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Der Israelit · 1911-01-12 · Heft 2 (12.1.1911) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 2 (12.1.1911)
Date
1911-01-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Ctfte 2. fh. 2__ daS geringste von dem aufgeben, was nnter modernen Verhältnissen und Menschen zu „spontaner Religiosität" führen kann. Dagegen müsie man alles, was veraltet und sinnlos ist, rücksichtslos fallen lassen." Der junge Rabbiner geht von der Voraussetzung, die er wohl aus seiner Rabbinerschule mit in die Praxis genommen hat, aus, daß es heute doch keinen einzigen Liberalen mehr gebe, der noch glaube, daß der Kultus von Gott befohlen sei, daß es der Liberalismus wohl wisse, daß aller Kult von Menschen und für Menschen geschaffen sei, und so sei es natürlich, daß der Begriff „Religionsgesetz" fallen müsse, um dem „Begriff der Norm", — die von einer legislativen liberalen Versammlung festzulegen sei, — Platz zu machen. Er begeistert sich besonders für den Minhag, dem er die Führerschaft in der religiösen Praxis einräumt, und hält dafür, daß man anstelle der vielen abzuschaffenden Dmim auch jetzt noch aus dem warmen Empfinden geborene Bräuche einführen sollte! Was er ganz besonders am „Talmudismus" — so nennt der junge Rabbiner die mündliche Lehre — auszusetzen hat, das sind die 365 Verbote, die dort den 248 Geboten gegenübergestellt werwerden. Für ihn haben nur die positiven Gebote, in denen allein lebendige Religiosität ruhe, Berechtigung, während der negative Teil, die Verbote, „in das Nichts zurücksinken müßten, aus dem sie auch entstanden." „Der Kultus müsse seine Kraft nicht aus der Idee, sondern aus lebendiger Wirklichkeit schöpfen" usw. Und für diesen aus der freien Laune des Augenblicks geborenen Kultus, der für ihn die letzte Ausstrahlung der liberalen spontanen religiösen Anschauung ist und zugleich das Ferment der Gemeinschaft, tritt nun unser junger Rabbiner mit einer Leidenschaft ein, wie sie eben nur der lieben unerfahrenen, und sagen wir gleich, unwissenden Jugend eigen sein kann. Alle Bräuche, die keine leicht erkennbare und zu Herzen gehende Bedeutung haben, d. h. deren Sinn zu erkennen sein Wissen nicht ausreicht, sind für ihn tot und müssen fortgeworfen werden. Zu diesen rechnet er z. B. auch das Verbot, Fletsch und Milch zusammenzumischen. Er hält es für eine Ungeheuerlichkeit, das Verbot, das Lamm in der Milch seiner Mutter zu kochen, das für ihn, den jungen Rabbi, der seine Anschauung der des Talmudtsmus mit Elan entgegensetzt, natürlich weiter nichts als eine Sache der zarten Empfindung ist, derart zu „erweitern", wie dies in dem Religionskodex geschehen ist. Das gleiche gelte von den Speisegesetzen überhaupt, vom Blutverbote und vom sogenannten Ko sch er - Machen. Ebenso sinn- und wirkungslos ist für ihn das Gebot der „Tefiüin", während er unbegreiflicher Weise gegen den „Tallis" noch _ Wer SffmTti Gnade walten läßt und sogar der Meinung ist, daß man ihn in der Synagoge nicht nur als Halstuch, sondern als religiöse geweihte Hülle benutzen solle. Vom Sabbat, sagt der junge Rabbiner, ähnlich wie Lilienblum, daß er eine rein soziale Einrichtung zum Nutzen der Sklaven sei. Während aber jener dem Sabbat, seinen in der Bezeichnung „Bund" ausgedrückten „nationalen Charakter" als mildernden Umstand zu Gute hält, so ist es unser liberaler Religionsstister, der im Sabbat ein gutes Mittel zur „Weckung spontaner religiöser Gefühle" sieht. Das Ergebnis ist auf beiden Seiten das gleiche: D e r S a b - bat solle dem Volke „erhalten" bleiben, aber ohne die Fülle der beengenden und die Bewegungsfreiheit unterbindenden Verbote. Im Gegensatz zu Ltltenblum aber, der an der „Miloh" — ebenfalls dank der Bezeichnung „Bund", der nur nationalen Charakters sein kann — nicht rütteln mag, sagt unser junger Rabbiner auf Seite 251 im Novemberheft 1910, daß „wir heute den ursprünglich heidnischen Sinn der Beschneidung kaum noch ahnen können." Und wenn er auch diese Institution nicht abschaffen will, so möchte er ihr doch eine neue Bedeutung geben, und müßte auch diese neu erfunden werden. Hat doch seiner Ansicht nach eine solche Umdeutung auch das Chanukkahfest erfahren, „das heute keine Erinnerung