Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 102 (27.12.1897)
- Date
- 1897-12-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1944 des überlieferten Iudenthums lebenden Juden macht und kraft ihrer ganzen Herkunft und Handhabung machen muß. "orwpn,, sind nicht Rechtsbeftimmungen, die aus dem ganzen Rechtsteben eines Volkes herauswachsen, nicht Gebote der Pfticht, die als Produkte der Gottes- und Weltanschauung eines Volkes mit dem Bekenntnis und der Geschichte, mit dem innersten Wesen dieses Volkes unzertrennlich verbunden sein müssen, sondern es sind dies die Erscheinungs formen, die ein Volk, als seinem Bedürfnis und seiner Gefühls- und Geschmacksrichtung entsprechend, sein eigen nennen und mit einer gewiffen religiösen Weihe bekleiden will, und diese sind's, die das Thorawort als von Israel fern halten will. — Wir haben demnach die uns beschäftigende Frage in die folgenden Fragen zu zerlegen: 1. Hält das Christenthum die Orgel für das der Kirche geweihte Instrument und das Orgelspiel für eine Institution, die als feine Schöpfung ihm, dem Christenthume, eigenthümlich ist und daher kirchlich gottesdienstlichen Charakter besitzt? 2. Macht die Orgel auf einen großen Theil der Juden oen Eindruck eines charakteristisch kirchlichen Instruments? 3. Wie haben die größten Meister der Thorawiffenschaft die -'vr-, die mn *p*iar -r,»: über die Orgel geurthcilt und haben sie das Orgelspiel in der Synagoge unter das Gebot wb.i rrd srvnpnn gestellt? 4. Ist das Orgelspiel in der Synagoge ertaubt oder verboten? Nach dem bisher Vorgebrachten lassen sich diese Fragen in aller Kürze beantworten. I. Es kann kein Zweifel darüber sein, daß die Kirche das Orgelspiel für ihre eigenste Schöpfung hält und demselben einen spezifisch christlichen Charakter beimißt. Um dies deutlich zu zeigen, brauchen wir nur auf die Entstehung des Orgelspiels und desien allgemeine Verbreitung in den katholischen und protestantischen Kirchen, wie wir diese im Bisherigen dargelegt, hinzuweisen. Bedeutende Kirchenlehrer zeigen sich gerade im Punkte der Eigenart der Kirchenmusik sehr eifersüchtig und suchen dieselbe vor Nachahmung jeder Art, besonders der jüdischen Art, zu bewahren. So schrieb i. I. 1250 Thomas von Aquino: „Unsere Kirche gebraucht keine Musikinstrumente, wie Ziether und Psalter, zum Lobe Gottes, damit sie nicht den Juden nachzuahmen scheine."*) *) Ecclesia nostra non adsumit instrumenta mnsica, sicut citharas et psalteria, in divinas laudes, ne videatur judaicare. (Angeführt von Wage mann. Gesch. der Orgel S. 103.) So schrieb ein Mann, dessen Schriften im 13. Jahrhundert in der katholischen Welt kanonische Bedeutung halten und dessen Lehrmeinungen durch die vom 4. August 1878 datirende päpstliche Encyklica auf's Neue als Norm für philosophisches Denken innerhalb der katholischen Christenheit erklärt wurde. So streng suchte die Kirche die Instrumente aus ihren Räumen zu verbannen, deren Gebrauch sie als eine Nachahmerin der Juden erscheinen lasten könnte. Und die Juden-! Mit Recht fragen wir mit Ludwig August Frankl: „Seit wann ist denn der jüdische Geist ein nachahmender? Ursprünglich in seinem Glauben an einen Gott, originell in seiner Geschichte, originell in seinen heiligen und weltlichen Dichtungen, warum soll er plötzlich zum Nachahmer der Kirche werden, der er nicht huldigt, die den Gebildeten viel mehr an die Schmerzensschreie seiner Glaubensgenosten während zweier Jahrtausende, als an Musik erinnert?" **) Mit Recht sagen wir mit demselben nichts weniger als orthodox jüdischen Dichter: „Die Orgel ist, wenn die Bezeichnung gewagt wird, das klingende Christenthum, die Gothik das gemauerte." Das Christenthum verzeichnet sogar ein Martyrium für die Orgel. Die später heilig gesprochene Cacilia soll nämlich (177) durch überirdische Eingebung die Orgel erfunden und dem Kirchendienst gewidmet haben. Sie starb oen Märtyrertod und ihr Leichnam, der anfangs in den Katakomben des „Calixtus in der Via Appia bestattet war, wurde später vom Papst Paschalis in der schon im 5. Jahrhundert ihr geweihten Kirche zu Testevere in Rom beigesetzt. Dieser Märtyrerin zu Ehren finden an vielen Orten am 22. November Musikaufführungen statt, und Händel hat zu diesem Zwecke die kleine „Oaecüie node" componirt. Besonders seit dem Aufschwünge der Kirchenmusik im 12. Jahrhundert und noch mehr im 16. Jahrhundert ist diese gloriftcirte Schöpferin der Orgel vielfach Gegenstand künstlerischer Darstellung geworden. An der Spitze derselben ist zu nennen das klassische Gemälde Rafael's in der Pinakothek zu Bologna und im Anschluste an dastelbe, die in der Gallerie zu Dresden befindliche Halbfigur der orgelspielenden Cacilia von Dolci. Die Attribute der „heiligen Cacilia" sind die Palme des Martyriums und die Orgel. — Man wird nun sagen: Das sind legendäre Erzählungen, die allenfalls der Phantasie der Dichter und Künstler willkommenen Stoff geboten haben mögen. L. A. Frankei in seiner vor dem isr. Vorstande in Wien gehaltenen, die Einführung der Orgel betreffenden Rede. (Angeführt in der bereits erwähnten Schrift des Dr. Lehmmann