Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1911)
- Date
- 1911-01-05
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2 Sette 20. Der 3*tatiu 13 Januar 1911 kein geschäftliches Unternehmen, dessen etwaiger Verdienst, der bisher überhaupt noch nicht zu verzeichnen ist, in die Tasche einer Person fließt. Es ist ein Verlag, der lediglich total*« Zwecken dient und der nur dazu da ist, Thora;« verbreite«. In einzelnen monatlichen Lieferungen zum Gesamtabonnemenispreise von jährlich nur *t«*r Mark soll die allmähliche Beschaffung einer Hausbibliothek jedem leicht ermöglicht Werden. Zur Begründung wurde auf eine ganz unscheinbare Bemerkung in Nr. 7 des 5. Jahrganges des Jüdischen Volksfreundes der Redaktion ohne Weiteres 1000 Mk. von einem Ungenannten zur Verfügung gestellt. Dieser Fonds brauchte bisher Dank der genügenden Beteiligung nicht angegriffen zu werden und konnte als Reservefonds figurieren. Zur weiteren Erhaltung bedarf es aber noch weit regerer Anteilnahme an diesem Unternehmen, das gerade den breiten Massen zugute kommen soll und dessen Opfer von jedem erschwungen werden kann. Was wir mit der „Bibliothek" bezwecken, ist in der Einleitung, die dem ersten Heft vorausgeschickt ist, kurz dargelegt. Um jüdische Gedanken auszudrücken, konnten sich diese einleitenden Worte nicht nur in Gedanken, ja auch in die Worte deutscher Denker der Gegenwart kleiden. In der Harmonie dieser Welten liefern die wenigen Worte den Beweis, wie modern, wie fortgeschritten, ja dem heutigen Fortschritt weit vorauseilend, das wahre Judentum denkt. Diesen ethischen Gedankeninhalt des Judentums, den nur der Mensch wahrer und tiefer moderner Bildung ahnen, Mitempfinden kann, möchten wir zum Gemeingut machen. Judentum muß Vildungsferment des modernen jüdischen Menschen werden. Judentum muß Achtung vor seinem Gedankeninhalt fordern können, dann wird seine Tat wieder das Leben beherrschen. Es war uns auch vergönnt, für die Erhaltung des KonfefftoneUe« Friedens in unserer Provinz zu wirken. Wir wollen nicht verfehlen, auch an dieser Stelle den staatlichen und kommunalen Behörden, besonders aber auch Sr. Eminenz dem Herrn Kardinalerzbischof für seine wiederholt bewiesene Hilfsbereitschaft unfern innigsten Dank öffentlich auszusprechen. So haben wir auch in diesem Jahre versucht, uns auf den manigfachsten Gebieten zu betätigen. Was von uns erreicht wurde, sind nur bescheidene Erfolge und kleine Anfänge. Ihnen, den Gemeinden und Mitgliedern des Vereins, sind sie gewidmet. An Ihnen liegt es, sie zu fördem, zu erhalten, auszubauen und zu krönen. Nur die Rückkehr zum überlieferten Judentum allein kann bewirken, daß Israel nicht mehr nach den Worten der gestrigen Haftoroh in zwei Lagern gespalten ist. Nur wenn wir in den von Gott gegebenen Rechtsordnungen zwischen Mensch und Mensch wandeln und die Pflichten gegen Gott — in tiefem Grunde — die Pflichten gegen uns selbst verteidigen, indem wir sie selbst betätigen, haben wir zur Einigung und Erstarkung, zur Wiedergeburt unseres Volkes das Unsrige getan. Denn nur durch seine Sitte kann Israel stark und mächtig sein. lX3pn lyetn war Vater Jakobs letztes Wort, „sammelt euch und höret." Seid ihr in Treue geeint, dünn seid ihr in Frieden verbunden.", j * * * Im Namen des Vorstandes sprach dessen stellvertretender Vorsitzender- Herr Stadtverordneter I. B. Jonas-M.