Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 100 (20.12.1897)
- Date
- 1897-12-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XZITHL Jahrgang. 5-, yry»*■ w' - 7--»-./~ ..t-.. Wäge M M 100 des Jbouttf. Leitender Artikel. Der Tramn des Propheten. Ium Chanukkafeste un üie Adreffe der „Areistnnigen" von Rabbiner Dr. Ackermaritt, Brandenburg a. H. Das sind die Beweggründe, die tieferen Veranlassungen, welche jene Mehrheit auf die Seite der „Freisinnigen" getrieben haben, bei dem Einen ill'S Bequemlichkeit, bei dem Anderen Gewinnsucht, bei dem Dritten Leichtsinn, bei dem Vierten Stolz und Hochmuth; nirgends jene echte Begeisterung, die aus dem Herzen quillt, jene tiefe Kraft klarer Ueberzeuzung, deren Wirkungen wir anerkennen und bewundern müßten, auch wenn sie auf Jrrthum beruhte. Dagegen sehet Euch unsere Minderheit an, da findet Ihr vor allen Dingen eine Opsermilligkeit und Opferfreudigkeit, die oft genug ihr Letztes und Liebstes hingibt für Gott und Glauben: Bietet einem Vertreter unserer Minderheit alle Schätze der Welt und er wird nicht einmal ein rabbinisches Verbot übertreten — indeß Eure Anhänger oft genug um eines recht zweifelhaften Gewinnes willen das biblische Gebot mit Füßen treten, weches besagt: „Der siebente Tag fei ein Ruhetag dem Ewigen, deinem Gotte!" Erschweret einem von uns die Möglichkeit, ein göttliches Gebot zu erfüllen, und er wird kein anderes Sinnen und Trachten kennen, als wie er über das Hinderniß hinwegkomme, er wird tausend Mühen, widerwärtige Unbequemlichkeiten aller Art willig hinnehmen, wird die Steine, die ihm im Wege liegen, mit Aufbietung aller Kraft forträumen, bis er siegreich durchgedrungen ist zu seinem Gotte — indes Eur e Gewährsmänner gleich dem Wanderer im Sonnenbrand den lästigen Mantel leichten Herzens von den Schultern nehmen, weil er ihnen unbequem geworden und sie am schnellen Fortkommen hindert! Und das kommt daher, weil die Euren zum Anschluß an Eure Gemeinschaft nur durch gewöhnliche, durch tadelnswerthe Instinkte veranlaßt werden, indes den Unseren die reine Kraft überzeugungsfeften und überzeugungstreuen Glaubens waltet! Und darum ist es ein u n q u a l i f i z i e r b a r e s Vorgehen, eines, .das sich selber richtet und das nur schlecht für die Güte der Sache spricht, der es gelten soll, wenn der Schreiber des berührten Leitartikels die ungeheuerliche Behauptung schlankweg aufstellt, „daß nirgends der Verfall und die Entfremdung so überhand nehmend sei als gerade in Gemeinden mit orthodoxer SpiH e!" Das ist ein verleumderisches Wort, auf welches die gebührende Antwort nicht ausbleiben soll. Man beweise doch diese Behauptung, man nenne doch auch nur eine einzige Gemeinde, die einen orthodoxen Rabbiner hat und in der der Abfall mehr überhandnehmend ist als in Gemeinden mit freisinnigen Rabbinern! Und wenn man im Stande ist, den Grad des Abfalls so genau zu mesien, wie es der Artikelschreiber sich zuspricht, dann beweise man doch erst, daß an dem Ueberhandnehmen des JndifferentiSmus der orthodoxe Rabbiner die Schuld trage und urtheile nicht nach dem verderblichen Grundsatz: post hoc ergo propter hoc! Wohl, ich gestehe Euch zu, daß Gemeinden mit orthodoxen Rabbinern da sind, in denen die Entfremdung eine überstarke ist, — meine eigene Gemeinde ist, Gott sei es geklagt, ein Beispiel dafür — aber ift es die Schuld dieser orthodoxen Rabbiner, wenn ihre thatkräftigen Bemühungen ohne Erfolg bleiben, wenn ihr unermüdliches Kämpfen für die Aufrechterhaltung der religiösen Güter auf einen unüberwindlichen Widerstand stößt, wenn die Entfremdung so stark ist, daß keine Macht der Welt, am allerwenigsten die beschränkte Macht des Rabbiners,' ihr Einhalt zu thun vermag? Nimmermehr! Aber ich will es Euch sagen, wer die Schuld daran trägt: Kein anderer als die „freisinnigen" Rabbiner oder, bester gesagt, der verderbliche Geist, der durch sie seit Jahrzehnten in die Mitte des Judenthums hineingetragen wird. Die Rabbiner sind Wächter, heilige Wächter für die heiligsten Güter. Nun denn, die „freisinnigen" Rabbiner sind, seitdem sie existieren, seit je schlechte Führer ihres Wächteramtes gewesen, sie haben dem Feinde selbst die Zugänge zur Zerstörung derselben heiligen Güter gewiesen, deren Bewachung ihnen oblag. Oder was ist eS anderes als eine sträfliche Vernachlässigung seiner Aufgabe, wenn der Rabbiner der religiösen Leichtfertigkeit seiner Genreinde selbst entgegenkommt mit der eigenen Skrupellosigkeit, wenn er durch eine schlaffe Nachgiebigkeit in heiligen Dingen seiner Gemeinde förmlich den Gedanken aufzwingt: „Man braucht es nicht so genau zu nehmen!" Die große Maffe schaut nun einmal auf den Rabbiner, er ist es, zu dem sie verehrungsvoll aufblickt, von dem sie in allen Dingen die Ansicht hat, daß er „es doch wissen" müsse. Zugleich aber ist die große Maffe in religiösen Dingen zu nichts leichter geneigt als zur Mchlästigkeit, zur Ungenauigkeit. Sie empfindet die Opfer, welche die Religion auferlegt, die mancherlei Unbequemlichkeit, welche sie im Gefolge hat, am tiefsten! Kann es da etwas Gefährlicheres geben, etwas, das den „Abfall und die Entfremdung" immer weiter überhand nehmen läßt,