Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1911)
- Date
- 1911-01-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Der Mraeltt. Sette 4 Rr. 1 5 Januar 1911. Nun macht allerdings die Versammlung dem Komitee die Schaffung neuer Jmmigrationsmöglichkeitrn zur Hauptaufgabe. Wie aber die Dinge heute in allen Ländern Amerikas und im 5)r'ente liegen, wird es dem Komitee in absehbarer Zeit beim besten Willen nicht möglich sein, diese Aufgabe zu lösen. Es kann daher auch nicht gebilligt werden, wenn die Versammlung zugleich darauf besteht, daß der Kongreß schon in der ersten Hälfte des begonnenen Jahres einberufen wird. Was sich heute schon in der Sache der jüdischen Emigration machen läßt, könnte unserer Ueberzeugung nach ohne viel Geräusch und in stillem vertrauensvollem Zusammenschluffe der einzelnen Auswanderungsbureaus in den verschiedenen Ländern weit besser und leichter erreicht werden. Eine öffentliche Erörterung des jüdischen Wanderelends im Rahmen eines großenWeltkongresses halten wir zur Zeit für verfrüht und schädlich. Au$ der Ulelt des Schönen. II. Das Verständnis für Bücher dieses Genres scheint doch in jüdischen Kreisen reger zu sein, als man gemeinhin anzunehmen geneigt ist. Hat doch eine ältere, der „schwarzen Chaje" nach Wesen uud Charakter stark verwandte jüdische Erzählung jetzt die dritte Auflage erlebt.*) Die „Killeberger", die uns Mühsam in allen Gestalten und Stellungen, in ernsten und heiteren Positionen vorführt, stammen ebenfalls alle aus der Weichselgegend, und sie verleugnen ihre posnische Heimat nie, auch dann nicht, wenn sie in höhere Lcbensschichten hinaufgerückt sind. Das Ziel dcr Sehnsucht ist und bleibt Berlin. Die Junger» sind bereits dorthin vorausgeeilt und kommen nur ab und zu als „Festgäste" ins Städtchen, um im kleinen Leben der Heimat, das sie äußerlich verspotten, vom lärmvollen Treiben der großen fremden Welt auszuruhen. Die Alten fühlen sich unterdessen noch ganz wohl bei ihren kleinen Freuden und Kämpfen in Killeberg. Nur die Mütter richten oft genug sehnsuchtsvoll den Blick nach Westen und flehen für ihre Töchter ein besseres Los herbei . . . Und dieses besiere Los heißt wiederum Berlin. Frau Bambus, brav, unwisiend, gutmütig und geschwätzig, aber von ganz grenzenloser Liebe für *) „Die Killeberger". Nach der, Natu< ausgenommen von Onkel. Siegfried (Siegfried Mühsams. Dritte Auflage. Berlag M. W. Kaufmann, Leipzig 1910. ihr Haus, ihre Kinder beseelt, schwärmt von einem reichen, vornehmen Mann für ihr Matchen. Da kommt Natan Schöps. Er kommt zwar nicht aus Berlin, aber seine „Bernsteinsabrik" bringt soviel ein, daß er „ganz Berlin kaufen könnte". Frau Bambus und ihr biederer S ch i m e H i r s ch geben ihr Letztes an „Schöpsen^ hin. Malchen ist, durch die Aufregung im Hause angesteckt, in „glühender Liebe" zu ihrem Nathan, den sie bisher nie gesehen, und dcr sie im ersten Augenblicke abstößt, entbrannt. Natürlich hat sich der Bernsteinfabrikant, der vor der offenen Thora am Schabbos einen wahren Goldregen über Killeberg niederprasieln ließ, bald als gemeiner Schwindler entpuppt. Was machts? Wenige Jahre haben die Wunde, die so viel Schmerz, Scham und Enttäuschung verursacht, restlos