an das alte Lichtwunder" mehr sei, sondern lediglich „ein Symbol der ständig wachsenden Glaubenskraft". Die Sabbatheiligung, wie sie die liberale Synode nach Ansicht des Artikelschreibers festsetzen soll, wird sich auf Sabbatlichter, Berches und den Fischgenuß erstrecken, wiewohl das Lichterverbot, auf dem die Sabbatlichter beruhen, wahrscheinlich aufgehoben werden müsse. Er spricht ferner auch von einer H a u s b i b e l, die die Freitagabend-Lektüre in der jüdischen Familie bilden soll, und von der Notwendigkeit, daß sich die Eltern an diesem Abend von den Fortschritten der Kinder im Religionsunterrichte überzeugen. Nun, viel Zeit wird diese Religionsprüfung, wenn einmal das liberale Kultusprogramm des Herrn Rabbiners durchgeführt ist, nicht in Anspruch nehmen.... Und da die Hausbibel wahrscheinlich doch in erster Reihe all die von der liberalen Synode erlassenen neuen Bräuche enthalten soll, so wird es Vater und Sohn ein Leichtes sein, in Verbindung mit der Hauslektüre zugleich auch diese Religionsprüfung glatt und mühelos abzuwickeln.... Eine ganz eigenartige Entscheidung fand der junge Rabbi für die Frage der hebräischen Sprache. Er meint: Da der Gottesdienst zwei Hauptzwecken diene, der Fördern g der Gemem- 12. Januar 1911 schaft und der persönlichen Aussprache mit Gott, so sei die Grenze zwischen der hebräischen und deutschen Sprache im Gottesdienst von selber gegeben. „Es solle die hebräische Sprache benutzt werden für diejenigen Teile des Gottesdienstes, welche die Gemeinschaft zum Subjekt und Objekt haben. Während die Teile, die für den einzelnen bestimmt sind, für die Landessprache reserviert werden müßten." Dieses salomonische Urteil ist in der Tat höchst bezeichnend für die Verwirrung, die die Reform in manchen unreifen Köpfen bereits angerichtet hat. Es dürfte jedoch unserem weisen Richter schwer fallen, den alten Streithandiel der Reform auf diese Art gütlich beizulegen. Und wenn er noch im Zweifel ist, wem hier das lebende und wem das to t e Kind zuzusprechen ist, so liegt es eben wiederum an seiner Jugend und an seiner höchst mangelhaften Lebenserfahrung: Wenn er etwa meint, daß das deutsche Gebet in der Synagoge mehr lebendige Religiosität zn wecken imstande sei, als das hebräische, so werden ihn doch wohl die späteren Amtsjahre eines anderen belehren. Er wird doch früher oder später einmal die für ihn gewiß nicht angenehme Erfahrung machen, daß trotz deutscher Gebete, Orgelklänge und Chorgesänge, trotz bieg- und schmiegsamer, auf die Denk- und Empfindungsart der Zuhörer eingestellten Kanzelworte und aller anderen auf die Erweckung „spontaner religiöser Gefühle" berechneter Kunstmittel die Tempel des liberasen Kultus leer und öde bleiben, während frisches, warmes religiöses Leben gerade in den angefüllten Synagogen pulsiert, wo nach alter Väterweise und nur hebräisch gebetet wird. Es dürfte aber unserm reformbegeisterten Rabbi auch nicht so leicht fallen, im jüdischen Kultus überall die Grenze zwischen dem Gemetnschaftsgebet, und der individuellen Andacht zu finden. Fast jedes Gebet unserer alten Tefilloh ist zugleich ein Gemeinschafts- und Einzelgebet, indem der Jude für sich als einen Teil des Volksganzen betet und wir selbst für unsere ureigensten Anliegen, für unsere individuellsten Interessen die Hilfe „unseres" Vaters, „unseres" Königs herabflehen. Ja selbst unsere „Beichte", unser Sündenbekenntnis, das wir in stiller Aussprache mit Gott ablegen, spricht von den Sünden, die „wir" begangen haben, von den Fehltritten, die „wir" getan haben. Wo also soll in unserem Gottes- Dienste das hebräische Sprachgebiet aufhören und das deutsche beginnen? Nun, unser junger Rabbi weiß sich zu helfen, er versteht es, den gordischen Knoten, wenn es nicht anders geht, auch mit dem Schwerte zu lösen. So ist er der Ansicht, daß der zweite Absatz von Schema abgeschafft werden müsse. Die darin enthaltene Drohung mit dem Gotteszorn für den Die öoiterverdeikuiig überdauert die 6e$cblecbter. (Zum Wochenabschnitt.) Bon Rabbiner I. Nobel in Halberstadt. Der Anfang der Stdra erzählt: spjy» TH „Jakob lebte im Lande Mizrajim. . Das Ende berichtet: VTLV3 JTOO 3V"1 *DV DO’I „Josef starb . . . und wurde in den Sarg gelegt in