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Der Israelit · 1911-01-05 · Heft 1 (5.1.1911) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 1 (5.1.1911)
Date
1911-01-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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fectte 8. «r. 1__ taub macht für die vitalsten Interessen und Bedürfnisse des Landes. Das unselige Wort heißt: Kampf gegen den jüdischen Kleinhandel! Wer die Wühlarbeit der russischen Judenfeinde in den letzten Jahren mit offenen Augen verfolgt hat, den kann der Duma-Beschluß nicht verwundern, der wird in ihm die naturnotwendige Krönung einer jahrelangen zielbewußten, unermüdlichen Tätigkeit sehen. Der Kleinhandel müsse den Händen der Juden entrissen werden! Das ist der Ruf, der seit Jahren den russischen Blätterwald — wir sprechen nicht von der blutrünstigen Berbandspreffe — durchhallt, der in die Bauernversammlungen geworfen wird und auch vielfach von der Kanzel herab ergeht. Und man läßt es bei den Worten nicht sein Bewenden haben. Neberall in den Städten und Städtchen und auch auf dem platten Lande werden judenreine Genossenschaften gegründet, christliche Läden und allerlei geschäftliche Betriebe errichtet und erhalten. Neben den landwirtschaftlichen Bereinigungen gibt es jetzt überall in Littauen und in Polen auch christliche kaufmännische Organisationen, Handels- und Gewerbevereine. Sendboten fahren durchs Land und belehren das Volk, sich auf eigene Füße zu stellen und sich von der „wirtschaftlichen Bevormundung seitens der Juden" zu emanzipieren. Die Geistlichkeit, die in Rußland nie in großem Ansehen stand, sucht, nun ebenfalls die Lage nützend, sich des Volkes Gunst auf Kosten der Juden zu erringen und entfaltet eine fieberhafte soziale und politische Tätigkeit, die darauf hinausgeht, den Juden alle Nahrungszweige abzuschneiden. Und dieser künstlich erzeugten Volksstimmung, der ungesunden Mittelstandsbewegung hat die Duma mit ihrem Sonntagsruhebeschluffe Rechnung getragen. Es gibt zwar Leute genug in Rußland — und es sind gewiß die einsichtsvollsten — die da meinen, daß mit dem Aufhören des jüdischen Kleinhandels auch der Tod des Kleinhandels' in Rußland überhaupt herbeigeführt wird. Zahlreiche Beispiele bezeugen, daß T örfer, aus denen man den Juden hinausgedrängt hat, ganz rapid zurückgingen und in ihnen das ganze Geschäftsleben ins Stocken geriet. Auch die Regierung ist dieser Meinung, und sie hat ihr bei Besprechung der Sonntagsruhevorlage in der Duma offenen Ausdruck gegeben. Ob sie auch bei der Weiterentwicklung der Sache gegenüber den Scharfmachern aus den Kreisen der „Nowojewremja" ihren Standpunkt behaupten und ihrerseits dem von der Duma begangenen Akte der Unklugheit und Ungerechtigkeit ihre Sanktion Kleine» Feuilleton. Berliner Plaudereien. Ter „Schnorrer" — Wahlnachklänge — Charlottenburg. Groß-Berlin birgt mit seinen 140 000 indischen Seelen den vierten Teil der Gesamtjudenheit Deutschlands. Tas ist schon eine ansehnliche Gemeinde und es lohnt sich für ehrgeizige und tatendurstige Leute, die für ihre freie Zeit Verwendung suchen, in den großen Rat hineinzukonimen. Dieser große Rat, Repräsentantenschaft genannt, ist sozusagen die Seele der Gemeinde; mit dem Vorstand Zusammen, Herz und Geist derselben. Wenn das die Ansicht der jüdischen Berliner Mehrheit ist, dann können sich beide, Vorstand und Repräsentanz, nur geschmeichelt fühlen. Es gibt nämlich - und nicht etwa erst unter den böfen, nörgelnden „Orthodoxen und Zionisten", vor denen vor vier Wochen noch im „Berliner Tageblatt" in riesigen Annoncen mit riesigen Lettern gewarnt ward — auch noch viele andere zweifelsüchtige Elemente in diesem Groß-Berlin, welche ganz unverfroren behaupten, Herz und Geist in der Gemeinde Verwaltung zu vermut?