Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 102 (27.12.1897)
- Date
- 1897-12-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1945 die aber in der in Frage stehenden Sache nichts beweisen. So? Wir meinen hingegen: Die Christenheit konnte die Orgel gar nicht deutliche^ und wirksamer als ihr spezifisches Eigenthum erklären, als indem sie um die Wiege derselben ihre Legenden webt, als indem sie das ganze Werden derselben in den Glorienschein christlichen Martyriums hüllt. Daß aber die christlichen Musikfreunde der Jetztzeit sich zu derselben Ansicht bekennen, das beweisen die „Cäcilienvereine", die in diesen Kreisen entstehen. Ich nenne blos die den Namen „Cacilia" tragenden Vereine in Breslau (seit 1893), in Regensburg (seit 1874) und in New-Uork (seit 1877). Die Tendenz dieser Vereinsbestredungen bekundet es laut: Die Orgel ist ein christlich kirchliches Instrument, und sie soll es bleiben. — II. Unzweifelhaft macht das Orgelspiel auf einen sehr großen, ja auf den größten Theil der Juden den Eindruck eines musikalischen Hilfsmittels, das einem nichtjüdifchen, das dem christlichen Kultus entlehnt, von der Kirche in die Synagoge verpflanzt ist. Auch hier fei an die Worte L. A. Frankl'tz erinnert, welche folgendermaßen lauten: „Wenn wir durch eine Straße gehen und Orgelklänge vernehmen, so steht vor unserer Phantasie der Messe lesende Priester und wir empfinden Weihrauchduft; gewiß aber fällt uns nicht ein, daß wir uns in der Nähe einer Synagoge befinden. Wie aber muß die Phantasie und die fromme Anschauung des Juden verletzt sein, u. s. w." *) und ferner: „Lasten Sie sich, meine Herren! die Szene ausmalen, die sich darstellt, wenn man in eine moderne Synagoge in den Momenten tritt, wo die Predigt beginnen soll : Es tönt ein deutsches Lied, di e O r g e l und die mitsingende G ein ein de begleiten es; oben steht der Prediger in schwarzem Talar mit weißen Bäffchen und einer Quadratmütze auf dem Haupte, die Wände sind bilderleer und kahl — Wer, meine Herrenwürde, wenn er es nicht wüßte, sich in einer Synagoge und nicht vielmehr in einem protestantischen Bethause glauben?"-) So sprach der Dichter Frankl, der keineswegs ein orthodoxer Jude gewesen. Fürwahr, es scheint, als habe er schon damals, als er die Rede hielt, der die obigen Worte entnommen sind, sich dazu berufen gefühlt, sich der Verblendeten anzunehmen. Der von ihm geschilderte Eindruck ist treffend genau so, wie er ihn geschildert. Man frage die viermal hunderttausend gesetzestreuen Juden Un- 1) Ebendaselbst. 2) In der oben angeführten Rede. garns, die Hunderttausende Rußlands, die Tausende Deutschlands — man frage sie, was sie aus deu alten, ehrwürdigen Gottesstätten, an welchen ihre frommen Väter und Mütter gebetet — war sie aus den Synagogen vertrieben, was hier den Unfrieden aus. den Gotteshäusern in die Familienhäuser gebracht und was dort große, einheitliche Gemeinden gespalten, auseinandergeristen habe, und man wird hören: Das hat in erster Linie die Orgel gethan, die dem in altüberlieferter Anschauung und Andachtsübung groß gewordenen Juden, wie das Emblem eines andern, nichtjüdifchen Bekenntnistes — ertönt. So beantworten sich die Frage 1 und 2. (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. ** Berlin, 24. Dez. Die „Schles. Ztg." erklärt, daß auf dem konservativen Parteitag in Dresden eine Auseinandersetzung mit den Antisemiten erfolgen werde und bemerkt hierüber: „Dresden ist gerade der richtige Ort, um eine Scheidewand zwischen den Konservativen und den Antisemiten zu errichten. Von Sachsen aus haben seiner Zeit die Antisemiten ihren „Siegeslauf" begonnen, in Sachsen hat man aber auch die zersetzende Gefahr des „reinen" Antimitismus erkannt und mit kräftigem Schnitt die Partei des Herrn Zimmermann von den Ordnungs- Parteien getrennt und sie an die Seite der sinnesverwandten Sozialdemokraten gewiesen. Die preußischen Konservativen haben dieses Vorgehen ihrer sächsischen Parteigenosten mit großer Sympathie verfolgt und werden nicht zögern, diese Taktik auch zu der ihrigen zu machen. Ob die Stellungnahme zu den Antisemiten durch eine Resolution oder durch bloße Aussprache erfolgen werde, ist uns nicht bekannt; aber das wisten wir aus bester Quelle, daß sie erfolgen wird, und daß auch der Bund der Landwirthe, dessen erster Vorsitzender v. Ploetz sich wahrscheinlich persönlich an der Dresdener Versammlung betheiligen wird, in Bezug auf das künftige Verhalten zu antisemitischen Sonderkandidaten in konservativen Wahlkreisen zu einer klaren Stellungnahme wird veranlaßt werden." An kühnen Worten gegenüber den Antisemiten und Bündlern hat es der konservativen Preste nie gefehlt; man wird abwarten müssen, ob sich zu dem „Zorn der freien Rede" wirklich der Muth der That gesellen wird.