Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 100 (20.12.1897)
- Date
- 1897-12-20
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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als wenn der Rabbiner, das religiöse Oberhaupt selbst, leichten Herzens Konzesstonen aller Art macht, wenn er erlaubt und erleichtert, abschafft und aurmerzt? Er giebt damit vielmehr der großen Masse eine stillschweigende Bestätigung ihres Abfalls, und je mehr er ihnen ausdrücklich erlaubt, vielleicht mit einer Art Begründung und Rechtfertigung, desto mehr erlaubt sich die große Masse von selbst, ohne Begründung und oh n e Rechtfertigung. Man merkt ja, daß von oben Konzessionen gemacht werden l Was liegt näher, als daß man sie sich selbst in tausend Dingen macht, wo sie eine schwere Sünde darstellen? So wurde und wird durch die „freisinnigen" Anschauungen und ihre offiziellen Vertreter die religiöse Gewistenhaftigkeit vernichtet oder zum Wenigsten auf ein Minimum herabgedrückt, so hat man dem Abfall Thür und Thor geöffnet und die Entfremdung und den JndifferentismuS förmlich mit eifrigen Armen herbeigewinkt! Und nun kommt man und schiebt uns die Schuld für die beklagenswerthen Zustände zu und verkündet es als einen Triumph, daß in Gemeinden mit orthodoxer Spitze die Entfremdung am stärksten fei. Jawohl, traurig ist's, unsagbar traurig, daß die Verhältniffe in orthodox geleiteten Gemeinden sich nicht bessern; aber dar ist nicht etwa ein Beweis für die Schwäche und Unhaltbarkeit orthodoxer Anschauungen, — nur der Neid und der verbiffendste Haß kann einen solchen Schluß zu ziehen wagen — sondern es ist, nach dem Gesagten, nichts anderes als ein Beweis dafür, wie tief das zerstörende Gift bereits eingedrungen ist, welches die Helden der Reform in den Körper de- Judenthums gesenkt haben. Und wenn nun der Artikelschreiber im Anschluß an die obige Behauptung noch die wertere aufstellt, daß in den meisten Fällen „die orthodoxen Rabbiner nur die Platzmacher seien für das entgegengesetzte Extrem, das nach ihnen kommen wird", d. h. in bürren Worten, daß die orthodoxen Rabbiner ihre Gemeinden in das Lager der äußersten Reform hineindrängen, so kann man dazu nichts weiter sagen, als: das ist eine Behauptung, die nur der blasse Neid diktiert hat, der Neid darüber, daß in der letzten Zeit bedeutende Gemeinden sich orthodoxe Rabbiner genommen haben, das ist eine Behauptung, die nur den Zweck haben soll, die orthodoxen Rabbiner in den Augen unserer Gemeinden zu diskreditieren, daist eine Behauptung, die nur die Feder jenes Skribenten niedergeschrieben hat, an die er aber selbst in seinem innersten Herzen gar nicht glaubt. Wir sehen somit, daß jene Mehrheit, die man triumphierend hervorbebt, nimmermehr ein Beweis sein kann für die Wahrheit und die Größe der von ihr vertretenen Anschauung. Ja, wenn wir auch für einen Augenblick dar Zugeftandniß machen wollten. daß es immerhin etwas bestechendes hat, wenn ein Gedanke eine so große Anzahl von Anhängern fein eigen nennt, so verliert doch ein solches Zugeständniß dieser Mehrheit gegenüber alle Bedeutung, da wir erkannt haben, daß zu ihrem Zustandekommen keineswegs ein mächtiger, bezwingender Zug tiefster Ueberzeugung beigelragen, sondern eine Reihe von Instinkten untergeordneter Art, daß es somit durchaus kein Wunder zu nennen ist, wenn sie zustande kommen. Im Gegenlheil, ein Wunder wäre es zu nennen und würde ewig unverständlich bleiben, wenn die „freisinnigen" Ideen in ihren letzten Konsequenzen nicht eine so große Gefolgschaft gewonnen hätten. Ist es doch etwas ganz Natürliches, daß die Menschen sich denen anschließen, die es ihnen leicht machen, daß sie lieber in den Spuren derer wandeln, die weder Opfer an Geld noch Opfer an Bequemlichkeit, weder Opfer an Vergnügen noch Opfer an Ehre von ihnen verlangen, als den Spuren der anderen, die ihnen einen dornenreichen und entsagungsvollen, allerdings auch tief beglückenden Weg zeigen! Uns aber ist die erfreuliche Thatsache, welche den Artikelschreiber so in Harnisch bringt und ihm überhaupt die Feder in die Hand gedrückt hat, die Thatsache, daß in den letzten Jahren eine ganze Anzahl, zum Theil bedeutender, Gemeinden orthodoxe Rabbiner an ihre Spitze berufen haben — uns ist diese Thatsache eben nichts anderes als embeuiUfyev Beweis dafür, daß wir jene Mehrheit in ihrem wahren Werte richtig erkannt und beleuchtet haben. Es wirb instinktiv gefühlt, daß man es nur in orthodoxen Kreisen wahrhaft ernst meint mit dem Judenthum, daß nur in ihnen, wenn sie auch die Minderheit ausmachen, jene aufrichtige Begeisterung lodert, welche am letzten Ende doch allein zum Siege zu führen vermag. Das ist der „Zug nach Rechts," den der Artikelschreiber leichten Herzens mit einer rhetorischen Frage ableugnet! Wir erkennen ihn und freuen uns ferner und begrüßen in ihm den Vorboten, die Morgenröthe einer besseren Zeit. Israel wird erwachen aus feinem Schlafe, der Traum des Propheten wird herrliche, tageshelle Wirklichkeit! Deß ist uns Chanukka unwiderlegliches, schönste» Zeugniß! Wir verstehen seine Lehren, und wenn wir in diesen Tagen die Leuchter mit den Lichtlein an die Fenster setzen, um aller Welt zu verkünden, welche Wunder Gott an seinen Getreuen übt, dann dringe auch die Kunde hinaus, daß wir gleich den Makkabäern zwar eine winzige Minorität sind, aber trotzdem durch die Macht unserer Begeisterung und unserer Ueberzeugungstreue unüberwindlich sein werden, denn bk '2 hm b'n2 nb. „Nicht durch die große Zahl und nicht durch die äußere Kraft, sondern allein durch Gottes Geist!"