geheilt. Malchen heiratet am Ende doch noch, wenn auch nicht nach Berlin, so doch nach Fürstenberg, wo sie in bescheidenen, aber glücklichen Verhältnissen lebt. So weit der wesentliche Inhalt der 278 Seiten starken Erzählung. Aber was da alles als Drum und Dran, an interessanten Typen, komischen Figuren, rührenden Gestalten mitläuft und mitwirkt? Und sie alle atmen echt jüdisches Kleinstadtleben. Das Buch leidet etwas an einem Zuviel von Humor, der nach unserem Geschmack zu wenig latent, zu grell und aufdringlich hervortritt. Auch hat der Verfasser, wie schon die Namen seiner Personen und Städte besagen, eine starke Vorliebe zur Karikaturenzeichnung. Daher auch die vielen Episoden, die mit dem Gang der Erzählung weniger organisch verbunden, mehr zur Belustigung der Leser dienen sollen. All diese Ausstellungen vermögen jedoch dem Wert des köstlichen Buches kaum Abbruch zu tun. Störend würden die lustigen Intermezzi doch höchstens nur vom Kritiker bei der künstlerischen Bewertung des Ganzen empfunden, dem Leser werden sie heitere Stunden einbringen und ihn für die Ablenkung vollauf entschädigen. Alles in allem: Wer Freude am jüdischen Kulturleben der kleinen Stadt hat und außerdem gern aus vcllem Herzen lacht, der wird bei den „Kilieber gern" reichlich auf seine Kosten kommen. Wie eine Stimme aus einer fremden, dumpfen Welt dringt es zu uns aus dem Novellenbuch der Luise Algenstaedt.*) Eine große Sehnsucht, aber keine jüdische Sehnsucht ist es, die der Autorin die Feder in die Hand gedrückt hat, trotz des jüdischen Aussehens ihrer Gestalten. Wie dunkle unheimliche Schatten huschen an uns die gedrückten, leidgebeugten, *) „Die grcße Sehnsucht". Jüdische Novellen voll Luise Algenstnedt. Berlag Fr. Wilh. Grunow, Leipzig 1910. sehnsuchtsverzehrten Menschen in^diefen eigenar tigen Novellen vorbei. „Warum?" ist der Titel der ersten, die den alten Pinkus, den vielgeplagten Hausierer, zum Helden hat. Und dieses Warum? werden wir bei der Lektüre der drei nicht ohne warmes Gemüt geschriebenen Erzählungen lischt mehr los. Man weiß nicht recht, wo das hinaus soll. Man hat immer das drückende Gefühl, daß sich ein unserem Geiste fremder Gedanke hinter^den liebreichen, süßlichweichen und schmeichelhaften Worten an die Adresse des oder der armen, aber hoffnungsfesten, innerlich stolzen Wanderjuden versteckt. So ganz gegen Schluß kommt es.jJn derweihnächtlichen Stille im gastlichen Lehrerhause, im blendenden Lichterglanze des reichgeschmückten Baumes erwacht des Hausierers halberfrorener Junge aus den dumpfen Chederträumen, und eine neue Welt voll Sonne und Glanz tut sich ihm auf, die er, vom Zauberlichte einmal geblendet, nicht mehr verlassen wird. Der Alte stirbt, aber der Junge hat das „Licht", geschaut . . . Also Judenmiffion! Ein Mann von konfusem Benehmen, verworrene Reden führend, wird uns in der zweiten Novelle als ein „Erlöser Israels" vorgeführt. Halb Missionär, halb Zionist, — der Zionismus ist für diese ihm von Algenstädt aufgedrängte Nachbarschaft gewiß nicht verantwortlich — ist er von der großen Sehnsucht erfaßt, die ihm die Verfasserin in die Seele gehaucht, uud seine unklaren Pläne zur Erlösung seines Volkes gewinnen allmählich die Form einer