Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1911)
- Date
- 1911-01-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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6. Januar 1911 Der Israelit. Nr. 1. Seite 7 die sowohl die Lehrer, wie auch die Gemeinde- Mitglieder zufrieden stellen könnte und erwähnt die mit Hilfe der Gemeindeverwaltung in diesem Jahre im Südwesten der Stadt neu erbaute Synagoge sowie das im Bau begriffene Gotteshaus am Wolkert, ferner das mit Hilfe einer Privatspende errichtete Spital, welches zu seiner Erhaltung namhafte Opfer von der Gemeinde erheische. Nach kurzer Diskussion wurde das Budget von der Versammlung genehmigt. öur Schänherfrage in 6sli?!en. Wie», 28. Dezember. Vorige Woche fand hier wiederum eine Konferenz sämtlicher jüdischer Reichsratsabgeordneten statt, in der zur Schänkerfrage Stellung genommen wurde. Abgeordneter Stand schilderte die traurige Lage - derjenigen Schanker, denen jetzt die Konzession entzogen wurden. Es wurde der Beschluß gefaßt, dem Ministerpräsidenten ein Memorandum mit den folgenden Forderungen zu überreichen: 1. Es soll für alle Schänker ein einjähriges Provisorium geschaffen werden. 2. Diejenigen Schänker, die länger als zehn Jahre eine Schankkonzession haben, sollen lebenslängliche Konzession erhalten. 3. Nach der Volkszählung sollen sofort die notwendig gewordenen neuen Konzessionen ausgeschrieben werden. Zum Schluffe protestierte die Konferenz gegen die ungerechte Steuer, die den Schänkern jetzt auferlegt werden ioll. Dienstag, den 20. d. M. erschien beim Ministerpräsidenten eine Schänkerdep utatio n unter Führung der jüdischen Reichsratsabgeordneten. Abgeordneter Ko lisch er legte dem Ministerpräsidenten die Resolution der Konferenz vor und schilderte in längerer Rede die Lage der Schänker, denen jetzt die Konzession entzogen wurde. Ministerpräsident Bienerth antwortete, daß er sich sofort mit dem Handelsminister und mit dem galizischen Statthalter in Verbindung setzen werde, und versprach der Deputaiion, daß die gerechten Forderungen der Schänker berücksichtigt werden sollen. Nach diesem Ergebnis ist so etwas wie ein leiser Hoffnungsstrahl in die gedrückte Lage in Galizien eingezogen. Man erwartet, daß das Ministerium sein Versprechen, die gerechten Bedingungen der jüdischen Schänker zu berücksichtigen, einlösen wird. Lemberg, 28. Dezemer. Der bevorstehenden Volkszählung in Galizien wird von den Juden mit großer Aufregung entgegengesehen. Die galizischen Juden sollen gezwungen werden, falsche Angaben bei der Volkszählung über ihre Umgangssprache zu machen. Cs ist von verschiedener Seite dafür agitiert worden, daß die Juden bei der Konskription „Umgangssprache" wahrheitsgemäß „jüdisch" angeben. Dagegen hat der Stadthalter Bohrynski einen Erlaß publiziert, daß wer „jüdisch" schreibt, auf Grund des § 30 einer Ministerialverordnung aus dem Jahre 1869 (20. August) mit 2 — 40 Kronen bestraft und die Umgangssprache sodann als Polnisch oder ruthenisch eingeteilt wird. Ferner sollen solche Juden, welche es wagen, eine' jüdische Umgangssprache zu notieren, den politischen Behörden pränotiert, d. h. zum Zwecke der Verfolgung und politischen Persekution vorgemerkt werden. Infolge dieses Erlasses bemächtigte sich der Lemberger Juden große Ausregung. Der Grund, warum die Polen die Juden unbedingt zur polnischen Sprache zu bekehren suchen, ist durchsichtig und dürfte von der Regierung in Wien kaum gebilligt werden. UngarnllngmWer Brief. (Bon unserem