Mizrajim." Der Vater lebte, der Sohn starb in Mizrajim und der Blick Beider war sehnsüchtig gerichtet nach Kanaan, dem Lande der Verheißung. Josef hat es seinem Vater Jakob, und die Brüder haben eS ihren Bruder Josef zug'schworen: Wie sehr auch der Glückswechsel im fremdem Lande ihre Stämme spalten, ihre Glieder zerstreuen mag,Kanaan soll ste zu einer großen Familie einigen, in Kanaans Erde sollen ihre Gebeine versammelt ruhen, Kanaan soll die Heimat sein für die Lebenden und die Toten. Zwischen th und fidt» nü,l tut sich das Reich der Verheißung auf, und der greise Baier Jakob erschaut mit Seherbuck jedem seiner Kinder den seiner Kraft und Fähigkeit angemessenen Wirkungskreis in diesem Reiche. Josef, der Regent Aegyptens, naturalifiert fich als Sohn Kanaans. Jakob, der Fremdling auf ägyptischem Boden, adoptiert namenS des Zukunfttlandes Kanaan seine in Mizrajim geborenen Enkel Eflajim und Manasse. Der gottverhetßene Segen mißt eben mit anderem U> aßstabe, als ihn die auf Ort und Z.it aufgebaute Berechnung der Gegenwart zur Hand gibt. Die Vorsehung verliert auch Nie den richtigen Weg, wenn dieser auch dunkel ist und fie mit ihren SegenSspcnden fich oft in den Personen zu vergreifen scheint. Der rechte Segen kommt immer, früher oder später, auf das rechte Haupt. Was dem zeitlich begrenzten, dem Scheine folgenden Urteile der Menschen als Irrung erscheint, es ist bet Gott wohl erwogen und vorbedacht. Dies lernen wir von diesem segnenden Vater Jakob, der die zitternde Rechte aufs das Lraupt Ephrajims, deS jüngeren Bruders legt, indem er Manasse, den älteren nicht überfieht, sondern übergeht. IT' 518 — Nicht Mizrajim, sondern Kanaan soll die Heimat, nicht Manasse, sondern Ephrajim soll der Erstgeburts-V <rechtigte fern. Ueber Ort und Stunde der Geburt wallet die für ewige Zeit geltende Gotte^verheißung, den Jahrhunderten ägyptischer Sklaverei eilt Jakobs Geist voraus, ur d er steht an Kanaan Grenze, um Israels sieghafte Scharen, seine Stämme und Banner zu b> grüßen. Stamme, wie sie fich um die Bahre ihres Vaters, des — heimwärts ziehenden Gottesstreirers, gruppiert hatten, umgaben und geleiteten mrt ih.en wehenden Fahnen die heilige Bundeslade auf ihrem Siegeszuge durch die Wüste ins bewohnte Land. Jede Fahne hatte ihr Abzeichen und jeder Stamm sein Losungswort. Zeichen und Wort, ste waren den Söhnen und Enkeln am Sterbelager Jakobs übergeben worden und sie blieben ihnen ein heiliges BermächiniS, ob nun d.e Staubreste des unsterblichen Vaters, oder die Steintafeln der lebendigen Lehre den Mittelpunkt bildeten. Auf allen Zügen, die Israels Scharen zu ziehen hatten, ob am Tage im Schatten der Wolkensäule, oder in der Nacht im Lichte der Fcuersäule, immer hatten Israels Bannerträger den Blick auf Kanaan, auf Zion gerichtet, denn dort in der Heimat ruhen Israels frommen Väter und Mütter, dort sollte nach Gottes Verh ifung das Haus erstehen, in dem Israels Heiligkeit, seine Ehre und seine Fahne geborgen werden. E i n Grabhügel wölbt stch außerhalb Kanaans, ganz nahe dem verheißenen Lande, doch nicht in demselben, „auf dem Wege nach Efratb, das ist Bethlechem": daS Grab Rahels, der geliebten Gattin Jakobs, der Mutter Josefs und Benjamins. Hp nDfc pBÖ '«33 Sm “ Und ich — als ich aus Padan kam, starb mir Rahel im Lande Kanaan, auf dem Wege, als noch etwa eine Strecke Landes war bis nach Efrath hin, da begrub ich ste dort auf dem Wege nach Efrath, d. i. Berhlechem." Das geschah auf Gottes Geheiß. Wenn einst Nabusaratan dte Jsraelsstämme in die Gefangenschaft führt „da wird eine Stimme vernommen in Ramah, Rahel weint um ihre Kinde." (Jer. 31). Ja fie, die vertriebenen Kinder, werden der Fürbitte der liebenden Mutter bedürfen. Ihnen, denen das nationale Leben auf lange Zeit eingesargr worden, entsteigt Rahel dem Grabe, um ihnen, den unglücklichen Kindern, den tränenreichen Muttergruß nachz senden (Rascht). Auch im Gaiuth ist Israel nicht verlassen vcn mahnender Liebe. Dieser auf die Kinder gerichtete Mutterbltck ist ein Lichtblick in der Finsternis des Exils, und er ruht auf Israel, bis es den ganzen Wüstenweg durchschritten, bis eS nach Kanaan kommt, wo des Baters Segenswort eS begrüßt.

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