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Der Israelit · 1911-01-05 · Heft 1 (5.1.1911) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 1 (5.1.1911)
Date
1911-01-05
Page
– (sequence 5)
Language
German
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6. Januar l9li. jber Jsraeltt. Nr. 1. 6 König David — sprach er - hat ein Fremder uns mitgeben müssen-" Also wissen wir es! Luise Algenstaedt macht in Judenmtsston^ mit — der Wahrheit die Ehre — Mitteln, die sich über daß Niveau der bekannten Missionsliteratur hoch erheben. Gefährlich sind diese Kunstmittel dennoch nicht. Denn erkennt der Leser am Schluffe das wahre Ziel der Algenstaedtschen großen Sehnsucht, so weiß er, woran er ist und m welchem Lichte er das Ganze zu sehen hat. Es ist ein kaltes, fremdes Licht, das den Geist nicht zu erleuchten, noch das Herz zu erwärmen vermag. Etwas weiches Licht und Herzenswärme! Wie warteten wir darauf während der ganzen ersten Winterhälfte! Wir erwarteten sie aus einem guten Buche für unsere lieben Kleinen. Prachtbücher, bezaubernd nach Inhalt und Form, werden in diesen Monaten mit so viel liebender Sorgfalt auf den Tisch Inder festlich gestimmten Kinderstube gelegt. Auch unser Lichterfest nahte, an dem wir doch so gern unsere Kinder mit etwas Schönem und Nützlichem aus dem Reiche des Mischen Geistes erfteuen möchten. Wo bleibt das Buch für das jüdische Kind? Da kommt noch im letzten Augenblick ein prachtvoll ausgestattetes, mit reichen, lichtvollen Illustrationen versehenes, in kunstvollem rotem Embande gehaltenes Buch in Quartformat auf unseren Büchertifch. Wahrhaftig, ein Märchenbuch, und von keinem geringeren als von Max Nor bau.*) Aber schon die ersten Blätter bringen eine Enttäuschung. Es ist kein Buch für das jüdische Herz und das jüdische Kind. Nordau kann — das weiß jeder, der ihn aus seinen Schriften und Vorträgen kennt —.etwas mehr als nur „Zionismus". Und es ist bezeichnend, daß wie fern Freund Zangwill, der in der letzten Zeit, — als gälte es, sich in der großen europäischen Kultur und Literatur wieder zu rehabilitieren — sich ängstlich davor hütet, den jüdischen Boden zu berühren nnd den Stoff für seine letzten Romane lieber kanadischen Künstlerkreisen entlehnt,*) auch Nordau es in letzter Zeit vorgezogen hat, sich von der literarischen Tribüne herav an das gößere Publikum zu wenden. Er tat es auch jetzt, indem er unter die Märchenerzähler ging. Wie schön und warmherzig weiß doch Nordau den Kindern von Rosen st rauch und Dornen zu erzählen, von den Fliegen *) Märchenbuch von Max Nordau. Mit 14 kolorierten und schwarzen Vollbildern sowi: vielen Textillustrationen von Hans Neumann, München. Verlag von Otto Hendel, Halle a. S. *) „ er Mantel des Elias" und „Ter Meister". Roman von I. Zangwill. Uebersetzt von H. H. Evers. Verlag ron Stegs Ued Cronbach, Berlin. und Spatzen und Glühwürmchen, von den Käfern und Katzen und dann von den rührigen wundersamen Zwergen und lichtumwobenen Elfenktndern. Das ist ja alles so hübsch und bezaubernd und zeugt von ungemein viel Kunstsinn und kinderpsychologischem Verständnis. Aber das jüdische Kmd geht bet all dem leer aus, das jüdische Herz bleibt kalt. Denn Nordau hat es ängstlich vermieden, die überreiche Welt des jüdischen Geistes mit der Fülle ihrer kostbaren, gerade für das Ktndergemüt berechneten Schätze nur im entferntesten zu streifen. Und es ist vielleicht gut so. Denn hätte Nordau ein jüdisches Märchenbuch geschrieben, wer weiß, ob wir es mit gleich gutem Gewissen hätten empfehlen können. Indessen, das Buch für das jüdische Kind läßt noch auf sich warten. Korrespondenzen und Nachrichten. $ratrd?je* |Utct). Der fQnffe öerbandsfag der jüdifchen Lehrervereine im Deutschen Reith. (Schlußbericht.) Arankfrrrt a. W., 29. Dezember. Am 28. Dezember fand die zweite Hauptversammlung statt. Herr I. B. Levy-Frankfurt referierte über das Thema: „Der Vorbeter in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft." Der jüdische Vorbeter, so führte der Redner aus, war von jeher ein Hauptfaktor im Gottesdienst, weshalb an ihn hinsichtlich seiner religiösen Führung und allgemeinen