Korrespondenten.) Za. B. A. Budapest, 2. Jan. In bet arbeiten die Generalstäbler unserer Neologie ganz russisch. Bis auf ein Jota wird von ihnen die Strategie des profunden Schlachtentheoretikers, Meister Kuropatktn, kopiert. Erst wird mit grobem Geschütz geprotztdann tritt das wilde Kosakentum in Aktion, um schließlich zu einer Ueberrumpelung, einem Angriff auf ganz entgegengesetzter Seite vorzugehen, der den Feind mit Mann und Maus vertilgen muß. Alles, was bis zum 20. Dezember gegen das gesetzestreue Judentum abgefeuert wurde, von der Hetzjagd auf den orthodoxen Polakismus bis zu den Knüttelversen im Finanzausschuß, wo der liberale Jude, Bakonzi, in Poesie und Prosa die dringende Notwe «digkeit der „einheitlichen Organisation" beweisen wollte, alles, sage ich, war nichts als ein Scheinangriff - ersonnen, die Orthodoxie über die wahre Absicht der Neologen zu täuschen. Der große Aufmarsch in Bollparade, geschah im Bewußtsein des bevorstehenden Sieges am 20. Dezember. Die israelitischen Distriktspräsidenten — lauter Männer mit klingendem Namen und weitreichendem politischen Einfluß: Baron Josef Hatvanz Deutsch- Hofrat Franz Szekely - Dr. Jzso von Ro;sa- Abgeordneter Graf Julius Rosenberg Baron Gutmann- Salomon von Sternthal rc. sprachen deputativ beim Ministerpräsidenten und Kultusminister vor, „um die Sanierung des Judentums" von beiden zu erbitten. „Es ist ein schwerer Uebelstand für das ungarische Israel, der es schmerzlich berührt, daß es vom Staate nicht der moralischen Unterstützung teilhaftig wird, auf die es gerade dann berechtigten Anspruch erheben kann, wenn es nicht nur den Interessen der Konfession dient, sondern auch bestrebt ist, den Pflichten gegen den ungarischen Staat in vollem Maß Genüge zu tun. Denn es ist mehr als konfessionelles Jntereffe, daß das ungarische Judentum nach Maßgabe seiner Kraft und im Wege seiner konfessionellen Institutionen an dem Kulturleben der ungarischen Nation teilnehme, was jedoch in vollem Maße nur bei einer einheitlichen Organisation obligatorischer Natur möglich ist. Wir bitten Ew. Exzellenz, die ehebaldige Einberufung des einheitlichen Kongreffes und die Schaffung der einheitlichen Organisation zu ermöglichen." Und nnn kam über die Herren ein Gefühl, ähnlich der Empfindung des genialen Moskowiters, als er bei Tafelmuße von der Theorie zur Praxis übergehen sollte. Der Minister hielt ihnen eine freie Vorlesung über den ungarischjüdischen Kulturkampf, daß es ihnen rotweißgrün vor den Augen werden mußte. Nach einer kurzen Einleitung sagte er ihnen wörtlich: „Ich bin überzeugt, daß die einheitliche Autonomie erst dann die erwarteten Erfolge haben wird, wenn die gesamte Judenheit des Landes von ihrer Notwendigkeit durchdrungen sein wird, und wenn das solidarische Gefühl dieser Notwendigkeit — ohne Zwang und staatliche Einmengung — jene Statute schaffen wird, die eine Autonomie der ungarischen Israeliten zu sichern berufen sein werden." „Den kulturellen Wert, den Sie repräsentieren, will ich nicht ausschalten, sondern vielmehr einschalten in das Staatsleben rc." Die gleiche entschiedene, wenn auch höfliche Absage holte sich die Deputation beim Grafen Khuen Hedervary, bei dem sie als Ministerpräsidenten ihre Beschwerden vorbrachte . . . Um nun diesen Versuch, das ganze ungarische Judentum unter die eiserne Pickelhaube der einheitlichen Zwangsorganisatton zu bringen, ins gehörige Licht zu rücken - und den klingenden Namen die weitere Lust zu benehmen, noch weiter jüdische Probleme zu ventilieren, schrieb