Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 101 (23.12.1897)
- Date
- 1897-12-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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J 920 Autorität» n aus dem Gebiete der Kirchenmusik und ihrer Geschichte, und andere, wie Rielschel und Ritter, sind derselben Ansicht. Zu solch hoher Bedeutung zunächst für die katholische Kirche gelangte indesien die Orgel erst im 12. Jahrhundert. Zwar wird vom Historiographen der römischen Päpste, Platina, gemeldet, Papst VitalianuS (6d7—v72) habe verordnet, daß der Gesang der Kirche mit der Orgel zu begleiten sei. Doch wird diese Angabe von Wangemann (a. a. O. S. 38) auf Grund ernster Forschung bezweifelt. Ebenso leugnet becfelbc Musikhistoriker, was Fortunat „mit großer Dreistigkeit" behauptet, daß nämlich schon ’ 555 in der Kirche zu Paris eine Orgel gebraucht wurde, da cs feststehe, daß erst im Jahre 757 der byzantinische Kaiser ConstantinuS CopronimuS dem König Pipin d. k. für die Kirche S. Corneille in Compiegny eine Orgel schickte und Carl der Große von Fürst Michael eine solche erhielt." (Wangemonn a. a. O. S. 40—43.) „Im 0. Jahrhundert wurden die Orgeln auch in Deutschland (als Schulmstrument in manchen Klöstern) bekannt und vom 10. Jahrhundert an wurden für die Hauptkirchen der bedeutendsten Bischofssitze Deutschlands, z. B. Frcystng, München, Aachen, Halberstadt Orgeln beschafft." (Zimmer a. a. O. S. 90.) Jedoch erst im 12. Jahrh., da in Deutschland nach und nach die Wallfahrt--, Marien-, Ostern-, Psingst- und Bußgesänge in Flor kamen, entwickelt sich aus diesen ein Gemeindegefang, der infolge Zulasiung der Landessprache zum Gottesdienste, in der Kirche immer heimischer wurde. Die Wallfahrtslieder hielten in den Kirchen ihren Einzug, und da zeigte es sich, daß bei dem gemeinschaftlichen G. sänge der Menge die Melodiken schleppend wurden uno einer belebenden und zugleich taktgebenden Begleitung bedurften. Zur Begleitung des Gemeindegesanges wurde nun allgemein das Orgelspiel erwählt und dessen Figuration zu großer Künstlichkeit entwickelt. — Den ganz ähnlichen Entwicklungsgang nahm später, im l6. Jahrh., das Orgelspiel in den protestantischen Kirchen, in welchen die Vorbedingung desielben, der Gemeindegesang in noch höherem Maße vorhanden und zu deutschen Chorälen ausgebildet war. Vom rezilativifchen Psalmgesang sagt Zimmer (a. a. O. S. 135), daß bei jelbe von den Hebräern in die christlichen Gottesdienste übergegangen und so dieser Form „hier und da gebräuchlich" sei. Von diesen von den Hebräern überkommenen G e sä n g e n (Liturgengesänge) sagt er aber auch zugleich, daß die Orgelbegleirung für dieselben unpaffend sei, und daß sie „am besten ohne Begleitung angeführt werden" (ibid.: &. .137), V Hingegen ist derselbe aus,diesem Gehrte autoritative Verfasser ganz begeistert von dem den Gemeindegesang begleitenden Orgelspiel und er sagt: „Die wichtigste Seite des begleitenden Orgelspiels ist die Begleitung und Leitung des Gemeindeg e s a n g e s. Die Orgel gewährt dem einstimmigen Gemeindegesange melodischen und rhythmischen Halt." (a. a. O. S. 121) Aus dieser in der größten Kürze vorgeführtcn Entwicklungsgeschichte der Orgel muß jeder Unbefangene erkennen, daß die Orgel, die von der Kirche „das Instrument der Instrumente" genannt wird, ihrer Natur nach und von Hause aus im Dienste der christlichen Kirche stand und noch steht und daß sie einen intcgrirenden Theil des christlichen Kultus ausmacht. Auf kirchlichem Boden ist das Orgelspiel erwachsen und in demselben Boden wurzelt es bis auf den heutigen Tag. Nirgends, weder in der Moschee noch in der Synagoge ist, wie in der Kirche, die Vorbedingung des Orgclspicls in den von der Gesammtgemeinde gesungenen Liedern gegeben. Im heiligen Tempel zu Jerusalem gab es einen Priester- und einen Levitendienft, aber keinen Gesang der Jsraelsgemeinde und keine Musik, die einen solchen Gesang begleitet hätte. In der Tendenz der christlichen Lehre und ihres Kultus liegt eben die Nivellirung der in der Naiur des irdischen Menschen wurzelnden Eigenthümlichkeiten im Denken und Empfinden, angesichts des verkündeten gleichmachenden Himmelreiches. Das Judenthum hingegen will individualisiren, cs will nicht jene Entäußerung der Einzelart, sondern die Selbstverticsung des Einzelnen in sein eigenes Empfinden und seine Selbstbearbeitung im gefüllten Gotteshause sowohl, wie im stillen Kämmerlein. Der jüdische Kultus kennt keinen Gemeindegesang während des Gebetes, und auch das Christenthum kannte diesen während des ersten Jahrtausends seines Bestehens nicht. Erst um die Zeit der Wallfahrts- und Marienlieder übertrug sich diese Gesangesart, an der Greise und Kinder, Jünglinge und Jungfrauen, Männer und Frauen Mitwirken auf die Kirche und um dieselbe Zeit hielt die Orgel in der Kirche ihren Einzug, um da ihr Spiel, als die nothwendig gewordene Begleitung von Kantaten und Passionsliedern zu immer größerer künstlerischer Vollendung zu bringen. Es ist auch nicht Zufall, daß die Orgel in der Kirche mit dem gothischen Bauftyle an der Kirche fast gleichzeitig auftrcten.*) Während die Gothik die Kirche himmelwärts aufstrcben läßt, läßt die Orgel den in der Kirche Betenden ihre Töne „wie Stimmen aus einer andern Welt erscheinen" (Zimmer a. a. O. S. 93'. Es ist also nicht wahr, daß die Kirche ihre Musik mit den Psalmen und Hymnen vom Tempel zsi Jerusalem übernommen habe- In diesem Falle *) Der qothische Bauftyl datirt in Deutschland von der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts.