Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1911)
- Date
- 1911-01-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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5. Januar 1911 D er J-raÄtt «o. 1. Sette » baren Behauptung des reinen Monotheismus berufen sei." MayVaum bittet zum Schlüsse Herrn Professor Köhler, die Juden mit ihrer ernsten Lebensanschauung und mit ihrer oft erprobten Kraft des Martyriums nicht in Berlin W., sondern in den jüngsten Organisationen der deutschen Juden (!!!) studieren zu wollen. So grundverschieden in ihren Ausgangspunkten und Folgerungen die Ausführungen Zangwills und Maybaums sind, so haben sie doch das eine gemein, daß sie beide die wesentlichsten Momente in der Kohlerschen Argumentation im weiten Bogen umgehen. Köhler sprach von den modernen jüdischen Kreisen, die mit ihren religiösen Vorstellungen genau so wenig an das Judentum gebunden seien, wie etwa die modern denkenden Christen an daS kirchlich dogmatische Christentum, und deren Amalgamierung durch Mischehe oder den von Köhler als formal angesehenen Taufakt sich daher mit Treue und Gewissen durchaus versöhnen lasse. Wir haben bereits in unserm Artikel nachgewiesen, welch trauriges Körnlein Wahrheit leider in Köhlers Behauptung liegt, soweit gerade das Zangwill-Maybaumsche liberale „Judentum" in Betracht kommt. Herrn Israel Zangwill, der sich die Lösung des Schmelzttegelproblems in der Weise denkt, daß unbeschadet der restlosen Auflösung des Judentums in der Diaspora sich irgendwo auf einem Territorium ein „Sammelbecken jüdischer Raffe" schaffen ließe, sollte der Kohlersche Artikel zu bedenken geben, daß es mit dem Territorium allein — und wäre auch ein solches in absehbarer Zeit zu erreichen — nicht getan ist, solange nicht zeitig dafür gesorgt ist, daß die religiösen Vorstellungen derer, die dieses Territorium vereinigt, im alljüdischen Boden wurzeln und sie mit magnetischer Gewalt an das altüberlieferte, von den Anschauungen aller anderen Religionen getrennte Judentum fesseln. Auch auf eigenem jüdischen Boden, mitten in einem jüdischen politischen und sozialen Milieu haben einst die Hellenisten und später ihre natürlichen Nachkommen, die Sadducäer, den Weg zur Assimilation gefunden, dieweil ihnen der Wille zum Judentum fehlte. Wie sollte heute, bei dem regen Völkerverkehr und bei der unaufhaltsamen, ländereinenden Kulturströmung ein bloßer territorialer Sammelpunkt, wie ihn der Dichter Zangwill erträumt, eine kleine Gruppe von Menschen, denen das innere Band, das sie mit ihrer Vergangenheit, mit ihrem Volkstum verbinden sollte, fehlt — denn nur solche können es sein, die nach Zangwill aus dem großen Schuielztiegel des Völkerlebens in die jüdische Heimat hinübergerettet werden -— vor dem Schicksal der geistigen Absorbierung durch die große Kultur bewahrt bleiben? Den unjüdischen Ideen Professor Maybaums aber seien hier zum so und sovielten Male die Anschauungen des Judentums über die Juden gegenübergestellt. Es ist mit nichtem „das Hauptverdienst der Juden, die Bibel geschaffen und die Sittlichkeit zu einer Forderung der Religion erhoben zu haben." Wir haben überhaupt die Bibel nicht geschaffen, sondern sie ist durch uns der Welt überbracht worden. Es ist nicht der Juden Verdienst, sondern ihre hohe weltgeschichtliche Auszeichnung, als nVlJO Dy und als Priestervolk für die Völker auserkoren zu sein. Noch weit verhängnisvoller ist es, wenn Maybaum es den Juden als ein Hauptverdienst anrechnet — „das Christentum aus sich hervorgebracht zu haben, um die Völker zu versittlichen." Auslassungen dieser Art werden Köhler kaum davon abhalten, nach wie vor seinen Lockruf an die Lauen und Halben in unserem Lager ergehen zu lassen und gewiß nicht allein an die in Berlin W., für deren jüdische Geistesverfassung ja doch übrigens die Reform der Maybaumschen Observanz auch nicht alle Verantwortung abllhnen kann . . . Und wenn Maybaum glaubt, diesem Berlin W. das Judentum der „Organisationen" (gemeint sind wohl Logen, Literaturvereine und Verbände) gegenüberstellen zu können, so vergißt er, daß diese Spielart des neologen Judentums sich wohl in Bezug auf sozial-jüdische Betätigung und sittlichen Ernst