Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1911)
- Date
- 1911-01-05
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448803-2448805--66188-2494337- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
12. Januar 1911 Cir JsrarNr Sette 19. No. 2 religiösen Institution ein politisches Kampfobjekt gemacht. Sie ruft daher alle jüdischen Äreife zur Solidarität auf, nicht nur in der theoretischen Verfechtung, sondern auch in der praktischen Hochhaltung. Sie verlangt, daß man wissenschaftlich und praktisch geschulte und autorisierte ä'Brrw anstelle und ein religiöies Amt keinem nicht religiösen Mann übertrage. Denn gegenüber den wiffenschaftltchen Beweismitteln von der Gegenseite gibt es nur ein wirksames Mittel, die Flucht auf das Gebiet der Freiheit des Gewissens, freier Religionsübung. Dieses Argument kann aber nur so lange ernst genommen werden, als wir es damit ernst nehmen. Die ist ein Cultusamt. Und das kann logischerweise nur jemand ausüben, der moralisch und religiös dazu qualifiziert ist. Allmählich, so hoffen wir, wird diese Anschauung auch in allen jüdischen Kreisen sich Eingang verschaffen. So werden sich die D'&fflP mehren, denen auch wir unser Vertrauen schenken können. Immerhin gibt es deren durch die Tätigkeit des Vereins in unserer Provinz schon eine ganz stattliche Anzahl. Wir halten fortwährend Fühlung mit denselben, beobachten ihre wissenschaftlichen Fortschritte und ihre praktische Fertigkeit an Ort und Stelle. Daß wir der Schule unsere eifrigste Aufmerksamkeit widmen, der Förderung der Lehrer wiffenschaftlich und sozial unsere wärmste Sympathie gehört, das brauche ich gar nicht erst hervorzuheben. Wir hatten ein entsprechend gehaltenes Rundschreiben an die Gemeinden gerichtet und sie auf die Perrstorrskasse hingewiesen, die der Verwaltung des Herrn Landeshauptmannes in Düsseldorf untersteht. Diese Kaffe kommt gleichzeitig den Gemeinden und den Beamten entgegen, da sie die Stellen, nicht die Personen, versichert. Wir hatten uns angeboten, nach Maßgabe unserer Kräfte eine Subvention zu diesem Zweck zu geben, da uns die Gründung einer eigenen Pensionskaffe z. Zt. nicht möglich ist. Zu unserem Bedauern haben nur sehr wenig Gemeinden dieser Anregung Folge gegeben. Wir sind nach wie vor bereit, mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, falls doch, wie wir hoffen, besonders die größeren Gemeinden der Provinz der Sache näher treten wollen. Unser Gesuch um mildere Handhabung der Bedingungen, die für die zweite Ketzvtvpvnfnn# gefordert werden, d. h. eine zweijährige Volksschnlpraxis von wenigstens zwölf Wochenstunden, wurde vom Herrn Minister leider abschlägig beschieden, obwohl das Kgl. Provinzialschulkollegium das Gesuch befürwortet hatte. Wir hoffen aber, daß eine andere Lösung der für die Religionslehrer sehr wichtigen Frage infolge eines geschaffenen Präjudtzfalles gefunden werden kann. Wir werden auch hierin bemüht bleiben, zu tun, was in unseren Kräften steht. Die allmonatlichen Kehrerkurse in Cöln waren im abgelaufenen Jahr nicht so gut besucht, wie es erwünscht gewesen wäre. Es scheint aber, daß nur äußere Umstände die Schuld daran trugen. In St. Johann leitet Herr Rabbiner Buttenwieser aus Straßburg die Zusammenkünfte. Die Berichte darüber lauten recht befriedigend. Herrn Rabb. Buttenwieser sei für seine selbstlose Mühewaltung der Herrn Lehrer und unser innigster Dank ausgesprochen. Der Hebung der Mickwoh-Frage widmeten wir uns fortgesetzt. Die Erfolge aus diesem Gebiete dürfen uns ermutigen, darin rüstig weiter zu arbeiten. Der lUUgtottff-lfatrcvidft an mehreren Orten im Cölner und Coblenzer Bezirk wird teilweise ganz aus unsere Kosten erteilt, teilweise von uns subventioniert. Aus dem Gebiete des Unterrichtswesens erfüllt uns indes eine Sache mit banger Sorge für die Zukunft. Wir äußerten uns darüber schon einmal in