-Gladbach in herzlichen und anerkennenden Worten den Dank und das volle Verttauen des Vereins zu seinem Rabbiner aus, worauf eine allgemeine Ehrung folgte. In der sich an den Bericht anschließenden Diskussion bat u. a. Herr Lehrer Selig-Siegbürg, die Gemeinden nochmals auf die Pensionskaffe, die der Verwaltung des Herrn Landeshauptmanns in Düsseldorf untersteht, aufmerksam zu machen. Herr Moritz Levh jr. regte an, in den größeren Städten der Provinnz Sammellisten für die Cölner Arbeitsstätte und Brockensammlung „WeaH" zu errichten. In Siegburg ist damit schon der Anfang unter Leitung des Fraucnvereins gemacht worden. Es wurde noch lange beraten, bevor man zum folgenden Punkt der Tagesordnung, der Wahl von mehreren Vorstandsmitgliedern und stellvertretenden Vorstandsmitgliedern, schritt. Das satzungsgemäß durch das Los ausscheidende Vorstandsmitglied Herr A. Bär- Ahrweiler wurde wieder und die Herren Nathan Kahn und Jakob Cohen-Cöln neugewähtt. Als stellvertretende Vorstandsmitglieder gingen die Herren Grünsfeld und Gottfried Loewenstein-Cöln aus der Wahl hervor. Hierauf wurde die fast vierstündige, sehr befriedigend und würdig verlaufene Tagung, mit den üblichen Worten geschlossen. Die große Beteiligung und die begeisterte Stimmung, bte vorherrschte, ließen klar erkennen, daß der Verein und seine Idee mit Gottes Hilfe in den ihm angeschlossenen Gemeinden Wurzel geschlagen und ein einiges Band gegenseitiger Treue und Wertschätzung die Leitung mit den Gemeinden auf engste verbindet. Wir wollen hoffen, daß auf solchem Boden der Wahrheit und Treue das ausgestreute Saatkorn langsam keimt und sich allmählich entfaltet und erstarkt zum Baume des jüdischen Lebens zu Ehren dessen, dem die Arbeit geweiht ist, zum Segen des Judentums, zum Heil der Menschheit.- Die Disposition in den heiligen Schriften. Bon Dr. M. Munk in Lemberg. V. Pentateuch. 2. Exodus. Genesis lehrt yie Exodus sollte, wenn unser Versuch richtig ist, 31v rwy lehren. Die Begebenheiten der Genesis sind derartig geordnet und in einem solchen Tone erzählt, daß die Bedeutung der Genügsamkeit als Fundament des wahren Lebens erkannt werden soll. An dem strengen Vorgehen des Bruderpaares Dinas gegen Schöchem hatte der Vater nur zu mahnen, es sei nicht opportun gewesen. Für die öffentliche Betätigung ihrer Weltanschauung seien sie nicht zahlreich genug (siehe Raschi), sie sollten s i ch lieber Gewalt antun, als gegen andere mit Gewalt Vorgehen (ty '3 DSK THK „verflucht sei ihr Zorn, denn er ist hart!" I. 49,7). Die übereilten Handlungen Reubens und Judas werden erzähltdie Buße, die sie sich auserlegten, jedoch nicht: auch von Adams und Kains Reue erfahren wir erst aus den traditionellen Kommentaren. Die Bibel hat eben in der Genesis das Hauptinteresse, den Nachteil der schlechten Handlung und den Erziehungswert der Enthaltung vom Bösen zu beleuchten. Die Bußr ist eine positive Stufe. Judas Wort „sie ist gerechter als ich" I 38,26 ist ein Erfolg der Ueberwindung des Zuges zum Bösen. Ohne dieses Wort wäre er zum Mörder geworden. Tamär unterdrückt den Drang zum Reden der Wahrheit, um ihn zu schonen, und er sollte sie durch Schweigen umbringen lassen? Aber wohl hält es die Bibel für nötig, ausdrücklich zu erwähnen, daß Juda den sinnlichen Verkehr nicht weiter fortsetzte. Kurz vor Abschluß des Buches wird uns ein Fall reuiger Unterwerfung berichtet. Aber wird sie uns als aufrichtige Neue dargeftellt? Die Bibel sagt: I 50,15 „Joseph wird uns Haffen und wird uns das Böse vergelten, das wir ihm veranlaßt haben." Es sieht aus, als fürchteten die Brüder nur die Rache des Joseph. Und welches Mittel läßt die Bibel die Brüder anwenden, um Joseph zu erweichen? „Der Vater hat befohlen", sagen sie, „wir sollen dich um Verzeihung bitten, wir dienen doch dem Gotte deines Vaters!" Der Gedanke an den Vater sollte Joses von Rache zurückhalteu, wie er ihn einst vor Sünde schützteder Gedanke an den Vater ist das Schreckmittel gegen ynö *V)Dl Josef hatte ein solches Schreckmittel nicht nötig, er stand auf einer höheren