes der beiden Talmude und sämtlicher Midraschim, sowie des Sobars umfaßt und mit genauer Angabe ihrer Quelle versieht. auch diese beiden Aussprüche in poetischer und doch wörtlicher Wiedergabe sich finden. Ten ersten haben wir bereits in unserer Würdigung ,m Feuilleton der M. 48 wiederqegeben: der zweite lauter in der Hirjchseldschen Umdichtung: Ter Freunde zählt der Mensch im Leben drei: „Familie, Vermögen, gute Werl e." Fm Sterben winkt er alle sie herbei Mit letztem liebevollem Augenmerke: „O kommet, meine Lieben, Weib und Kinder, Errettet mich vom Tod, dem Ueberwinder!" Und Weib und Kinder jammern schmerzvoll: „Kennst du das Psalmwort nicht: „Ter Lösungskauf Des Bruders selbst macht nicht den Bruder frei?"" Ta seufzt der Sterbende zu seiner Habe: „O komme, reiße, rette mich vom Grabe!

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