der Präsident der ung. jüd. Orthodoxie für das offizielle Organ, Magyar Zsido, einen Artikel, der dem Jahr 1910 historische Bedeutung in der Geschichte unseres Kulturkampfes zu verleihen berufen ist. Es ist ein Ultimatum, wie es entschiedener und feierlicher noch nicht erklungen ist. Und bedeutet die letzte Absage für die Optimisten, die die heterogensten Elemente zusammenzuschweißen gedenken, ohne den Stein der Weisen entdeckt zu haben: „Autonomie, in der die Gewiffensfreiheit erstickt werden sollte, wollen die Herren, die ein Patent sein soll für eine Religion, die in der Vergangenheit keine Tradition, in der Gegenwart keine» Inhalt und für die Zukunft keine Existenzberechtigung hat." „Oder haben die Herren die orthodoxe Landeskonferenz vom Jahre 1905 im ganzen vergessen, wo doch die 700 Teilnehmer mit Ausnahme von kaum einem halben Dutzend Wirrköpfen, und nicht wie sie behaupten, die Zentralkanzlet als„Lastergenoffenschaft" allein, den Standpunkt der Separation vertreten hat." „Sie müssen es zur Kenntnis nehmen, daß die einheitliche obligatorische Autonomie unmöglich ist. Sie wird auch nie sein!" „Die einheitlich freiwillige Autonomie bleibt ein ewiges Märchen! Eine Mammuthlüge!" „Wir müssen darauf losarbeiten, daß wir separiert unsere autonome Organisation erringen. Diese ist möglich, weil sie dringend ist. Sie ist ein Erfordernis der Gerechtigkeit, der Staatsraison und ein wahres und nicht erkünsteltes Landesintereffe. Soviel ist zu erstreben, wenn es sein muß im erbittertsten Kampfe, der aber wirklich überflüssig ist, weil das gleiche in friedlich harmonischer Nebeneinanderarbett ebenso gut erzielbar ist." Wollen das die Herren einsehen, dann wohlan, mag Glück und Segen jedem sprießenwo nicht, dann sollen sie auf den verzweifelten Selbftverteidigungskampf, der mit voller Rücksichtslosigkeit geführt werden soll, gefaßt sein. Der Sieg, dessen sind wir sicher, bleibt bei uns, denn wir kämpfen für heilige Wahrheit! Für die Opfer sind sie verantwortlich, denn sie Habens gewollt. KrrMarU». Sum löge Baron Daoifl Bünjburas V'r. Petersburg, 28. Dezb. Die Trauer um das Ableben des Baron David Günzburg ist eine allgemeine und tiefe. Aus allen Städten und Städtchen, von allen jüdischen Organisationen des Auslandes, wie von allen Vereinen und Korporationen in Rußland laufen täglich Beileidsdepeschen ein. Denn es gibt fast kein jüdisches Gemeinwesen inner- und außerhalb des Rayons, welches nicht schon einst die Dienste des jüdischen Baron in Anspruch genommen hätte. So oft Gefahren im Anzuge wahren, so oft neue Gesetze drohten und die jüdischen Väter um ihre Familien zitterten, da schrieb oder ging man nach Petersburg und wandte sich an den Baron, der eines jeden Sache zu der seinen machte. In seinem Hause wurden die Versammlungen abgehalten und alle Vorberatungen gepflogen, so oft es sich um eine größere oder kleinere Aktion handelte. Und konnte er auch nicht immer helfen, so war doch sein Einfluß und seine Autorität immer stark genug, um noch etwas zu retten. Der bloße Hinweis auf den vorbildlichen Adel im Hause und in der Familie des Baron Günzburgs genügte oft, um die schlimmsten Feinde aus den schwarzen Reihen zum Schweigen zu bringen. Und erst sein Einfluß nach innen! In Rußland, wo es leider auch am religiösen und geistigen Mittelstände fehlt, da wo jeder Primaner, oder gar der Jüngling, dem es gelungen ist, ausnahmsweise von der Alm«, mater ausgenommen zu werden, sich hoch und erhaben über das Judentum dünkt und die Intelligenz MM