fixen Idee, llnd diese fixe Idee — der Autorin macht sich noch weit krasser und unangenehmer in der dritten Novelle „Heimfahrt" bemerkbar. . Und dabei ist gerade diese Novelle rein künstlerisch genommen, eine Meisterarbeit von starker Wirkung/ eine ergreifende Schilderung der mühevollen, von tausend Hindernissen und Gefahren oft unterbrochenen Fahrt durch die Alpen zwischen den himmelanragenden steilen Felsen und an gähnenden Abgründen vorbei, wie sie die kleine Gruppe der jüdischen Heimatlosen unternahm und trotz bitterer Not und Entbehrung, die sie oft an den Rand ihrer Kraft und Ausdauer bringt, mit der großen beschwingenden Sehnsucht der Heimsucher — ihr Reiseziel ist Palästina — auch überstehen. Aber nun schon wieder die Frage: „Warum?", die einen wahren ungetrübten Kunstgenuß nicht aufkommen läßt. Und - wirklich hier gegen den Schluß kommt auch wiederM der Pferdefuß! „Sinai — der Thoraschreiber^ und Führer der Expedition — wog das Buch mit dem Wegezeichen auf dem Einbande, das er vom fremden freundlichen Manne erhalten — offenbar ein Neues Testament — und schob es rasch in sein Bündel. Den Segen von unserem i t i ( l f c i!! r i i i j t « j i ( i 1 2 i f 5 s r t r e h d t h t z d u sl L o i n Die deutsche« Inden in Hamburg. Altona im 17. Iadrbnnderl. Ir» „Israelitisch-Wissenschaftlichen Verein" zu Altona sprach der durch seine Spezialsorschungen auf dem Gebiete der ältesten jüdischen Geschichte Hamburg-Ältona bekannte Herr Rabbiner E. Dukesz- A l t 0 n a über die Geschichte der deutschen Juden in Hamburg-Altona im 17. Jahrhundert. Tie ältesten Spureil der Anwesenheit der de»tschen Juden in Hamburg resp. Altona reichen bis zum Jahre 1582. Nach einer Urkunde im Hamburger Staatsarchiv kauft 1582 Arend Jakob von der Littau offenbar selbst, wenn nicht in Hamburg wohnhaft, so doch dort geschäftlich tätig, in Ottensen welches damals zum Kirchspiel St. Pauli gehörte, aber unter der Botmäßigkeit der Schauenburger Grafen stand, für 100 Mark Labisch von dem Bauern Hein Kröger ein Hans mit Hof. Dieses Haus wird später (1614) als Friedhof eingerichtet. Es ist dies der noch heute bestehende der Hamburger Gemeinde gehörende Ottensener Friedhof an der Bismarckstraße. Zu Michaeli 1584 bestätigt Graf Adolph von Schauenburg den beiden Juden Michael und Abraham das Recht, in Ottensen oder Altona zu wohnen und mit Hamburg .Handel zu treiben. In der noch erhaltenen Urkunde heißt es, „daß wir Michaeli, Abraham seinen Bruder undt Abraham und Philip Juden gegonnel und nachgegeben haben tun das in wacht dicscs Brieves, das sie mügen von unfern Ullderthancn Unser Dorffer Ottensen oder Altona nothdnrftiae Behausung daselbst heuren, ,rchertdamit Ihren weib onb Kindern sezn ondt eheliche onuerbotteu handtiernng undt mannng treiben. Dafür soll ein Jeder obgemelter Juden für sich mid sein gesinde Sechs thaler Jerlichi Umsern Dersten zum siemeberge zustellen ferner solch geldt an Unser gewonliches Hosslager zu Unfern Händen zu überreichen." Sie sollen sich des Wuchers und unchristlicher Disputation enthalten „Sturb aber Jemandls der obbeemeltcn Juden oder Ihrer gesinder, soll Ihnen ein orth angewiesen werden da die inägen begraben werden." Auch das Psandteihgeschäft