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Der Israelit · 1911-01-05 · Heft 1 (5.1.1911) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 1 (5.1.1911)
Date
1911-01-05
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Sette 8. «r.1 Viele Jahrzehnte ihren einzigen Stolz darein setzte, alles Jüdische möglichst abzustreiftn, in diesem Lande sahen wir einen Baron, den berufenen Führer der Intelligenz, der sein ganzes Leben nicht nur seinen Brüdern, sondern auch der jüdischen Wissenschaft und nicht zuletzt der Thora Wissenschaft gewidmet hat, einen Baron, der mit Exellenzen brüderlich verkehrt, und andererseits in seinen ganzen Denken und Fühlen im alt überlieferten Judentum wurzelt, und in allen inneren wie äußeren Fragen sich mit den Rabbinern der Gemeinden solidarisch fühlt und einig geht. In einem Nachruf in einer russischen Zeitung wird von einem Freunde des Barons folgender bezeichnender Fall erzählt: Als er ihn vor einiger Zeit besuchte, fand er das Wartezimmer des Baronsganz angefüllt von Leuten, die wie immer in irgend einer Angelegenheit die Intervention des einflußstarken Mannes nachsuchten. „Der Baron sei im Moment beschäftigt", hieß es, und so mußte auch er, der Freund, im Nebenzimmer warten. Da hörte er aus einem angrenzenden Raume vertraute Töne. Es war die Stimme eines jüdischen Lehrers, der mit großer Begeisterung seinen Sckülern einen Abschnitt ans dem Chumesch erklärte. Der Freund horchte angestrengt, denn die Stimme war ihm sehr bekannt. Da öffnete er kurz entschlossen die Tür Richtig, es war der Baron selbst, der der Pflicht "pu} oroattn persönlich oblag. Und draußen warteten hohe Beamte und Militärs und hilfsbedürftige Glaubensgenossen. Die Letzteren waren seiner Hilfe sicher. Allein warten mußten auch sie, warten, bis die festgesetzte Stunde, die seinen Kindern gehörte, vorüber war. Sehr bezeichnend für die Verehrung, die der Verstorbene in den Rabbinerkreiscn genoß, und die seit der Tagung der Rabbinerkommission im vorigen Jahre noch an Herzlichkeit sehr gewann, ist auch folgender Fall: Einige Tage vor dem Ableben des Barons kam der gefeierte Rabbi von L u b a w i t s ch nach Petersburg, um den Patienten zu besuchen. Die Aerzte wollten ihn mit Rücksicht auf den Zustand des Kranken nicht ins Zimmer lassen. Als aber der Baron vom hohen Besuche erfuhr, bat er, doch den Rabbi eintreten zu lassen. Er bedeckte zur Begrüßung desselben das Haupt und wies auch seine Söhne an, die zur Begrüßung des Rabbi im Krankenzimmer erscheinen mußten, das Gleiche zu tun. Ter Rabbi erteilte ihm den Segen und teilte ihm mit bewegten Worten mit, daß in allen jüdischen Gemeinden Rußlands für seine Genesung gebetet würde. Der Baron antwortete in hebräischer Sprache, daß er sich einer solchen Ehrung nicht für würdig halte. * * ~ * Die Leichenbestattung fand am Vormittag des 26. Dezember auf Wunsch der Familie in aller Einfachheit statt. Von der Absicht, den Sarg in die Synagoge zu bringen, mußte man auf Wunsch der Witwe, die im Sinne des Verstorbenen eine solche Zeremonie als unvereinbar mitI der jüdischen Einfachheit erklärte, abgesehen werden. Im Hause sprach zuerst Herr Rabbiner Dr. Etfenstadt hebräisch. Der Leichenzug wurde angeführt von Sckülern und Schülerinnen der verschiedenen vom Baron gestifteten und geleiteten Anstalten, und mehr als 40 Deputationen aus verschiedenen Städten und Institutionen schritten unmittelbar der Bahre her. Auch viele bedeutende Rabbiner hatten sich am Leichenzuge persönlich beteiligt. Vertreten waren außerdem die Stadt- und Regierungs-Behörten,und viele hohe Beamten. Auf dem Friedhof wurde der Sarg von den Freunden und Mitarbeitern des Barons getragen. Der erste Redner am offenen Grabe war Herr Rechtsanwalt Schloßberg, der im Namen der jüdischen Gemeinde zu Petersburg dem Verstorbenen den Dank aussprach. Ihm folgte Herr Rabbiner Maseh, Moskau mit einer tiefergreifenöen Trauerrede. Es sprachen dann noch verschiedene Redner im Namen des „Vereins zur Verbreitung von Bildung unter _Der JSraeltt.