Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 101 (23.12.1897)
- Date
- 1897-12-23
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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1937 aber als er die Zusage des Inspektors hatte, daß er den Posten des Wildhüters erhalten solle, war er getrost. Er fürchtete die Arbeit nicht, bedurfte der Menschen nicht und freute sich schon daraus, seine freie Zeit seinen Büchern widmen zu können. Nun hatte er sein neues Heim bezogen, hatte sich in dessen Umgebung orientiert und wußte, daß er drei Monate wenigstens ganz allein war. Allein! Die schauerliche Einsamkeit, welche uns erschrecken würde, ihm war sie ein Bedürfniß, die schrecklichen Stürme des Winters, welche uns in das Haus treiben, ihn sollten sie hinausführen, um seine Pflicht zu erfüllen, das Wild zu hegen. Man muß in der Umgebung einer großartigen Natur ausgewachsen sein, um begreifen zu können, daß Iwan sich da glücklich fühlte, wo jeder andere verzweifelt wäre! Man muß seine Liebe zu seinen heiligen Büchern kennen, nm zu verstehen, wie er sich auf die freie Zeit freute, welche ihm-zum Studium blieb. Bald hatte sich das Wild, welches sich anfangs scheu vor ihm flüchtete, an ihn gewöhnt und sobald er seinen Gesang ertönen ließ, erschienen an den Futterplätzen Hirsche und Rehe, welche mit der Zeit so zutraulich wurden, daß er sie hätte berühren können. Hie und da merkte er wohl die Spur eines Wolfes, aber noch hatte er kein solches Raubzeug zu Gesicht bekommen. So war der Monat Kislew gekommen. Der Schnee lag haufenweise auf den Waldbäumen und mancher starke Stamm unterlag der weißen Last. Weithin hörte man in der majestätischen Stille das laute Krachen, mit welchem ein solcher Zusammenbruch erfolgtees lautete wie Gewehrfeuer und anfangs hatte es Iwan auch dafür gehalten. Tag um Tag fiel der Schnee in dichten Flocken, so daß er alsbald fast die Hütte überdeckte und dieselbe in Dunkelheit hüllte. Jwau mußte nun Tag und Nacht arbeiten, um sich den Ausgang frei zu halten, denn es schneite unaufhörlich. Die Wege zu den Futterplätzen des Wildes waren nicht mehr aufzufinden und so erschien das Wild in der Nähe der Hütte. Durch das Erscheinen des Wildes wurde auch Raubzeug herbeigezogen und Iwan mußte sehen, wie vor seinen Augen ein junges Reh von den Wölfen gefressen wurde. Nun machte er Jagd auf das Raubzeug und nahm auf seinen Gängen sein Gewehr immer mit. Diese Jagdgänge führten ihn bis an die Landesgrenze, wo sich eine. Straße über das Gebirge zog. Diese Straße wurde wenig benützt, denn sie machte einen großen Umweg und wer sie benützen mußte, beeilte sich, denn man erzählte sich gar Mancherlei, was auf derselben geschehen sein sollte. Iwan hatte schon oft Leute auf der Straße getroffen, welche mit schweren Packen beladen, die Richtung nach dem Auslande einschlugen. Anfangs hatten sie sich vor ihm geflüchtet, als sie aber sahen, daß er sie kaum beachtete, setzten sie ihren Weg unbeirrt fort. Es waren Schmuggler, welche ihr gefährliches Gewerbe hierher führte und welche den Winter benutzten, weil sie um diese Zeit die Grenzbeamten am wenigsten zu fürchten halten. Es war am zwanzigsten des Monats, an dem Tage, da das Chanukkafest feinen Anfang nimmt, als Iwan auf einem feiner Gänge nahe an der eben genannten Straße ein armes Weib traf, welches einen Säugling auf dem Rücken hatte und sich kaum mehr weiter schleppen konnte. Es war gegen Abend und ein eisiger Nord blies von der Höhe. „Wohin des Weges?" fragte er das Weib. „Ueber die Grenze." „Bor Dunkelwerden werdet ihr nicht da fein; außerdem ist der Weg sehr beschwerlich und Wölfe sind in der Nähe; nehmt Euch in Acht!" „Großer Gott," ries das Weib aus, „was soll ich thun? Zurückkehren kann ich nicht mehr, vorwärts darf ich mich auch nicht wagen, was soll aus mir, aus meinem armen Kinde werden!" In Verzweiflung rang sie die Hände und die Thränen liefen über ihre Wangen. „Nehmt mich mit!" bat sie, „gebt mir ein Nachtlager, der liebe Gott wird es Euch lohnen!" „Wenn Euch ein Heuschober gut genug ist und Ihr den weiten Weg zu diesem nicht scheut, soll es mir recht sein." „Ich kann überall schlafen, wo ich sicher bin, daß meinem Kinde keine Gefahr droht," entgegnete die Frau und sah Iwan bittend an. „So kommet mit!" Sie wandten sich rechts von der Straße ab, gingen durch den Wald, der in geheimnißvoller Stille vor ihnen lag. Der Weg machte ihnen beiden so viel zu schaffen, daß sie kein Wort miteinander reden konnten. Der Abend senkte sich immer mehr herab und die Stille de- Waldes wurde immer drückender. Hie und da huschte ein Nachtvogel an ihnen vorbei, hie und da hörten sie den bekannten Schrei des Uhu und des Käuzchen-. Sie gingen wortlos hinter einander her. DaS arme Weib fing an zu keuchen, denn die leichte Last des Kindes begann ihr schwer zu werden. „Gehe ich Euch zu rasch?" fragte Iwan stehenbleibend. Doch noch ehe das Weib ihm antworten konnte, hatte er dasselbe am Arme erfaßt und zur Seite