Bildung hohe Ansprüche zu stellen sind. Die Ausbildung, die bisher oft eine ungenügende war, soll durch die jüdischen Lehrerseminare, die Fortbildung durch eine Kantorenschule erfolgen. Für die Kantoren wird ein ausreichendes Gehalt, endgültige Anstellung, Pension und Reliktenversorgung gefordert. Der Redner hebt ferner hervor, daß dem Vorbeterberufe von maßgebender Stelle nicht das nötige Verständnis und die gebührende Achtung entgegengebracht werde, was besonders aus dem bekannten Organisations entwurf für die Juden Preußens hervorgehe, in dem die Kantoren als Kirchendiener bezeichnet werden In der lebhaften Diskussion, die diesem Bortroge folgte, sucht Juftizrat Blau den Organisationsentwurf zu verteidigen und den Ausdruck Kirchendiener juristisch zu erklären. Es gelingt ihm jedoch, wie aus dem weiteren Verlaufe der Debatte und aus dem Schlußworte des Referenten zu entnehmen ist, nicht, die Versammlung von der Vortresflichkett des Entwurfes zu überzeugen. Alle Diskussionsredner erklären einmütig die in der Vorlage dem jüdischen Kultusbeamten zugedachte Stellung als eine unwürdige und verhalten sich dem Organisationsentwurfe gegenüber ablehnend. In der Nachmittagssitzung am Mittwoch erstatten zunächst die Rechnungsrevisoren ihren Bericht. Hieraus schildert der Berbandsredakteur Steinhardt-Magdeburg in seinem Preßreserat die Entstehung des Vertrags mit Herrn Leßmann und berichtet, daß der bisherige Verleger keine neuen Zugeständnisse machen will. Er stellt den Antrag, den Vorstand zu ermächttgen, einen neuen Vertrag mit dem bisherigen Verleger abzuschließen nach den von dem Referenten dargelegten Grundsätzen. In dem darauf folgenden Referate über wirtschaftliche und Standesinteressen fordert Herr Becker-Wöllstein die Schaffung von Lehrerheimen, Penfionskasjen, Stellennachweise usw. für Religionslehrer und Kantoren. Ganz besonders verlangt er die Errichtung jüdischerVolksschulen. Dazu zwinge die Lehrer die Sorge für ihre Existenz, besonders aber die für die Erhaltung der jüdischen Religionsgemeinschaft. Vor Eintritt in die Debatte schlägt der geschäftsführende Ausschuß eine ausführttch begründete Resolution vor, in der das tiefste Bedauern über die ablehnende Stellungnahme des D. I. G. B. zu den öffentlichen jüdischen Volks sch ulen ausgedrückt wird. In der Diskussion wird die Stellungnahme für die jüdische Volksschule sehr scharf zum Ausdruck gebracht. — Der Vertreter des D. I. G. B., Herr Professor Türk, erklärt, daß dieser die Bestrebungen des Verbands nicht bekämpfen werde. Die Resolution des geschäftsführenden Ausschusses wird angenommen. Außerdem wird noch beschlossen, den D. I. G. B. zu ersuchen, die Angelegenheit der jüdischen Bolks- UNd „Konvent halten", aber da wendet der Rat ein, „würden sie asftonttrt werden", auch habe man ihnen früher kleine Konvente gestattet, sonst würden sie ganz aus der Stadt gehen".. Am 20. September erwidert der Rat auf das Andrängen der Bürgerschaft: die deutschen Juden haben doch gar keine gottesdienstlichen Zusammenkünfte, sondern gehen zu dem Zweck nach Altona. Sie geben keinen Anlaß zu Klagen. Ein Teil von ihnen treibt freilich Handlung, dafür zahlen sie aber der Stadt jährlich 900 Mk. Wenn sie hinaus müssen, wirb man sie in Altona, Wandsbeck und Hamburg mit Freuden aufnehmen, und sie werden so der Stadt mehr schaden, als wenn sie bleiben. Tie Oberalten überbringen sodann als letzten Bürgerbeschluß die Forderung der Abschaffung der deutschen Juden. Tec Senat versucht noch verschiedene Male zu vermitteln, doch umsonst, die Oberalten beharren auf ihrem Beschluß und im Jahre 1649 ist die Vertreibung der Juden eine vollzogene Tatsache. Jeder deutsche Jude mußte nunmehr um Hamburg betreten zu können, einen Paß lösen, welcher immer nur für 3 Tage gelten sollte. Tos Gros der Vertriebenen begab sich nach Altona, einige auch nach Wandsbeck. Mehrere Familien begeben sich unter dem Titel „Tienstboten der portugiesischen Nation" in den Schutz der Hamburger Portugiesengemeinde und werden von dieser dem regierenden Bürgermeister zur Einttagung in seine Akten aufgegeben. Sie bilden den Stamm der .eigentlichen Hamburger, das heißt unter keinem fremden Patronat stehenden deutschen Judengemeinde. Im Jahre 1654 18 Familien stark, haben sie 3 Jahre später bereits einen eigenen Vorstand von 3 Mitgliedern an ihrer Spitze. Als ihre Rabbinen werden ein Abraham und Tebelle Posner genannt. Sie besitzen auch eine eigene Synagoge, die „Hamburger Schul" genannt, welche sich fast zwei Jahrhunderte am Nepen' Steinweg befand, um dann später dem Prachtbau am Kohlhösee Platz zu machen. Mit der Ausführung der Aufenthaltsbeschränkung für die 1649 Vertriebenen hatte es der Senat nicht so genau genommen. Wo es irgend anging, ließ man Milde walten. Schon 1650 beginnen die Juden sich länger in Hamburg aufzuhalten. Am 10. Juli 1650 fragen die Oberalten an, ob die deutschen Juden wirtlich den Gelcitsguldcn zahlen. Ter Rat erwidert, man könne ihren Aufenthalt nicht immer so genau auf 3 Tage beschränken, man müsse ihnen mitunter 8—14 Sage Geleit gewähren. Tie Oberatten dringen aber darauf, daß die dreitägige Frist innegehalten weide. Ta kommt den Bedrängten wieder Kriegsnot zu Hilfe. Im Jahre 1657 flüchten etwa 35—36 Familien vor den Schweden aus Altona nach Hamburg, um hier allmählich festen Fuß zu fassen. Auf Veranlassung des Oberamtmann Stagel bewilligt der Senat ihnen eine kurze Aufenthaltsfrist und so entsteht nach und nach neben der eigentlichen Hamburger eine Altonaer Gemeinde in Hamburg und 1663 zählt man 40—50 Häuser im Besitze deutscher Juden. Sie wohnen in Ser Neustadt, besitzen eine eigene Synagoge am Treckwall, die später nach der Elbstraße verlegt wurde und handeln, wie Glücket von Hameln, deren Memoiren die Hauptquelle für die Geschichte der deutschen Juden Hamburg-Altonas im 17. Jahrhundert bildet, von ihrem Vater jagt, mit Edelsteinen und anderen Sachen. Besonders der Handel mit „holländischen Waren" lag in den Händen der Juden. Einige bereisen auch die nordischen Länder soweit sie ihnen offen stehen. Glücke! selbst leitet eine Fabrik von Hamburger Strümpfen, in der jährlich für viele tausend Taler Ware hergestellt wird. Einen Höhepunkt erreichte das nimmer rastende Wühlen gegen die Juden wieder im Jahre 1674 itt einem Beschluß der Bürgerschaft, die deutschen Juden von neuem aus der Stadt zu treiben. Der Beschluß kommt nicht zur Ausführung. Im Jahre 1674 schließt sich den Altonaern die Wandsbecker Gemeinde an, welche 1671 einen Schutzbrieh, erhalten hatte. Tie religiöse Gemeinschaft der drei Gemeinden Altona-Hamb nrg- Wandsöeck dauerte bekanntlich bis zum Jahre 1811. Eine der wichtigsten Episoden in der Geschichte der Hamburger Juden ist der Judenmord im Jahre 1684 in Altona, der allerdings erst drei Jahre später 1687 bei Gelegenheit eines anderen Judenmordes in Hamburg aufgedeckt nnd gesühnt wurde. Ein einsamer (Grabstein am Begräbnisplatz *tu der Königstrafte Altona gibt noch heute Kunde von dem ttagischen Schicksal des ermordeten Abraham Metz. Tec Vortragende geht dann am Schluffe seines mit großem Beifall aufgenommenen Vortrages auf das geistige Leben innerhalb der deutschen Judenschaft in Hamburg-Altona und die verschiedenen damals schon sehr bedeutenden Wohlfahrtsbestrebungen ein. Tas religiöse und geistige Leben erreichte seinen Höhepunkt während der Rabbinatsperiode des bedeutendsten Oberrabbiners, Rabbi Jonathan Eibenschütz. A. M. sBom Schachet zum Kultusminister.) Moritz L o e w e n t h a l, Kultusminister, III Freib u r g e r st r. 18 h p t., so meldet nach dem Jüd. Bolksblatt im Einwohner-Verzeichnis das Breslauer Adreßbuch der staunenden Welt. Sicher hängt das Avancement mit der letzten Protestversammlung gegen die Zurücksetzung der Juden im Saale der „Gesellschaft der Freunde" zusammen und ist eine unmittelbare Folge derselben. Tas ist haarscharf nachzuweisen, denn die Versammlung fand statt am 24. Nov., das Adreßbuch jft erschienen am 6. Dezember. Unser Glaubensgenosse, Herr Moritz Loewenthal, aber figuriert im vorjährigen Adreßbuch noch als „Kultusbeamter", sogar noch in dem vor dem Einwohnerverzelchnis zum Drucke gelangenden diesjährigen Straßenverzeichnis. ....

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