__ den russischen Juden", der „Jca", der Jüdischen Academie zu Petersburg, ebenso im Namen der Gemeinden von Kiew und zu Wilna. * * * Ueber die Bibliothek des Baron Günzburg V'T wird noch weiter mitgeteilt: Es ist bekannt, daß seine Bibliothek eine der reichhaltigsten und wertvollsten Privatbibliotheken der Welt ist. Besonders zeichnet sich die Bibliothek mit ihren wertvollen, seltenen Büchern und Handschriften aus, unter denen sich eine große Sammlung spanischer, italienischer,provencalischer und afrikanischer Machsorim befinden. Die Bibliothek besitzt auch eine Sammlung handschriftlicher Gedichte der hervorragensten Dichter des Mittelalters und überdies Handschriften jemenitischer Gelehrten über philosophische und wissenschaftliche Fragen. Bon den vielen Unica, welche die Bibliothek besitzt, sei hier ein Teil einer Talmudausgabe erwähnt, die anläßlich der Verbrennung der hebräischen Bücher in Paris aus den Flammen gerettet wurde, ferner die von uns bereits erwähnte Ausgabe des Talmud Jeruschalmi mit Kommentaren von Abarbanel und Eyrillio, Targum-Handschriften mit arabischer Übersetzung etc. Unter den gedruckten Büchern gibt es in dieser Bibliothek zahlreiche Bücher, von denen blos das eine Exemplar überhaupt noch vorhanden ist/ sie sind zumeist auf Pergament gedruckt. Diese Bibliothek, für welche ein amerikanischer Philantrop dem verstorbenen Baron bet dessen Lebzeiten einen Kaufpreis von einer halben Million Rubel angeboten hat, hat nun Baron Ginzburg seiner Familie vermacht, jedoch mit der Verfügung, daß die Bibliothek nur in ihrer Gesammtheit verkauft werden dürfe. Wie man hört, hat sich der bekannte amerikanische Philantrop Jakob H. Schiff bereits eine Option auf die Bibliothek gesichert. Sie soll für eine amerikanische jüdische Anstalt erworben werden. vom vauon-Projekte. Wetersvttrg, 28. Dezember. Das Schicksal der Gesetzesvorlage wegen Aufhebung des Ansiedlungsrayons scheint nun leider besiegelt zu sein. In der Duma bestanden bis jetzt Meinungsverschiedenheiten darüber, welcher Kommssion man den betreffenden Gesetzentwurf zur Vorbereitung überweisen sollte. Manche waren für die Einsetzung einer speziellen Kommission, andere — namentlich aber alle diejenigen, die eine menschliche Erledigung dieser Frage ehrlich wünschten — traten für die Ueberweisung der Vorlage an die verhältnismäßig liberale Kommission für die Frage der „Unverletzlichkeit der Person" ein, mit der ja das Problem der Freizügigkeit eng zusammenhängt. Nun wird die Fraktionsentscheidung über die Lebensintereffen der jüdischen Volksmassen in die Hände einer in ihrer großen Mehrheit ausgesprochen antisemitischen Kommission gelegt werden. Wie dem auch sei, die Herren von rechts können jetzt ruhig sein. Das ungeheure Gefängnis, Ansiedlungsrayon genannt, in dem Millionen von Juden am Hungertuch nagen, wird auch künftighin zum Segen und Ruhme des Vaterlandes bestehen bleiben. Im Rumpfe ums Kommunale Recht tßatfäau, 28. Dez. Die Erbitterung in den hiesigen jüdischen Kreisen ob der beschlossenen kommunalen Entrechtung der Juden wächst mit jedem Tage. Besonders stark ist die Erregung gegen die beiden jüdischen Assimilanten Natansohn und Dickstein, die bekanntlich nach Petersburg gefahren waren