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Der Israelit · 1897-12-20 · Heft 100 (20.12.1897) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
38 (1897)
Issue
Heft 100 (20.12.1897)
Date
1897-12-20
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Keuweto«. Der Meschores. «H— Von I. Potapenfo. 1) [2lJDfc Rechte Vorbehalten.^) Heule ist Jzka's Kopf so voll von Gedanken, daß eS varin nur so brummt und summt wie in einem Bienenstock. Beiläufig gesagt, besitzt Jzka einen so kleinen Kopf, daß er Kindermützen tragen muß. Er verwundert sich selbst, wie so ein winziges Köpfchen eine solche Fülle von Gedanken aushalten kann, ohne zu zerspringen. Ja, Jzka hat heute schauderhaft viel zu bedenken und zu besorgen. Freilich ist es nicht zum ersten Mal in seinem Leben so; er ist schon^daran gewöhnt, aber dennoch verwundert er sich. Jzka hat schon eine lange, lange Jahrenreihe hinter sich, was auch sein scheeweißer Bart beweist. Würde er alle die Lenze zählen, die über seinem Köpfchen hinweggerollt sind, so kämen wohl über sechzig heraus. Er liebte aber nur Geld zu zählen, und da er nun leider kein Geld besaß, so zählte er gar nichts. Ja, viel Wichtiges steht dem Jzka heute bevor zu thun, und er wird es auch alles thun — mit der ihm eigenen Gewiffenhaftigkeit, er fürchtet sich eigentlich auch gar nicht davor. Er hat auch nicht die geringste Angst vor Bvruch, mit dem er gestern in Streit gerathen war. Was da, Boruch! Boruch kann ihm weiter nichts schaden, wie auch er, Jzka, demselben Boruch nicht schaden möchte. Nein, Jzka fürchtet Niemand, außer den Herrn Frankel. Herr Frankel ist der Gafthauswirth, bei dem er angestellt ist, und der kann machen was er will. Gestern Abend war Herr Frankel sehr böse geworden und schrie: „Ich erlaube das nicht. Ich verjage Euch alle beide, wenn Ihr nicht gleich aufhört!" Verjagen kann er, wen er will, dagegen ist nichts zu thun. An der Geschichte war eigentlich nur Boruch schuld. Jzka hatte wirklich keine Schuld dabei. So ein merkwürdiger, komischer Mensch dieser Boruch! Lebt doch schon so lange auf der Welt, daß es Zeit wäre klug zu werden, wird es aber immer nicht. Darum hat er auch so schlechte Praxis. Anstatt sich ordentlich Mühe zu geben, etwas zu verdienen und an das zu denken, was nothwendig und möglich ist, denkt er nur an das, was nicht ist und nie werden kann. Er träumt mit offenen Augen. Srul (dieser schreckliche Srul, schrecklich durch ferne Klugheit und Gewandtheit, schrecklich also als Konkurrent) schleppt ihm alles unter der Nase weg, reißt ihm alle Geschäfte aus den Händen. Gestern äußerte der Offizier, der im Gasthaus die Nr. 23 einnimmt, den Wunsch, tausend Stück Papiros*) zu kaufen — womöglich gut und billig. So ein Auftrag ist leicht zu erfüllen, und Boruch hätte dabei wenigstens sechzig Kopeken verdienen können, d. h. Boruch mit seinem Hühnerverstande — ein anderer bringt den Verdienst noch höher. Das hat denn Srul auch diesmal bewiesen. Boruch lief in die Bude und brachte taufend Stück „Generalgouverneursche" Papiros, der Offizier aber nahm sie nicht an und sagte, daß er sie dort, in der Bude, selbst hätte kaufen können, ohne Boruchs Hilfe. Ehe Boruch noch zu Worte kam, war Srul schon da mit Papiros ohne Benennung und ohne — nun, das ist sein Geheimniß — und verdiente dabei im Handumdrehen einen ganzen Silberrubel! Ja, Srul ist ein kluger Gesell — sehr klug, sogar zu klug! Die gestrige Geschichte mit Boruch fing wegen einer solchen Kleinigkeit an, daß man sich eigentlich schämen muß; wegen der Obristin StydowSkaja. Als ob die Obristin ein paar alte Stiefel sei, die man für einige Kopeken verkaufen oder für einen irdenen Pfeifenkopf hingeben könne. Jzka practicirt schon Jahrelang bei der Obristin. Er kann nicht sagen, daß es unvortheilhaft sei, im Gegentheil, er verhehlt es vor Keinem, daß die Obristin eine der besten Kundinnen ist. Sie kommt zweimal monatlich zur Stadt, und Jzka verdient bei ihr jedes Mal wenigstens drei Rubel, zuweilen aber auch vier, fünf und sogar — obqteidj selten — sechs. So viel in zwei Tagen zu verdienen, ist nicht übet, das muß Jeder sagen. Freilich muß Jzka diese zwei Tage vom frühen Morgen bis zum späten Abend für die Obristin in der ganzen Stadt umherlaufen und hat darum keine Minute übrig für andere Praxis. Alle Kräfte und Säfte saugt die Obristin ihm ans in diesen zwei Tagen, aber darum bezahlt sie auch nobel, läßt einen nicht umsonst sich abmühen, wie es zuweilen andere Herrschaften thun. Und da hängte sich gestern Boruch an ihn und sagte: „Jzka, tritt mir die Obristin ab." Jzka sah ihn an wie einen Verrückten. Erst dachte er, daß es nur so ein dummer Scherz von Boruch sei, aber Boruchs Gesicht und Augen waren in diesem Augenblick ganz ernst und sogar — vernünftig. Da sprach Jzka: „Das gefällt mir, Boruch! Warum verlangst Du nicht, daß ich Dir meinen Kaftan — meinen ersten und letzten — abtrete, was?" „Nein, Jzka, Deinen Kaftan gebrauche ich nicht, da ich selbst einen habe, aber die Obristin — das *) Cigaretten.

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