Nr. 9 des 4. Jahrganges unseres „Jüdischen Volksfreund". Es handelt sich um das Problem de» Auslandes im Anlande. Alle großen Hilfsorganisationen und Hilfsaktionen, die in Deutschland anerkennenswertester Weise für die Brüder im Orient und in Osteuropa eingeleitet werden, schweifen in die Ferne und Gutes zu tun, läge doch so nahe. In allen Großstädten besonders im Westen stehen wir der Hochflut einer Einwanderung besonders aus Galizien gegenüber. Das soziale Hilfswerk, das auf dem Gebiete des materiellen Lebens zu leisten ist, leisten nach Maßgabe ihrer Kräfte die Gemeinden und Vereine. Das wollen wir ausdrücklich anerkennen. Aber es gibt auch ein Leiden, das noch weher tut, als der Hunger, das auch dann noch fortdauert, wenn der Hunger gestillt ist, und das ist das seelische Leiden. Es gibt aber auch für die Gesellschaft eine Gefahr, die verhängnisvoller werden kann, als eine hungrige Masse, eine Gefahr, die auch dann noch droht und dann noch vielleicht fürchterlichere Gestalt annimmt, wenn der Hunger gestillt ist — und das ist die sittliche. Im vorliegenden Fall ist sie mit der dritten Form der Gefahr — der jüdischen Gefahr nämlich, um nicht zu sagen: der religiösen — identisch. Es ist der Irrtum während langer Dezennien in den Hilfsaktwnen gewesen, daß sie sich des Unterschieds in den Kulturforderungen und daher auch den Kulturaufgaben in Ost und West nicht bewußt wurden. Nicht einmal die entsetzliche Wirkung dieses Irrtums auf jüdischem und dadurch — dieser logische Zusammenhang von Ursache und Wirkung ist zu unterstreichen — auch auf sittlichem Gebiete konnte sie belehren und zu einer Aenderung ihres Vorgehens veranlassen. Demselben Irrtum begegnen wir heute allenthalben bei uns. Die aroßen Gemeinden stehen bei uns zum größten Teil auf neologem Boden- und wir treten den städtischen jüdischen Schulen in den großen Städten nicht zu nahe — denn ihre Leitung sieht es ja von ihrem Standpunkte aus natürlich als einen Vorzug an — wenn wir sagen, auch diese Volksschulen werden mehr oder weniger im neologen Sinne geleitet. Sie können sich einreden — uns gewiß nicht — daß die europäische Kultur auch ohne Judentum den Willen zum Schlechten zu paralysieren vermag. Das moderne Kulturleben sei so eingerichtet und die Begriffe von gut und bös seien so allgemein anerkannt, daß ein Westeuropäer mit Volksschulbildung der Lebensinstitution, die Judentum heißt, entraten könne. Der oberste Satz dieser Religion würde ungefähr lauten: arbeite und hilf Dir selbst. Mit diesem vademecum dürfe man getrost der Zukunft entgegensehen, besonders, wenn man noch diesen Gedanken mit einem aus dem Zusammenhang gerissenen und entstellten Zitat aus dem Talmud verbrämt, das die Sabbatheiligung geradezu ausschalten soll. Man kann nun vorgeben und selbst wähnen, man dürfe der europäischen Kultur mit einigem allgemein gehaltenen religiösen Einschlag das Leben anvertrauen, dem Westeuropäer läge das „edel, hilfreich und gut sein" im Blut und sei ihm zur Natur geworden. — Daß aber vom jüdischen Osteuropäer noch etwas übrig bleibt, wenn man das Judentum von ihm subtrahiert, den Beweis zu versuchen, dürfte wohl sich niemand anheischig machen. Die jüdischen und gesellschaftlichen Schrecken, die uns von da drohen, können wir ermessen, wenn wir die Statistik der Schöffengerichte heute schon beftagen. Eine Rettung ist nur möglich, wenn wir das Judentum unserer Auffassung dem jugendlichen Nachwuchs beibringen, einer Auffassung, die den Einheitsgedanken des Judentums betont, daß Mensch und Jude eins ist, daß nur der der beste Jude sein kann, der der beste Mensch ist und umgekehrt nur der der beste jüdische Mensch zu sein vermag, der der beste Jude ist. Wer weiß, ob der unergründliche Plan der Vorsehung den osteuropäischen Juden nicht darum zum westeuropäischen Juden schickt, )amit eine harmonische Ergänzung sich