Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 101 (23.12.1897)
- Date
- 1897-12-23
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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1986 Und so war Iwan Wildhüter geworden, hatte sich für den Winter verproviantirt, und alles, was er hatte, in sei« kleines Häuschen gebracht. Außer der nöthigen Kleidung, einer Ziege, hatte er nur noch eine schwere verschlossene Kiste, deren Inhalt den Knechten, welche ihm seine Habseligkeiten auf das Gebirge brachten, viel Kopfzerbrechen machte. „Jk glänw," sagte der eine, „dar ist Gold in!" „Du bist wohl nicht ganz klauk!" versetzte der Andere, „wer so vel Gold halt, der brukt nicht mehr tau deinen. Wer weit, wai de Rübezahl für Zauberinftromenten dorin hatt!" „Meinst Du?" Und so rasch sie nur konnten, machten sie sich fort aus der Nähe des seltsamen Mannes. Iwan war froh, daß er allein war, und er machte sich gleich daran, die geheimnißvolle Kiste auszupacken. Hätten die Knechte geahnt, daß die Kiste nur Bücher enthalten hätte, wahrlich, sie wären nicht so kopfüber nach Hause geeilt und hätten sich mit Weihwasser besprengt, um die Macht des Teufels zu bannen. Bald hatte sich Iwan häuslich eingerichtet, und da er jetzt noch nichts in seinem neuen Beruf zu thun hatte, machte er sich mit der Oertlichkeit bekannt und fing des Abends an, in seinen Büchern zu studieren. Der Winter stellte sich aber bald ein. Die Schneewehen waren früher da. als Iwan erwartete. Nun begann sein schwerer Berus. Er hatte die Futterplätze alle vom Schnee frei zu Hallen, jeden Morgen und jeden Abend das Heu, welches sich in der Nähe seiner Hütte aufgespeichert befand, an die verschiedenen Futterplätze zu besorgen. Dem starken Manne war diese Arbeit eine Leichtigkeit, und singend verrichtete er dieselbe. Er war froh, den Menschen entronnen zu sein, welche ihm so Vieles angethan hatten. Er war in einem Lande geboren, welches die Juden als Bürger zweiter Klaffe betrachtet, und ihnen die vom Gesetz gewährleisteten Rechte vorenthält. Seine Eltern waren arme Bauersleute, welche kaum so viel hatten, um die große Kinderschaar, mit welcher sie gesegnet war, zu ernähren, und deshalb war er schon frühe an harte Arbeit gewöhnt worden. Dabei hatte er jedoch nicht versäumt, das Studium in den heiligen Büchern zu pflegen, und war gerade im Begriff, den Anschauungen jenes Landes entsprechend, sich zu verloben, als man ihn zum Militär aushob. Auch diese Zeit war vorüber, und Iwan erschien wieder in dem heimathlichen Dorfe. Dort hatte sich in den drei Jahren Vieles verändert. Die Eltern waren gestorben und die Geschwister in alle Winde zerstreut. Mit thränenden Augen stand er vor der elenden Hütte, welche seine Eltern bewohnt hatten, und hörte die Mittheilungen, welche ein guter Freund ihm machte. Was sollte er zu Hause, in jenem elenden Dorfe thun? Das junge Mädchen, welches er sich gewählt hatte, war längst das Weib eines anderen geworden und lebte an deffeu Seite ein Leben, wie alle übrigen des Dorfes, ein Leben voller Arbeit, voller Mühsal, ein Leben des Elends. Da beschloß er auszuwandern und in einem fremden Lande sein Brot zu verdienen. Er wandte sich nach Deutschland. Hier, meinte er, sei es leicht, Arbeit zu bekommen und den Gesetzen feiner Religion gemäß leben zu können. Von Ort zu Ort wanderte er und suchte Arbeit; aber nirgends wollte mau den Inden beschäftigen, wenn er nicht auch am Sabbat arbeiten wollte. Wie oft schon hatte er bk Arbeit niedergelegt und aus den verdienten Lohn verzichtet, wenn am Freitag Abend der König Sabbat erschien und man ihm nicht gestatten wollte, ihn gebührend zu empfangen! Dabei lebte er durch die Spersegesetze beengt wie ein Bettler, aß nur Brot und trank Waffer, so daß er "immer mehr herunter kam. So hatte er ein Städtchen erreicht, wo ihn eine Krankheit niederwarf. Er wurde in das allgemeine Spital gebracht, woselbst er sich weigerte, die ihm verabreichte Kost zu genießen. Auch hier lebte er nur von Brvd und Waffer, zum Aerger und Entsetzen der Aerzte, welche ihn so rasch wie möglich wieder aus dem Krankenhanse wiesen. Nun wandte er sich nach Berlin. Aber das Leben in der deutschen Neichshauptftadt gefiel ihm nicht. Er vermißte die Wälder und Fluren, ihm fehlte der frische Geruch des Feldes, so daß es ihn wie Heimweh erfaßte nach der Arbeit, die er seit seiner Kindheit gewohnt war. Der Abschied von Berlin schmerzte ihn nicht. Er athmete frei auf, als er das Weichbild hinter sich ließ und wohlgemuth ging er seines Weges. Wie der geschätzte Leser erfahren hat, fand er endlich Arbeit und das Erste, was er that, war, sich seine Bücher, die er bei einem Glaubensgenossen lagern hatte, kommen zu lassen. Iwan war glücklich, wieder ein regelmäßiges Leben führen zu können; daß er in Bezug auf Essen und Trinken nur das Allernothwendigfte sich gestatten konnte, genierte den genügsamen Menschen nicht. Am Sabbat erschien er in der Synagoge des nächsten Dorfes und hie und da wurde er von mildthätigen Glaubensgenossen zu Tisch eingeladen. Das waren dann Lichtblicke in seinem erbärmlichen Leben. Der nahe Winter hatte ihn wohl beunruhigt,