Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 102 (27.12.1897)
- Date
- 1897-12-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1946 ** Berlin, 24. Dez. (Antisemitisches.) Der antisemitische Verlag von W. Giese in Berlin vertreibt jetzt ein Weihnachtsflugblatt, das z. B. in Gotha an die Mitglieder und Freunde der deutschsozialen Reformpartei in Hessen und Waldeck vertheilt wird. Darin wettert der an nationalen Phrasen so überaus reiche Dr. Th. Lindftröm-GoSlar gegen di!e Juden: „Mit tödtlicher Sicherheit vernichtet der jüdische Geschäftsbetrieb die Selbstständigkeit unserer deutschen Handwerker und Kaufleute, zerstört damit die unentbehrlichste Grundlage unseres nationalen Lebens." Auf derselben Seite dieses Flugblattes wird erzählt, daß u. a. die Berliner Waarenhäuser Rudolph Herzog an einem einzigen Tage der Weihnachtswoche 150 000 M., Heese 30—45000, Jordan über 30000 Mk. einzunehmen pflegen. „Wie viel tausend kleine Kaufleute in den Provinzstadten müssen ruinirt worden sein, bis die Berliner „Allerwelts-Waarenhäuser" es auf die Umsätze brachten. Soll das denn wirklich so weitergehen?" Der Artikelschreiber hat wohl ganz vergessen) daß jene drei Firmen gut christlich sind, daß Rudolph Herzog über ein Jahrzehnt lang die antisemitische Bewegung in Berlin finanziell gehalten hat, daß diese Firmen mit Vorliebe in konservativantisemit schen Zeitungen inseriren? Nicht die Juden ruiniren den Kleinbetrieb, sondern die moderne Produktionsmethode. ** Königsberg, 21. Dez. (Verein für jüdische Geschichte und Literatur.) Am Samstag hielt der Verein für jüdische Geschichte und Literatur im Hotel Masie Herr Kandidat der Philosophie Mohilewer einen Vortrag über „die kulturellen Gegensätze und die Makkabärzeit." Die Phantasie und die Vernunft sind die zwei Hebel, die die Weltgeschichte in Bewegung setzen und in die ältesten Perioden kulturhistorischer Entwicklung hinaussteigend, treten der Materialismus und der Idealismus in einen Kampf, der je nach den Verhältnissen erbitterter und versteckter geführt wird. Drei Völker sehen wir als Träger dieser die lange Geschichte der. Menschheit dominirenden Geistesrichtungen erscheinen. Diese drei Völker sind die Inder, die Griechen und die Juden. Auf diese zu sprechen kommend, fährt der Herr Redner fort: In der Zeit der nationalen Kämpfe des der Verzweiflung nahe stehenden Judenthums leuchtet die Makkabäerepoche mit ihrem grandiosem Sieg des jüdischen Geistes wie eine neue Sonne aus dem Dunkel hervor und von Neuem erstanden dem jüdischen Volk Muth und Selbstvertrauen, von Neuem durchwogte die Adern des Judenthums der innere, für eine Weile verborgene nationale Lebensstrom und unter den Stürmen und Blitzschlägen, wie unter der auflösenden Wirkung der Zeit erhielt der alte Baum wieder gesunde Wurzeln, Stamm und Aeste. Der Herr Redner erging sich nun des Näheren über die kulturellen Gegensätze um diese Epoche und wies den Hörern nach, daß auch heute, nach Jahrtausenden, ein Einfluß jener Zeit bei dem Judenthum bestehe. Die Juden sind das elastischste Volk der Erde. Stürme brausen über sie hinweg und drücken sie zu Boden — sie richten sich immer wieder auf und verjüngen sich. Da4 hat die Geschichte mehr als bewiesen und das glänzendste Beispiel dafür haben wir in der Makkabä.repoche. Auch jetzt, nach zwei Jahrtausenden, hat sich des Volkes eine leibliche und sittliche Ermüdung bemächtigt — aber wie zur Zeit der Makkabäer erwacht auch jetzt im Herzen des Volkes sein Selbstbewußtsein und seine Lebenslust in all seiner Kraft und wer weiß, welche rulunvolle Epoche jetzt in der Geschichte des Judenthums noch eintreten wird. Dem Vortrag folgte eine lebhafte Debatte. Würzburg. Wie anderwärts hat auch der hiesige Verein für jüdische Geschichte und Literatur mit Beginn des Wintersemesters ferne Thätigkert wieder ausgenommen. Den Reigen der Vorträge eröffnete Seminarlehrer Weißbart dahier über Rabbi Joseph Karo. Wenn auch Joseph Karo eine sehr reiche Thätigkeit entfaltete und er uns durch sein rastloses Schaffen auf religionSwissenschaftlichem Gebiete viele und große Werke hinteclassen, so ist es doch hauptsächlich der Schulchan-Aruch, der seinen Namen überall bekannt machte und durch welchen er sich großes Verdienst um Israel erwarb. Denn dieses Werk, in dem sich nicht nur sein reiches Wissen, sondern auch sein praktischer Sinn, seine Fähigkeit bekundet, in kurzen, leichtverständlichen Sätzen die schwierigsten Theile des Gesetzes zu lehren, das ganze Material in übersichtlicher Ordnung und in bestimmten Normen dem Leser vorzuführen, ist seit seinen: Erscheinen vor Jahrhunderten zum grundlegenden Religionscodex der Juden, zum geistigen Führer derselben durchs Leben geworden und hat bestimmend und regelnd aus ihre Lebensverhältnisse eingewirkt. Je bedeutungsvoller aber das Werk, je bekannter in seinem Titel, desto mehr tritt, wie in unserer heiligen Literatur überhaupt die Persönlichkeit und der Name des Verfassers in den Hintergrund, so daß wohl jeder von dem Schulchan- Aruch, nicht aber von Joseph Karo gehört; das Werk überstrahlte so sehr den Meister, daß er von den meisten unbemerkbar blieb. Und doch verdienen solche Männer in ihrem Leben und Gesammtwirken erkannt und als leuchtende Beispiele hingestellt zu werden. Diese Rücksicht habe den Vortragenden bei der Wahl des Thema's geleitet und ihn hoffen lassen, das gewünschte Interesse dafür zu finden. Nach Vorführung der Lebensgeschichte Karos von seiner Auswanderung aus Spanien 1492 als vierjähriger Knabe bi» zu seinem Tode als Rabbiner von Zefat