vollziehe, damit die im Westen entschwundene mm von neuem erweckt und der im Osten vielfach geschwundene Begriff der Pflichten des Menschen gegen den Menschen erkannt und anerkannt wird. Das Problem zu lösen, ist nicht leicht und dürfte unserm Verein allein überhaupt nicht gelingen. Die Angelegenheit ist aber so ernst und wird in einem Maße die Zukunft des Judentums und der Judenheit hier im Westen bestimmen, daß wir im eigensten Interesse ans jüdischen, sozialen, sittlichen und wirtschaftlichen Gründen unser Auge darauf richten müssen. Leider ist ein Zusammenwirken aller jüdischen Kreise darum wohl nicht möglich, weil noch immer die Bedeutung positiver Religiosität fürs Leben von anderen Kreisen geleugnet wird. O, daß uns die Probe aufs Exempel erspart bliebe, auL bösen Zeiterscheinungen nur zu handgreiflich zu lernen, zu welcher zügellosen Verrohung der heute gefeierte Materialismus mit eiserner Naturnotwendigkeit führen muß. Ein größerer Grad Toleranz gegen das überlieferte Judentum würde auch noch auf einevl anderen sozialen Gebiete erlösend wirken. Es brauchte die Zerklüftung der Judenheit Deutschlands nicht zum Schmerz des Siechtums das seelische Leiden in den Zimmern der ««d Altersschwacher» zu erhöhen. Auch die Stätten des menschlichen Elends zum Schauplatz politischer Macht-Kämpfe auszuwählen, ist ein trauriger Gradmesser für die Wahrhaftigkeit sozialen Strebens und Wirkens unserer Zeit. Wir haben uns in Nr. 2 des 6. Jahrgangs unseres Organs über diesen Punkt ausführlicher ausgesprochen und möchten darauf verweisen. Ein Beispiel für die Möglichkeit der Verbindung der Förderung des jüdischen Geistes mit dem sozial Gebotenen bietet die Satzung der uns überwiesenen Stiftung zur Begründung eines israelitische« Altersheiw» für die Rheinprovinz Wenige Tage nach unserer vorjährigen Mitgliederversammlung ging uns die landesherrliche Genehmigung dieser Stiftung zu. Diese Stiftung in der Höhe von Fünfzigtausend Mark wurde einem Kuratorium übertragen, das aus der Ritualkomission unseres Vereins besteht. Wie notwendig ein Altersheim für die Rheinprovinz ist, weiß jeder, der in der kleinen Stadt oder auf dem Lande lebt und von der Hilflosigkeit Landesarmer oder solcher zu erzählen weiß, die, weil sie nicht ortseingesessen sind, kein Obdach finden. Wieviel jüdische Altersschwache leben in Klöstern oder beschließen ihren Lebensabend in nicht jüdischen Hospitälern unter unsäglichem Herzeleid!! Wir haben den ganzen Jammer dieser Aermften in Nr. 1 des 6. Jahrganges des jüdischen Volksfteundes zu schildern versucht und beschränken uns darum jetzt. Die Mitteilung von der Begründung unserer Stiftung erschien in allen Kreisblättern. Manche Spenden gingen uns zu. Aber das erste Jahr hat durch die Zeichnungen nur einen Zuwachs des Vermögens von 4000 Mark gebracht. Dahingegen mußte eine Steuer von 5 Prozent bezahlt werden. Wollen wir daher die Genugtuung der Realisierung der Stiftung erleben, dann müssen wir unseren Gemeinden und Mitgliedern die Förderung der Stiftung warm ans Herz legen. Eine andere soziale Einrichtung des Vereins erfteut sich heute schon der Sympathie unserer Gemeinden und Mitglieder, wie Sie jedesmal aus der öffentlichen Quittung über die eingegangenen Spenden dafür an der Spitze des Jüdischen Volkssreundes ersehen können. ES ist der Ktipendienfonds unseres Vereins. AuS ihm erhalten bereits mehrere jungen Leute das zweite Jahr einen Zuschuß zu ihrem Lebensunterhalt während ihrer Vorbereitung auf ihren künsttgen Berus. Auch dieser Kaffe bitten wir unsere Gemeinden und Mitglieder bei gegebenen Anläffen zu gedenken. Nicht organisch, wohl aber durch die Person . und den Namen der Einrichtung mit dem Verein, wenn auch nur lose, verbunden, ist der Verlag dev Sidliothek de» Indische« Iolksfrenndes Er führt seine Rechnung getrennt von der Kaffe des Vereins und ist auch