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Der Israelit · 1897-12-23 · Heft 101 (23.12.1897) · page 21

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 101 (23.12.1897)
Date
1897-12-23
Page
– (sequence 21)
Language
German
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1989 schrocken zusammengefahren, hatte den Wildhüter mit großen Augen angesehen. War der Mann ein Jude? Wie kam ein Jude zu solch einem gefährlichen Amt? Mit verhaltenem Athem lauschte sie den trauten Lauten und als der Wildhütec die erste Benediktion beendet hatte, sagte sie mit lauter Stimme: „Omen!" Lächelnd blickte der Wildhüter sie an, ohne sich in seinem Gebet stören zu laffen. Scheoso nissim laawausenu bajomim hohem, baseman hasseh!" Und wiederum tönte es von ihren Lippen: „Omen!" „Schehechejonu, wekijmonu, wehigionu laseman haffeh!" „Omen!" Nun stimmte er das „Moaus zur jeschuosi" an und in Heller Freude stimmte sie mit ein, in Heller Freude erklang das Loblied an einem Orte, wo ganz gewiß noch nie das Chanukkalicht gebrannt hatte. Thränen liefen der Frau über die Wangen, Thränen netzten den Bart des harten Mannes, den der Allmächtige eben wieder aus großer Gefahr errettet hatte. Kaum waren die Verse verklungen, da erhob sich vor der Hütte ein Geheul, als ob die Hölle ihre Bewohner losgelaffen hätte. Es waren die Wölfe, die ihnen bis zur Hütte gefolgt waren und nun ihrer Opfer harrten. Bei diesem Geheul erbleichten die Beiden; nun wußten sie, in welcher Gefahr sie sich befanden. Aber keine Furcht beschlich sie. Das Bewußtsein, daß Gott einst unseren Vätern Schutz und Schirm gewesen, hielt auch sie aufrecht und sie hofften, daß Seine Hilfe auch ihnen zutheil werden würde. Da die Frau gesehen, daß sie bei einem Juden sich befand, nahm sie auch an dessen Abendbrod theil und nachdem sie gegeffen, erzählte Iwan, wie er zu dieser „hohen Stellung" gekommen war. Die Frau hörte aufmerksam zu und während es draußen stürmte, während draußen die wilden Bestien heulten, schwelgten sie in der Vergangenheit, erkannten sie die Wahrheit des Wortes: Kol jisroel achehem. Der Bruder hatte die Schwester gerettet! Der Onkel stand vor seinem Nichtchen und betrachtete es mit inniger Liebe. Sie erkannten sich erst, als die Schwester von ihrer Vergangenheit anftng zu erzählen. Nun war aber auch die Freude doppelt groß. Die Lichter waren längst erloschen, das entsetzliche Geheul längst verstummt, als die Schwester immer noch erzählte von der Heimath, von den Eltern, von den Geschwistern, von sich und ihrem Manne. Jwsn wurde nicht rnüde, zuzuhören und die Schwester nicht, zu erzählen. So saßen sie beieinander, bis der Morgen graute, bis die Schatten der Nacht entschwanden vor den Strahlen der Sonne. Am andern Tage half Sara, dies mar der Name der Schwester, Iwan bei seinen Arbeiten; obschon Iwan meinte, keiner Hilfe zu bedürfen, war ihm doch recht, daß er Jemand hatte, denn der Schnee lag so tief, daß er ihm bis unter die Arme reichte. Sie hatten beide tüchtig zu thun, bis alle Futterplätze mit frischem Futter versehen waren. Dann gingen sie wieder in die Hütte und erzählten einander, während draußen sich ein Schneesturm erhob, der es Jedem unmöglich machte, sich draußen zu bewegen. Immer höher häufte sich der Schnee auf die Hütte, immer dunkler wurde es, so daß sie Licht anzünden mußten am hellen Tage. Die Uhr Iwans zeigte die Stunde, da es Nackrt fein mußte, und wieder wie am gestrigen Abend flammten die Lichter auf, erklangen die uralten Weifen des Weihefesies von den Lippen der Geschwister. Nachdem sie endlich müde geworden waren, suchten sie ihr Lager auf. Iwan hatte seiner Schwester und dem Kinde ein herrliches Lager znrechtgemacht, während er selbst aus duftendem Heu sich es so bequem wie möglich machte. Draußen tobte der Sturm, heulte der Wind, drinnen in der Hütte schliefen die Geschwister ruhig den tiefen Schlaf der Gerechten. Sara erwachte zuerst. Das tiefe Dunkel, welches in der Hütte herrschte, wollte ihr gar nicht gefallen, und sie weckte erschreckt den Bruder. „Iwan", rief sie, „ich glaube, mir sind eingeschneit!" Iwan sprang sofort aus und er sah, daß seine Schwester Recht haben mußte. Seine Uhr zeigte die elfte Stunde. Was wollten sie thun? Iwan versuchte, die Thüre zu öffnen, aber der Schnee, der davor lag, gestattete es nicht. Nun kletterte er auf den Heuboden ^der Hütte, auch das Dach war vollständig eingeschneit.!,Nur da, wo der Schornstein sich befand, war eine trichterförmige Oeffnung, welcher der Luft den Zutritt gestattete. Wenn der-Schnee auch diese verschüttete, waren sie verloren, waren sie lebendig begraben. Iwan fürchtete sich nicht. Sein Gottvertrauen war groß und er sagte: „Wer weiß, vor was Haschem jisborach uns schützen will, daß er uns in die weiße Gruft gesenkt hat." Tag und Nacht brannten sie Licht und ließen

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