«, fei des Guten ein bischen zu viel. Manche wären ja jd)on ganz zufrieden, wenn nur schon das Herz, das gute indische Herz in der Oranienbargcrslraße fühlbar wäre. Ach, nein, nicht in der Lrätticnburgerstratze, sondern in der Rosenftraße, wo doch eigentlich erst der Herzschlag unseres fett Israelit. ■ verweigern wird, bleibt noch immerhin abzuwarten. Auf jeden Fall wäre es von den maßgebenden jüdischen Kreisen sehr verfehlt, sich jetzt im Vertrauen auf den Standpunkt der Regierung in Ruhe und Sicherheit zu wiegen. Die Erfahrung hat in Rußland gelehrt, daß ein weitgehender Optimismus in jüdischen Rechtsfragen nie am Platze ist. — Die Parole muß jetzt heißen: Arbeiten und Aufklären! — Es gilt jetzt, der Regierung für ihre Ansicht von der Schädlichkeit des Sonntagsruhe-Gesetzes in seiner absoluten Form recht viele lebendige Beweise zu erbringen. Es bedarf hier der vereinten Arbeit aller, sowohl der einflußstarken Männer in der Residenz als der Rabbiner im Rayon, die schon mit Rücksicht auf die religiösen Gefahren, die das Gesetz in sich birgt, sich die Sache sehr angelegen sein müssen. Nur bei reger geeinter Arbeit und bei Ausnutzung aller zu Gebote stehenden Mittel kann die Hoffnung als gerechtfertigt erscheinen, daß der Reichsrat der schreienden Ungerechtigkeit, wie sie jetzt die Volksvertretung, ohne jede Rücksichtnahme auf die verschiedenen Völker Rußlands, begangen hat, eine Schranke setzen wird, durch eine Zusatzbestimmung, die den Juden und Mohamedanern die Möglichkeit schafft, in ihrem Interesse wie in dem der christlichen Landbevölkerung und des Staates auch an Sonn- und Feiertagen ihr Geschäft betreiben zu können. Es muß der Regierung bei entsprechender Vorarbeit doch schließlich klar werden, daß sie nicht das mindeste Interesse daran hat, mit Gewalt auf die Schwächung und Vernichtung des religiösen Lebens unter den Juden und damit auf ihre Radikalisierung hinzuarbeiten. Koch«mm-fcha«. Allerlei Reifungen. Der auch von uns in Nr. 51 an leitender Stelle gewürdigte Artikel des Herrn Geheimrat Dr. Köhler in der „Deutschen Montagszeitung" führt nachgerade zu einer Art Enquete über die Judenfrage. Abgesehen von der jüdischen Presse aller Länder und Sprachen, die sich mit den Kohlerschen Aus- Gemeindolebens fühlbar' sein sollte. Tenn dort sind ja die „Büroräume für jüdische Barmherzigkeit". Tort waltet die Wohltätigkeit ihres Amtes; wochentäglich von 11 bis 1 Uhr, Samstags geschlossen. Parterre rechts ist die Turchwanderungskonnnisfion. Hier erhalten die Leute, die zurückw ollen in ihr russisches, rnmänisches oder galizisches Elend, wenn sich nicht etwas Gravierendes gegen sie.erniitteln läßt, Gelegenheit znrücktransportiert zu werden. Irgend a n d c r swohin werden diese Fremden nicht dnrchgelassen. Zugegeben nun, daß die Reiseunterstützung, beispielsweise nach der Schweiz, Schweden, Dänemark oder Holland und Belgien, in der Mehrzahl aller Fälle für diese Heimatlosen kein „Tachles" ist. Dann muß man sich aber doch fragen, ists denn mehr „Tachles" sie nach Rußland zurnckzufchicken? Sie baben — so sagt man den Hilfesuchenden — in keinen: Lande in Europa Aussicht, auch nur die bescheidenste Existenz zu finden. Ja, in den meisten Staaten läßt man sie nickit einmal über die Grenze. Aber zurück nach Rußland? Ja, da bekommt der Petent eine Fahrkarte vierter Klasse, wogegen ja auch durchaus nichts einzuwenden ist, denn wir haben keine Veranlassung und auch kein Geld übrig, den: Eisenbahnfiskus noch mehr zu opfern. Und vierter Klasse ist nur nominell von der dritten unterschieden. Auch einen, wenn auch knapp bemessenen, aber doch bescheiden auskömmliche:'. Zehrpfennig erhält der Reisende. Doch schon hier erweist sich die Mrzsichtigkeit dieser Fahrwohlpardon Äohlfahrtseinrichtungen. Denk betreffenden Znrückgesrachteten wird, wenn ihm die Reise zur Grenze bewilligt worden ist, Zeit und Bahnhof angegeben, wo er sich einzufinden hat. Dort wird ihm die Fahrkarte auf dem Perron erst eingehändigt — und auch dort erst das Zehrgeld. Wo soll nun der arme Reisende etwas zum Essen kaufen? Und wann? Zehn __5. Januar 1911 führungen befaßt und sie je nach Richtung und Gesinnung mehr oder minder scharf zurückweist, hat der Kohlersche Versuch auch der „Deutschen Montagszettung" bereits vier Artikel von jüdischer und nichtjüdischer, zionistischer und liberaljüdischer Seite eingebracht. Nicht uninteressant ist die Zuschrift Zangwills in der