und sich dort mit den Mitgliedern des Polenklubs inbezug auf die Ausschließung der Juden aus der Selbstverwaltung solidarisch erklärt haben. In mehreren Protestversammlungen der letzten Toge wurden Resolutionen gegen die geplante Entrechtung der Juden, sowie gegen das unwür- S. Januar 1911 dige Verhalten der jüdischen Assimilanten, die sich den Unterdrückern zugesellt haben, gefaßt. Dieser Tage fand in Warschau eine Konferenz von Vertretern verschiedener Gruppen und Richtungen im Judentum statt, die über die durch die Beschlüsse der Dumakommisfion, sowie durch das Auftreten der Assimilanten geschaffene Situation beriet. Die Konferenz nahm folgende Resolutionen an: 1. Die geplante Rechtseinschränkung der Juden in den künftigen Organen der städtischen Selbstverwaltung in Polen widerspricht den Grundrechten eines jeden Bürgers und den obersten Grundsätzen einer rationellen Selbstverwaltung, dem Grundsatz der gleichen Pflichten und gleichen Rechte aller Bürger, ohne Unterschied der Nationalität und der Konfession. 2. Für den Fall, daß die Retchsduma das Kurialsystem für die Wahlen in die Organe der städtischen Selbstverwaltung in Polen etnführen sollte, nehmen die Juden das unbedingte Recht für sich in Anspruch, daß die Zahl der Abgeordneten der jüdischen Kurie dem Prozentverhältnis der Juden zur Gesamtbevölkerung entspreche Der Befchüfeer 9er Oöessaer Juden. Odessa, 29. Dez. Nun ist es Tolmatschow und Konsorten denn doch gelungen, Geschäftsführer der jüdischen Gemeinde in Odessa zu werden. Die hiesige Stadtbehörde unterzog vor kurzem die bisher übliche Verteilung der Einkünfte der Koscherfleischsteuer an gemeinnützige und wohltätige jüdische Institutionen einer strengen Prüfung. Das Ergebnis war, daß der bekannten von Rabbiner Tschernowitz geleiteten Jeschiwah die Jahressubvention von 8000 Rubel entzogen wurde. Die Jeschiwah gerät dadurch in äußerste finanzielle Not und ist dem Untergange nahe. Gleichzeitig wurde der nahezu fünfzig Jahre bestehenden Handwerker- und Technikerschule „Trud" die Jahressubvention im Betrage von 18 000 Rbl., die ungefähr die Hälfte des gesamten Ausgabenetats ausmacht, entzogen. Selbstredend gerät auch diese Anstalt dadurch in in eine sehr kritische Lage. Dem allgewaltigen Tolmatschow genügte es indes noch nicht, daß die Verfügung über die Erträge der jüdischen Fleischsteuer den Führern des schwarzen Hundert übertragen wurde. Die Kreaturen des famosen Stadthauptmannes verspürten auch den Ehrgeiz, als „Gaboim" der Chewra-Kadischa zu fungieren. Und so hat denn Tolmatschow vor kurzem verfügt, daß die Verwaltung der Chewra-Kadischa an die Stadtobrigkeit übergehe. Die Juden Odessas haben es nun erlebt, den wütenden Hooliganenhäuptling Pelikan zum Gabbai der Chewra-Kadischa zu bekommen. Ihm zur Seite als jüdischer Sachverständiger steht der rühmlichft bekannte Herr Awtnowitzki. Dieser Herr Rabbiner von Tolmatschows Gnaden war bekanntlich vor kurzem bet seinem General in Ungnade gefallen und von seinem Posten abgesetzt worden. Er hat sich unterdessen mit seinem Herrn wieder versönt und als Versöhnungsopfer wurde ihm eben die Chewra- Kadtscha anvertraut . . . Man wäre geneigt zu lachen, wenn nicht die Sache so entsetzlich traurig wäre. Türket. Honflanfinopler Brief. (Bon unserem Korrespondenten.) Korrstartliuopel, 30. Dez. Just zu der Zeit, da in Deutschland der Kampf zwischen der Deutschen Konferenzgemeinschaft der A. I. U. und dem französischen Zentralbüro ausgebrochen ist, wird auch hier von den „Aschkenasin" ein heftiger Abwehrkampf wider das Großrabbinat, d. h. das eigent-

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