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Der Israelit · 1897-12-30 · Heft 103 (30.12.1897) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 103 (30.12.1897)
Date
1897-12-30
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXTIDL Jahrgang, Erste örilüge M M 103 des JtonttUt“. Leitender Artikel. Ahle in. lAus dem „Frankfurter Journal.") Die Vorwürfe der Antisemiten, daß die Juden keine produktive Arbeit leisten, und daß sie insbesondere zur Landwirthschaft weder Neigung noch Befähigung besäßen, sind Legion. Man müßte die ganze Entwickelungsgefchichte der Juden rekapituliren, wollte man die Ursachen der Thatsache der prozentual geringen Betheiligung der Juden an den erwähnten Berufsarten Nachweisen. Jene Ursachen sind überdies in Zeitschriften und Broschüren Gegenstand sachlicher und gerechter Erörterung gewesen, so daß wir nur wiederholen könnten, was als bekannt vorausgesetzt werden muß. Thatsache bleibt allerdings, daß auch beute die geeigneten Elemente unter den Juden immer noch nicht in genügendem Maße den angeblich oder scheinbar von ihnen verpönten Berufsarten zugeführt werden. Hier Abhilfe zu schaffen, wäre nicht etwa im Jntereffe der moralischen Entwaffnung der Gegner, sondern vornehmlich im Jntereffe einer weiteren Gesundung und Kräftigung der wirthschaftlichen und sozialen Lage von Tausenden und aber Tausenden von Juden wünschenswert!). Alle Bestrebungen, welche darauf abzielen, jenen Zweig der „inneren Mission" zu kultiviren, verdienen daher Beachtung, entsprechende Prüfung und gegebenen Falles nachhaltige Unterstützung. Von diesen Gesichtspunkten aus konnten wir es uns nicht versagen, kürzlich auf einer Reise nach dem Norden, in Hannover Halt zu machen, um einer Einladung von Freunden der Sache folgend, die Israelitische Erziehungsanstalt in Ahlem zu besichtigen. Ein solches Kennenlernen der Verhältnisse an Ort und Stelle bat begreiflicherweise tausendmal mehr Werth als die Lektüre der die Anstalt verherrlichenden Schilderungen, wenn diese auch als ein schwacher Nothbeheli zur Förderung ihrer Ziele betrachtet werden mögen. Ehe wir die empfangenen Eindrücke wiedergeben, möchten wir kurz die Ziele zusammenfaffen, welche die Anstalt in Ahlem , die Eonsul Simon in Hannover mit einer Spende von 200,000 Mark im Jahre lb93 in's Leben gerufen und die feit 1806 die Rechte einer juristischen Person erlangt hat, verfolgt. Sie will israelitische Jünglinge in allen Zweigen der Landwirthschaft, besonders im Gartenbau, Obst- und Blumenzucht, ausbilden. Schon von der Schule aus werden dort Kinder Israel. Konfession in Verbindung mit Gartenbau und Handfertigkeit erzogen, und so soll Lust und Liebe für den landwirthschaftlichen Berus in das Herz des Kindes gepflanzt werden. Dabei finden neben den Holzarbeiten, welche bereits für dekorative Zwecke in der Gärtnerei angesertigt werden, auch Schreiner-, Glaser-, Schlosseru. a. Arbeiten Berücksichtigung, sobald die allgemeinen, und insbesondere die finanziellen Verhältnisse das zulassen. Wenn man das etwa 20 Hektar umfassende Grundstück betritt, welches, an der Harenberger Chaussee gelegen, sehr gute Verbindungen mit Hannover besitzt, wird man überrascht sein, wie bedeutend der Komplex mit seinen Wohngebäuden, WirthschaftSgebäuden, Gewächshäusern, gärtnerischen und sonstigen Anlagen sich darstellt. Eine eingehende, mehrere Stunden währende Besichtigung hinterließ die besten Eindrücke. Zunächst begaben wir uns, nachdem wir die geräumigen Kücheneinccchtungen besichtigt, in die großen, überaus gut venttlirten Schlassäte der Schüler. Wir finden hier keine, auch nur halbwegs überflüssige Dinge, nein, im Gegentheil, eine nachgerade erfreuliche, gediegene Einfachheit. Den Wänden des Saales entlang befinden sich die Waschvorrichtungen für jeden einzelnen Knaben, der auch deren Reinigung zu b sorgen hat. ^.ie Betten sind einfach, praktisch und müssen von den Knaben selbst gemacht werden. Wir erwähnen dies u. a., weil es zeigt, wie sehr man bemüht ist, die Knaben wirklich praktisch und anspruchslos fürs Leben zu erziehen. Aehnlrche Einrichtungen finden wir in den Schlafsälen der Lehrlinge, d. h. der jungen Leute, welche bereits im landwirthschaftlrchen Berus praktisch ausgebildet werden. In dein einen neueren Gebäude befinden sich die Bureaus der Verwaltung, die Wohnräume für oen Inspektor, die Lehrer, u. s. w. Wir befichtiglen noch die Gewächshäuser, Treibhäuser und die verschiedenen Pflanzungen, besonders aber die Baumschule u. u. m., und 'erfuhren, daß die Kultur z. B. von Maiblumeil der Anstatt Nicht nur bereits einen besvi.deren Ruf, sondern auch recht wesentliche Einnahmen gebracht hat. Auch die Obstkultur verspricht recht günstigen Ertrag. Die jungen Leute, welche hier ui den einschlägigen Berussarten ausgebildet werben, stehen unter der Leitung von Gärtnern und einem Ob.rgärtner und machen einen durchweg vorzüglichen Eindruck. Mit ihren gesunden, wettergebräunten Gesichtern und ihrer vorzüglichen Körperhaltung hätten sie vielleicht manchen Antisemiten das Wort entlockt, daß sie „nichtjüdisch" aussehen. Zucht und Ordnung, Hana in Hand mit liebevoller Behänd-

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