vorteilhaft von dem leichtsinnigen Jndifferentismus der abseits Stehenden unterscheidet, nicht aber durch den Grundcharakter der religiösen Weltanschauung. Jene praktische Betätigung für jüdische Interessen täuscht nur darüber hinweg, daß auch hier ein völlig wurzelloses, in sich widerspruchsvolles Judentum vorlirgt, das Stürmen sogut wie etwaigen Sonnenstrahlen sozialer Gleichberechtigung rettungslos zum Opfer fallen würde. Es gibt nur eine Antwort auf die Kohlerschen Aufstellungen: der Hinweis darauf, daß wahres Judentum die Ueberzeugung von der Göttlichkeit und ewigen Verbindlichkeit von Gesetz und Lehre ist, die Ueberzeugung von der Wahrhaftigkeit unsrer Propheten, die dem in seiner Gesamtheit für Gesetz und Lehre einst wiedergewonnenen jüdischen Volke eine nationale Zukunft auf eigenem Boden in enger Verknüpfung mit dem sittlichen Fortschritt der Menschheit gewährleistet haben. Die verschwommenen religiösen Vorstellungen und verstachten Begriffe von einer sittlichen I Mission Israels aber, die Köhler als vereinbar I mit der Taufe ansieht, und die er dem söge- I nannten liberalen Judentum abgeguckt hat, sie bilden nur einen kleinen unzulänglichen Rest der religiösen Werte des Judentums. Emigrationsftongref). Bor mehr als einem Jahre ist zum ersten Male der Gedanke eines Weltkongresses zur Regelung der jüdischen Emigration aufgetaucht und hat sich seitdem trotz aller von verschiedener Seite geltend gemachten schweren Bedenken gegen eine derartige unnütze öffentliche Schaustellung des jüdischen Emigrantenelends in manchen kongreßfrohen Kreisen lebendig erhalten. Wie uns von dem zu diesem Zwecke seinerzeit gebildeten Komitee mitgeteilt wird, fand am 17. Dezember im Sitzungssaale der Bnei Brith zu Wien eine Versammlung der Mitglieder dieses Komitees statt, in welcher nach einem vom Präsidenten, Herrn Dr. Gustav Kohn, erstatteten Berichte über die bisherigen Borbereitungsarbeiten des Organisationskomitees folgender Antrag angenommen wurde: „Nach Anhörung der Ausführungen des Präsidenten Dr. Gustav Kohn und des vom Schriftführer M. Schmidt erstattetes Berichtes über die Vorbereitungen zu dem in Wien einzuberufeuden Emigrationskongreffes bestimmt das Komitee, bezugnehmend auf den im September gefaßten Beschluß, den Kongreß in der ersten Hälfte des Jahres 1911 einzuberufen, die Vorarbeiten zu demselben fortzusetzen und seine besondere Aufmerksamkeit der Schaffung neuer Jmmigrationsmöglichkeiten für die jüdischen Auswanderer, der detaillierten Ausarbeitung des Emigrations-Bank-Projektes und den Verhandlungen mit den in Betracht kommenden Flnanzkreisen zuzuwenden." Diese Beschlußfassung kann uns in unserer von vorneherein eingenommenen ablehnenden Haltung gegen die Kongreßtdee (Siehe „Israelit" Nr. 47, 1909) nur bestärken. Nutzen kann ein solcher Kongreß nur dann bringen, wenn ihm von den Verhältnissen die Voraussetzungen zu positiver Hilfstätigkeit gegeben find, andernfalls müßte eine laute Erörterung der Emigrationsmisere in der breiten Oeffentlichkeit, ohne daß zugleich auf Mittel zu ihrer Abhilfe hingewiesen wird, die Nervosität in gewissen Einwanderungshäfen naturgemäß nur steigern und der Sache mehr schaden als nützen. Ob und wann ein solcher Kongreß erfolgverheißend stattfinden kann, hängt also einzig davon ab, wieweit die Zeit auch günstig für Schaffung eines neuen gesunden Bettes für den Auswandererstrom sein wird. Und mich ein Wort der Mahnung an jene Herren im Ehrendienst der jüdischen Gemeinde Berlins. Vor allem, schnauzt und schreit die armen Leute nicht an, als wäret Ihr ausgediente Korporale, die in den Kommunaldienst geraten sind; als wären die Leute, die als Hilfesuchende vor euch stehen, Strolche, entlassene Sträflinge oder Verbrecher, die durch einen unangebrachten Kasernenhofion erst ringeschüchtert werden müßten. Und wenn Ihr die Brauen noch so hoch zieht, noch so barsch redet, so sieht man euch dennoch an, daß Jhrs gar nicht bis zum Korporal gebracht; vielleicht gar nicht einmal zu dienen brauchtet. Tann vergeht nicht, das; Ihr den armen „Bettlt'rn", was Ihr ihnen zubilligt, nicht aus e n r e r Tasche gebt: das ist G e m e i n d e g e l d. Steht Jh» aber im Ehrendienst d e r ' j ü d