Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 103 (30.12.1897)
- Date
- 1897-12-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1965 AeirMeton. Der Meschores. -H— Von I. Potapettka. Autorisirte Uebersetzung aus dem Russischen von 8. SRuvadjitta. 3) sAlle Rechte Vorbehalten.^ Jzka suchte sich einen Fuhrmann aus, der so glücklich war, Stiefel anzuhaben, und sagte ihm: „Halte Dich ruhig auf dem Bock, Du bekommst eine Obristin zu fahren. Sie wird Dich gut bezahlen." Dann lief er spornstreichs auf den Deparquader und schaute erwartungsvoll nach der Seite aus, von wo der Zug kommen mußte. In der Ferne schwebte ein leichtes Rauchwölkchen — der Zug näherte sich also. Jzkar zupfte sein Haar zurecht, brachte seinen Kaftan in Ordnung und schob seine Plüschmütze, so weit wie nur möglich, in den Nacken. Der Zug kam herangebraust. Jzka lief zu dem einzigen Waggon erster Klasse, riß die Thür auf und stürmte hinein, wie ein Wirbelwind. Der Waggen war fast leer. Nur zwei Plätze waren von allerlei Handgepäck eingenommen, bei dessen Anblick Jzka sein Herz höher schlagen fühlte, als wenn es die Sachen seiner liebsten Verwandten wären. Dies Gepäck gehörte der Obristin und war ihm darum wohlbekannt und wirklich theuer- Er zog seine Mütze ab und machte sich ganz klein. Die Obristin war diesmal nicht allein, sondern in Begleitung ihrer erwachsenen Tochter und eines neunjährigen Neffen. Alle drei saßen in einer Ecke und schauten aus dem Fenster. „Jzka!" riefen sie einstimmig aus. „Jzka! Du bist hier?" „O, Jzka wird immer überall sein, wo die gnädige Frau Obristin seiner bedürfen kann!" Mit diesen Worten begann Jzka seinen Meschoresdienst und konnte ihn nicht besser beginnen. Er machte eine tiefe, und ehrfurchtsvolle Verbeugung und fügte hinzu: „Geruhen die Herrschaften auszusteigen. Die Sachen werde ich hinaustragen. Vor der Treppe wartet eine schöne Kalesche . . ." „0, Jzka, Jzka! Du bist ein wahres Goldherz!" sagte die entzückte Obristin. „Wie hast Du denn erfahren, daß ich heute kommen sollte?" „O, das ist mir im Traume eröffnet worden, nädige Frau Obristin," erlaubte sich Jzka ehrerietig zu scherzen, indem er mit bewunderungswürdiger Gewandtheit alle Sachen zusammenraffte und dabei noch so behutsam, als ob es lauter Eierschalen wären. „Auch das Zimmer ist schon bereit, Nummer acht, das Lieblingszimmer der gnädigen Frau Obristin." Die Obristin war ordentlich gerührt von dieser Aufmerksamkeit und Zuvorkommenheit. Sie hatte schon mit Angst und Bangen daran gedacht, wie sie einen Gepäckträger annehmen muffe und ihm dabei noch auf die Finger sehen, und dann noch eine Equipage miethen, das nie ohne Unannehmlichkeiten mit den groben Fuhrleuten abgeht. Sowie sie aber Jzka zu Gesicht bekam, beruhigte sie sich völlig. Sie wußte, daß Jzka alles Nöthige machen werde, gut und rasch, ohne sie auch im Geringsten zu belästigen. Mit ihm war sie aller Sorgen und Plackereien überhoben. Jzka ging voraus, ganz mit Kissen, Bündeln und Handsäcken behängen. Die Herrschaften konnten ihm kaum Nachfolgen, so rasch ging er auf seinen langen geschmeidigen Beinen, trotz all dem Gepäcke, das er trug. Kein einziger Russe hätte es übernommen, so viele Sachen auf einmal zu schleppen, oder wenn auch, so hätte er entweder die Hälfte verloren oder hätte sich kaum fortbewegt, tiefgebeugt und jämmerlich ächzend, als ob er unter der ungeheuren Last zusammenbreche. Jzka wendete sich häufig um und sprach mit seiner einschmeichelnden Stimme: „Haben Sir nur die Güte zu folgen. Ich habe die beste Kalesche in der ganzen Stadt gemiethet. Sogar der Gouverneur hat keine so feine Kalesche. Gnädige Frau Obristin werden es selbst sehen." An der Kalesche war natürlich nichts Außergewöhnliches, aber der geschmeichelten Frau Obristin kam sie wirklich besser vor, als alle die anderen, die den Perron umkreisten. Jzka half ihr nebst ihren Begleitern einsteigen, befahl dem Kutscher, recht rasch zu fahren und setzte sich selbst mit dem Gepäck in einen einfachen Bauernwagen. Nach zwanzig Minuten war die Obristin schon im Gafthause. Bald darauf kam auch Jzka mit den Sachen an. Obgleich die Obristin an und für sich nur wenig Platz einnahm, verstand es Jzka doch, mit ihrer Person das ganze Gasthaus zu füllen. Er schoß wie ein Pfeil aus Nr. 8 in das Komptoir, in die Küche, auf den Hof und wieder zurück, schleppte Wasser, Handtücher, Geschirr herbei. Beim Laufen verwickelte er sich in den Falten seines langen Kaftans und stolperte oft über seine eigenen Füße, brachte sich aber frisch wieder in Gang und flog weiter. In allen Ecken des Hauses erscholl seine Stimme: „Bringt der Frau Obristin die Theemaschine, rasch! . . . Hole der Frau Obristin frisches Weißbrot! . . . Die Frau Obristin verlangt die Speisekarte!"