letzten Nummer des genannten Blattes. Er ist wie die anderen Autoren, die zu dieser Frage Stellung nehmen, von der Redaktion um seine Meinung ersucht worden, was in Anbetracht der Bedeutung Zangwills als Schmelztiegel - Dichter kaum verwundern darf. Und Zangwill verleugnet — wenn wir sein etwas eigenartiges Englisch-Deutsch recht verstehen — auch licr in der Erwidernng seine bekannte Ansicht über den Berschmelzungsprozeß nicht. Er sagt: „Ich weiß ja nicht, zu welchem Zwecke Prof Köhler seinen Aufsatz schrieb, denn eS gibt ganz gewiß keinen einzigen Deutschen, der so dumm wäre, daß er nicht die großen Vorteile etvsshen möchte, die seinem Lande und seiner Nation dadurch erwachsen, daß es sich die kulturreifste aller Raffen, das Volk, das sowohl da» Alle wie das Neue Testament geschaffen, einverleibte, und auf der andern Seite wird eS sicher keinen dcutscken Juden geben, der so dumm wäre, daß er nicht einst hen n ächte, daß diese Raffe tagtäglich einverletbt wird durch die Mischehe." Trotzdem sieht Zangwill nicht ein, warum Köhler „gleich mit einem Male alle Juden aufessen will", da ja auch ohnedies „das jüdische Lamm es überall versucht, sich der besonder« Sorte von Löwen zu assimilieren", was aber die Hoffnung nicht ausschließe, daß es der zionistischen resp. territorialistischen Bewegung denn doch gelingen werden, irgendwo „ein Sammelbecken jüdischer Rasse zu schassen."- Etwas schärfer zu Gericht geht mit Köhler ein vornehmer Vertreter des Resormjudentums, Herr Prof. Dr. Mayba um-Berlin. Mit breiter Ausführlichkeit geht er auf einzelne und nebensächliche Aeußerungen Köhlers ein und sagt dann: „Denn es bleibt für alle Zeiten daS Hauptverdienst der Juden, die Bibel geschaffen und die Sittlichkeit zu riner Forderung der Religion erhoben zu habensie waren es ferner, die durch daS ChlistenlUM, daS sie aus sich hervorgcbracht, die Völker versittlicht haben ufw." Dann erinnert er an einen Ausspruch von Prof. Dr. Berner von 1891, worin er freimütig anerkannte, daß „Israel durch seine religiöse Absonderung der Menschheit den höchsten Dienst geleistet habe und daß jeder Austritt aus dem Judentum noch heute als „eine Schädigung für die Entwicklung der Religion zur höheren Wahrheit und Reinheit" zu betrachten seidaß das Judentum heute wie ehedem zur unwandel- Minuren vor Abgang des Zuges! Recht unlogisch vom Standpunkt der armen Teufel aus, aber Durchaus logisch vom Standpunkt der menschenfreundlichen Herren, in: Büro der Rosenstraße, parterre rechts. Fährt ein Znrückgefrachteter 6 bis 7 Stunden, seine erste Etappe bis :neinetwegen Breslau, ab, so wird er kann: verhungern, der Schnorrer ist ja ans Hungern gewöhnt. Mags ihn: auch ein bischen flau im Magen werden, haben unsere Vorfahren, was recht frommt -Seid: warst:::, denn nicht auch jede Woche ein bis zweimal freiwillig gefastet? Doch mit diesen Betrachtungen allein ist den armen Rückwanderern nicht gedient, und da wir auch nach den Wahlen, von dein Geist und Herz, oder von den: jüdischen Herzen und der jüdischen Intelligenz immer noch keine andere Anschauung haben, als zuvor, so wollen wir den „in: Ehrendienst" der jüdischen Gemeinde stehenden Herren, die von 11 bis 1 Uhr in: Dienste der gut registrierten und streng examinierte.« Wohltätigkeit beschäftigt sind, einen Vorschlag zur Güte machen. Man lasse den „Durchwanderern" durch eine inbezug auf Kaschrus vertrauenswerte Person anstatt Geld Nahrungsmittel verabreichen; auch etwas Tee oder Kaffee in eigens gestempeltem Metallgeschirr oder Flascht n, die an der Endstation abgegeben werden. Dann brauchen schwächliche Frauen, Kinder und alte Leute nicht unterwegs zu hungern. Das kostet sicherlich nicht mehr, als der Geldbetrag bisher ausgemacht hat. Auch sind genug Räumlichkeiten, in dem Verwaltungsgebäude in der Rosenstraße, wo sich solche oder ähnliche Fürsorge-Einrichtungen treffen ließen. Tann käme wirklich etwas Geist und Gemüt im die alte unbrauchbare Schablonenwirtschaft, wenigstens, soweit dieser - einzelne Zweig der Wohltätigkeit in Betracht käme. . *

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