Stufe der Erkenntnis. „Ihr hattet die döse Absicht, mich in Vergessenheit zu bringen, Elokim fügte aber eure Tat zu einem guten Ende. Und nun sollte ich als Mensch bestrafen, was nur in der Absicht geblieben ist?" Wir hören Davids Worte der zweiten Stufe im Psalm 32 (s. Art. HI) „Meinen Leichtsinn gestehe ich ein. Du warst es, der es fügte, daß mein Fehltritt gehoben ist. Josef bildet den Uebergang zum zweiten Buch der Bibel, dem Buche des 3iv rwy. I. Zeit „Dies find d ie Warnen bet Erbauer Israels, bie nachMizraim kamen, als Jakobsrasse waren sie gekommen" (Ex. 1,1). Israel wird zahlreich. Der neue König nennt sie ein Volk (I, 9) und fürchtet ihre Uebermacht. Er unterdrückt sie, aber sie legten auch als Volk ihre Raffeneigentümlichkeit nicht ab. Je mehr man sie unterdrückte, desto stärker wurde ihr Nationalbewußtsein. Antisemitismus ist die Werbetrommel für Nationalismus. Pharao war von der Vorsehung dazu ersehen, Jsraelismus zu wecken. Er machte das sehr geschickt. Jsraelismus verlangt von seinen Bekennern eine Haupteigenschaft, unbedingten Gehorsam gegen Gott, 3lv ntpy. Pharao erzog uns zum blinden Gehorsam, dem Kitt eines jeden Bolksgefüges, insbesondere für ein Gottesvolk. „Knechte waren wir dem Pharao in Mizrajim, da führte Gott uns heraus mit starker Hand. Hätte Gott dies nicht getan, so wären wir abhängig geblieben von Pharao. Jetzt aber sind wir frei und nur Knechte Gottes, Menschen dürfen uns nicht stören, Gott blind zu gehorchen. Wir sind frei zur guten Tat, deshalb, je weiser, je frommer jemand ist, desto mehr begreift - er das Gebot, von der Erzählung des Auszuges aus Mtzrajim." — So die Hagabah am Pessach. Der gefährliche Feind des Zeitalters "der Patriarchen war Lust, die Erzväter lehrten mit Wort und Tat sie bekämpfen. Das Zeitalter der Offenbarung dagegen verlangt Lust, Lust zum Guttun, Bekämpfung der Unlust. Als Vorkämpfer erscheint Moses. Jakob in Aram diente einem strengen, unangenehmen Herrn, aber es geschah doch mit Lust 1.29,20 „da er sie liebte". Israel in Mizrajim aber wurde zur Knechtschaft bet Aussicht auf Schläge und unter Lebensgefahr gezwungen. Genesis lehrt Meiden des Bösen, den sinnlichen Gebrauch der Lebensformen einschränken- Exodus lehrt, sie praktisch entfalten. Wie Jakob sich für jedes seiner Obhut anvertraute Lamm aufopfert, erfahren wir nebenbei - wie Israel keucht, wird ausführlich erzählt. Die gegen Sinnlichkeit gefeiten Organe müssen arbeiten, sonst verfaulen sie. Entsteine den Boden vom Bösen, pflege die Wurzel des Guten, und am Stamme des Glaubens Ulbw wird sich die Krone der Er- ' kenntnis ausbreiten „wir wollen tun und verstehen" H. 24,7, von der Tat zur Erkenntnis!*) Das Prototyp der jnn -no-Rasse ist Moses, er war Idealist Dian viy möglichst bar aller menschlich-sinnlichen Erregungen. Es war nicht etwa eine Schwäche des Charaktersdenn er hatte Mut, den Mizri zu töten und den Juden zur Rede zu stellen. Er hatte Gelegenheit genug, mizrische Wissenschaft in sich aufzunehemen, er lernte gewiß sehr viel am mizrischen Hofeaber, entsprechend seinem Charakter, das Böse zu meiden, verwarf er sinnlose und sinnliche Hypothesen. Ihn erwählt daher Gott zur weiteren Erziehung des Volkes. Gott gibt ihm den Auftrag zum Handeln, da stellt sich der neue Feind ein. Es gebricht ihm an Mut: „Ich kann nicht reden, sende doch schon jetzt denjenigen, den du später doch schicken wirst." Gott wollte in die Weltgeschichte eingreifen, er wollte handeln, es fehlt dem größten Menschen aller Zeit an Mut dazu, sein Werkzeug zu sein. (Fortsetzung folgt.) *1 Diesen Ausdruck benutzte auch Res. Dr. I. Breuer in L hre, Gesetz, Nation (Israelit 1910. Nr. 44). Stehe auch Artikel 4 Füd. Bolksfreund Nr. 13.