Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 103 (30.12.1897)
- Date
- 1897-12-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1961 macht, daß die Juden im Exil eine Mission haben, die Mission nämlich Gottes Wahrheiten in der ganzen Welt zu verbreiten." Doch, meint Herr Schapiro, daß in dieser Anklage nur ein Körnchen Wahrheit steckt, denn die Juden seien hauptsächlich darum exilirt worden, damit sie selbst geläutert und gebessert werden. „Haben wir auch eine Mission," führt er weiter aus, „so müssen wir uns doch nicht dafür mit Füßen treten lassen." Wenn diese Anklage nicht besser widerlegt wird, will ich sie noch immer gegen den Zionismus in's Treffen führen. Also, wir sind im Exil, damit wir einen Läuterungsprozeß durchmachen. Ich kann dieser Anschauung umso mehr beipflichten, als eben diese Thatsache der schreiendste Protest gegen den Zionismus ist. Woher wissen wir denn, daß wir schon geläutert sind? Woher wiffen wir, daß wir heute schon stark genug sind, um nur unserer Pflichterfüllung zu leben? Ja, woher wiffen wir dies Alles? Oder wollen die Zionisten behaupten, daß wir schon heute wirklich — Kulo-sakai — reif für eine Erlösung sind; heute wo der religiöse Jndifferentismus in den weitesten Schichten der Bevölkerung Platz gegriffen hat? Gott, der Herz und Nieren prüft, er allein, kann wiffen, ob wir uns wirklich gebessert haben, demnach glaube ich, daß es Gott allein anheimgegeben ist, den Zeitpunkt unserer Erlösung zu bestimmen. Was Prof. Schapiro über unsere Mission sagte, braucht wohl nicht erst widerlegt zu werden, denn der Herr Professor wird es wohl selbst am besten wissen, daß Alles, was ec darüber vorgebracht hat, eitel Spiegelfechterei ist. Natürlich ist unsere Mission nicht die, daß wir mit Füßen getreten werden, aber für unsere Mission müssen wir auch Fußtritte ertragen können. So forderte der Redner doch die deutschen Juden aus, für den Zionismus zu leiden; „was ist denn," rief er aus, „wenn wir wirklich etwas leiden?" Also, auf jedem Falle sollen wir leiden. — Da leide ich denn doch lieber für unsere göttliche Mission, als für die neuzionistische von Menschen erdachte! — Länger wird ja auch das Golus nicht dauern — als die Ausführung des zionistischen Projekt's.- Die Rede wurde aber, fo weit ich bemerken konnte, von den Zionisten mit großer Begeisterung ausgenommen, und an vielen Stellen wurde die Rede durch Beifallklatschen unterbrochen, und ich muß gestehen, daß ich vor den zionistischen Händen mehr Respekt habe, als vor ihrem Geiste. An einer Stelle wurde sehr anhaltend geklatscht, was ich als Nichtzionist gar nicht besonderen Beifalls werth finde. Prof. Schapiro erwähnte nämlich, daß erst aus dem niccäischen Concil der Sabbat auf den Sonntag verlegt wurde, und — bei dieser Stelle klatschten sich die Zionisten die Hände wund. — Zum Schluffe will ich noch erwähnen, daß wir von dem Professor Schapiro hörten, der Zionismus habe bereits eine Million Anhänger. Sein Wort in Ehren, ich aber erlaube mir dennoch über diese Mittheilung so meine Gedanken zu haben. Jedoch angenommen, es verhielt sich wirklich so, so würde selbst das gar nicht's beweisen. Sabbatai Zewi hatte kurz nach seinem Auftreten vielleicht mehr als eine Million Anhänger, und deren große Anzahl fielen nach und nach von ihm ab. Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben. — ** Bttelno, 24. Dez. Zur Beruhigung der Antisemiten, daß bei den Stadtverordnetenwahlen in der Provinz Posen die Juden nicht überall mit den Polen sich zusammengeschtoffen, diene die Nachricht, daß die Polenfreunde in hiesiger Stadt schon Wochen vorher aus den jüdischen Prediger einzuwirken gesucht, um ein Compromiß der Juden und Polen zu erzielen, wofür drei Juden gewählt werden sollten. Das Anerbieten war insofern verlockend, als mit den zwei Juden, die bereits dem Collegium angehören, fast eine jüdische Majorität geschaffen worden wäre; wir haben aber freiwillig auf das dritte Mandat verzichtet und haben geschlossen mit den Deutschen gewählt, einzig und allein, um dar Deutschthum nicht zu schwächen. Gewählt wurden die Herren Apotheker S. Schlesinger und'Kaufmann Abr. Lippmann. Oesterr.-Ungar. Monarchie. ** Wie», 23. Dez. (Der Einkauf bei der jüdischen Firma.) Die Gemeinderäthe Dr. Fochler und Tomanek interpelliren den Bürgermeister betreffs einer in der „Ostdeutschen Rundschau" enthaltenen Notiz, wonach drei „christliche Parteihäupter" (die Gemeinderäthe Siegmeth, Stehlik und Baumgartner) und ein liberaler Gemeinderath (C. M. Mayer) bei einer jüdischen Firma Einkäufe zur WeihnachtSbetheilung für Waisenkinder auf Kosten der Gemeinde gemacht haben. Vorsitzender Bürgermeister Dr. Lueger verwahrt sich dagegen, daß die christlich-soziale Partei Parteihäupter besitze. Das sei vielleicht bei anderen^Parteien der Fall. . . . Gemeinderath Tomanek: Nur auf die Anfrage antworten! Vorsitzender Bürgermeister Dr. Lueger: Ich muß aus Alles reagiren, was in der Interpellation steht. Die Antwort auf die Anfrage kommt schon. ES ist unrichtig, daß bei einer jüdischen Firma Ankäufe zur WeihnachtSbetheilung für städtische Waisenkinder gemacht wurden. (Hört! hört! links. Gemeinderath Tomanek: Desto besser, wenn es nicht wahr ist.) Die Sache verhält sich folgendermaßen: Die Waisenkinder werden bei ihrem Austritte aus dem Waisenhaus mit einem Gewände bekleidet. Der Stadtrath hat beschlossen, die erforderlichen Stoffe im