wird geregelt. Es^sollen ferner keine werteren Juden, in diesen! Falle soviel Wie Konkurrenten, ausgenommen werden. Tie eigentliche Gründung und Konstituierung der jüdischen Gemeinde in Altona erfolgte erst im Jahre 16U. Wir besitzen aber noch ein zweites Privilegium der deutschen Juden in Altona. Am 21. Mai 1622 erteilte Jobst Gras zu Holstein 30 Juden, unter denen sich auch ein Rabbiner und Schulmeister befand, das Recht in Altona zu wohnen. Daß sie sich schon einen Rabbiner und Schulmeister hielten, beweist, daß sie schon ziemlich zahlreich waren. Alle diese Juden trieben vielfach Handel mit Ha in bürg, ohne allerdings dort ein dauerndes Wohnrecht zu besitzen. Wenn wir einer urkundlichen Nachricht aus späterer Zeit glauben dürfen, haben sich in Hamburg seit 1610 Juden angesiedelt. In der Tat lassen sich 1614 „die Juden in Hamburg", falls hierunter nicht etwa Ottensen verstanden wird, den 1582 in Ottensen erworbenen Besitz „confirmieren". Sie erhalten gegen eine Entschädigung die Erlaubnis, diesen Hof zum Friedhof einrurichlcn. Doch wohnte die Mehrzahl der Juden nach wie vor in Altona und erst 1627 erhalten einige Altonaer Juden von der Oberhoheit das Recht, sich in Hamburg niederzulassen, doch besaßen sie keine eigentliche Religionsstätte und standen auch unter der Oberhoheit der Altonaer Gemeinde. Im August 1.628 brach in Altona die Pest aus und von den Opfern, welche diese Seuche auch unter den Juden forderte, geben noch heute zahlreiche Grabsteine auf dem Israelitischen Friedhof in Altona, Königstraße, eine beredte Kunde. Ine Jahre 1640 starb dev letzte Graf von Schauenburg, der Besitzer Altonas. Vom 1. August 1641 datieren die Privilegien, welche Christian II. von Dänemark bit Nachfolger der Grafen von Schauenburg, den hochdeutschen Juden in .Hamburg, Altona und Waudsbcck bewilligte. Nach dem Original, das sich im Archiv der hochdeutschen Jsraelitengemeinde in Altona befindet, soll jede Familie 5 Reichsthaler jährlich Schutzgeld zahlen. Hieraus wie ans späteren Belegen geht hervor, daß die ersten deutschen Juden in Haniburg dänische Schntzjnden waren. Im Jahre 1044 wenden sich die Altonaer Familien, welche vor der schwedischen Soldateska in Hamburg Zuflucht gefunden hatten, an den Oberamtmann von Pinneberg, unter dessen Verwaltung der König sic gestellt hatte, er möge sich für sie beim Senat ins Mittel legen. Sie wollen sich jedes Geschäftes enthalten und erbitte,^ nur für sich und ihre Familien einen Unterschlupf. Ter Anitmann unterstützt' auch ihr Gesuch beim Senat mit dem Hinweis, sie seien nicht nur dänische, sondern sogar „gemein Reichsschutz verivandtc". Doch alle Hoffnungen auf ein ständiges Wohnrecht in Hamburg wurden bald vernichtet. Am 7. Januar 4648 fordern die Oberalten nach den im Hamburger Staatsarchiv vorhandenen Akten „die Abschaffung der Juden und dero Synagogen". Ter Rat meint aber, daß sie keine rechte Synagogen haben, man könne sie daher von allen Cvnventibas acricren, „Monn sie nicht zu starck zusammen kommen an einem Ohrte." Tie Oberalten erwidern, „sie sollten nach Altona gehen und da ihre Beschnerdungen s 0 d d 3 s r ti $ G b 3 r i b c k 3 f i B § r f ,1 f X s t t i (< c fite. A-L- Ak?/ UüttiüMjiÜhÜM