i s ch e n G e - meinde — Ihr wechselt ja täglich von tl bis 12 Uhr darin — bann habt Ihr die Ehre der Gemeinde 5 n w ahre n und nicht das R e ch t, durch Grobheit und unfeine M.1 - nieren eine der v 0 r n e h in st e n Institutionen, die Wohlfahrtspflege, in Mihkre dit zu brin g.em. Tie Tatsache, daß man kein Geschäft mehr zu treiben braucht, freie Zeit übrig und den, sonst ja ganz löblichen Ehrgeiz,hat, sich den armen Mitmenschen nützlich zu machen, gibt zu diesem so subtilen Amt noch lange keine Berechtigung, wenn man nicht die ethische Qualifikation dazu besitzt. Drei Herren, die sich, oft nicht zur Freude der leider in der Minorität anwesenden wahren Menschen- und Armenfreunde, in den verschiedenen Armenverwaltungsressorts breit machen, muß.'es denn doch endlich einmal klar und deutlich gemacht werden, daß sie noch lange nicht das Recht haben, unsere jüdische. Reputation durch grobes und liebloses Auftreten Zu diskreditieren. Liberal" oder „konservativ", darin sind alle Berliner Juden einig, iah mit jüdischen Armen, jüdisch-human verfahren werden muß. Tie Herren Gemcindeältesten, lvie jetzt die Vorsteher hier heißen, und die Repräsentanten hätten die Pflicht, etwas kritischer als seither die Leute zu prüfen, die sich der Wohlfahrtspflege der Armen widmen wollen. Znm Sport und Zeitvertreib für reich gewordene und reich geborene Leute mit viel freier Zeit, sollten uns selbst d?e jüdischen Schnorrer noch zu gut sein. — Ob man aus dem bereits halbvergessenen Wahlkampf in den beiden Verwaltungskörpcrschaften die richtige Lehre Ziehen wird, bleibt abzuwarten. Jetzt, wo allgemach wieder die kühle Erwägung die Oberhand gewinnt, erkennen die konservativen Parteien die Fehler, die sie, trotz aller Warnungen besonnener Ratgeber, begangen. Hätten die Zionisten nur ein klein wenig Selbstentsagung geübt und wären sie so bescheiden gewesen, sich mit einem Kandidaten iürer Partei zu begnügen, so stände die jüdische Gcmeindcvcrwaltung heute unter dem Banner des gcsetzcslreuen Judentums. Die führenden Berliner Zionisten, zweifellos glühende, begeisterte Juden, sind eben noch junge Männer, und trotz ihres gleichfalls zweifellos hohen geistigen Gehalts, noch nicht alt genug, um das große Ganze in den richtigen Sehwinkel einznstetlen. Dazu kam die restlose Wirkung des roten Tuches — hier Zionismus u n d Orthodoxie — auf wahlberechtigte, aber ebenso unbelehrbare wie einsichtslose Massen. Tenn nirgendwo ist seit Jahrzehnten das Märchen von der jüdischen Intelligenz, — Chochme — eindrucksvoller als Märchen proklamiert worden als am 24. November 1910. Aber auch die Gesinnungslosigkeit hat ihre Orgien gefeiert. Tie Herren Liberalen haben es nicht unter ihrer Ehre gehalten, in einigen der zahlreichen Flugblätter sich auch die Unterschriften von Männern zu „sichern", die erst ihre Kinder hatten taufen lassen!! Noch besser ist, daß ein getaufter Steuerzahler, — nach anderen Versionen mehrere — ihr „Wal,1art)t" (??) ausgeübt haben. Diese Sache wäre einer gründlichen Untersuchung wohl wert. Inzwischen regt Charlottenburg, das flügge gewordene Junge der Berliner Gemeinde, die Flügel. Ter Ruf nach Autonomie erschallt immer lauter und häufiger. Charlottenburg ist der stärkste Steuerzahler und zählt die meisten Juden der Vororte, ist bisher aber trotzdem in der Gemeindestube recht schlecht behandelt worden. Sämtliche Synagogen, wie in der Bismarck-, Wilmersdorfer-, Passauer- und Münchenerstraßc sind aus der Privatinitiative heraus entstanden, werden schäbig subventioniert, die Rabbiner als solche zweiter Klasse behandelt. Sie dürfen bei Begräbnissen ihrer Mitglieder keinen Talar tragen, wenn sie in Weißensee „amtieren" wollen: hingegen die „Rabbinersmütze"! Demnächst wird die Jnitiaitve zum Treiklassenwahlsystem nur noch von der jüdischen Gemeindevertretung ausgehen. Das gibt nächstens einen schönen schwarz-blauen Derwnltungsblock unter der alles verschönenden und verklärenden Flagge des jüdischen Liberalismus. In Ehnrlvttcnbnrg bereiten sich indessen Till gl.' vor. die in schon absehbarer Zeit die jetzt twtcbcr ein» getretene idyllische Ruhe in der Oranienburgerstraß? unangenehm stören dürsten. Davon ein andermal. Elchanan.