Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 100 (20.12.1897)
- Date
- 1897-12-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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1909 ist etwas andres. Du hast schon genug von ihr verdient, laß nun einen anderen." „Boruch, Du bist wohl wirklich von Sinnen! Weßhalb soll ich einem anderen mein Glück abtreten? Das thm kein Mensch . . . höchstens nur ein vollständiger Narr." „Ich verlange es nicht umsonst, ich will Dir eine gewisse Summe dafür bezahlen. Ich kann Dir sogleich fünf Rubel geben und nachher noch fünf." „Laß mich in Ruhe, Boruch, mit solchen Dummheiten l" Aber Boruch ließ ihn nicht in Ruhe. Er wollte zu der Abstandssumme noch zwei Rubel zulegen, und war ganz außer sich, als Jzka auf dies, seiner Meinung nach glänzendes Anerbieten, nur stumm die Achsel zuckte. Das ist nun eigentlich ganz natürlich — wer möchte denn nicht einen sicheren Verdienst haben? Boruch rang wie verzweifelt die Hände, schlug sich an die Brust, riß an seinem Bart und weinte. Er sagte, daß er elf Kinder habe und nicht im Stande sei, sie zu ernähren (das ist wahr), begann zu schreien, zu schimpfen, zu fluchen und erhitzte sich immer mehr, so daß er schließlich in gräßliche Drohungen gegen Jzka ausbrach. „Ich erschlage Dich, wie einen räudigen Hund, der Du auch bist!" schrie er in voller Wuth mit schäumendem Munde und wildrollenden blutunterlaufenen Augen. Jzka wußte nicht, was er machen und was er taffen sollte. Der ganze Spektakel ging unten in dem halbdunklen Korridor des Gasthauses vor, wo Jzka, Srul und Boruch ewig auf der Lauer waren, in Erwartung von Aufträgen seitens der Herrschaften. Die einzige Sitzgelegenheit bestand dort in einem langen Kasten mit gewölbtem Deckel, der ursprünglich feuerroth gewesen war, jetzt aber eine unbestimmte Farbe zeigte und stellenweise wie polirt aussah, was wohl von dem beständigen Hin- und Herrutschen der darauf Sitzenden herrührte. Wenn die Kommissionäre nichts zu Ihun hatten, saßen sie immer alle drei zusammen auf dem Kasten, wobei Jzka, als der älteste, beständig die Mitte einnahm. Dort saßen sie auch gestern, als die dumme Geschichte losging. Boruch schrie und zeterte in seinem merkwürdigen Idiom, das er für jüdisch hielt, obgleich weder Abraham, noch Isaak, noch irgend einer von den Urvätern ein einziges Wörtchen von diesem Mischmasch hätte verstehen können. Boruch hatte Ort und Zeit schlecht gewählt, denn das Gasthaus war überfüllt mit Herrschaften und viele davon hatten sich schon, der späten Stunde wegen, zur Ruhe gelegt. Als Srul sah, daß die Geschichte eine schlimme Wendung nahm, schlich er sich fort. Jzka wollte auch fortgehen, aber der tollgewordene Boruch hielt ihn fest und begann noch lauter zu schreien. Gerade gegenüber dem Kasten logierte ein schwindsüchtiger Beamter, der aus Kiew zu einer Revision hergekommen war. Als der Spektakel am schlimmsten wurde, stürzte dieser Herr aus seinem Zimmer heraus und lies, halbentkleidet wie er war, spornstreichs in das Comptoir und beklagte sich über den Höllenlärm. „Ich bin Kollegrenasseffor!" schrie er dort ebenso taut und wild, lvie Boruch im Korridor. „Ich werde morgen dem Gouverneur sagen, daß dies kein Gasthaus für anständige Herrschaften ist, sondern eine gemeine Spelunke, in der man seines Lebens nicht froh ist.!" Da kam Herr Frankel heraus, roth wie ein gekochter Krebs und mit blitzenden Augen, und erklärte, er würde gleich alle beide, Boruch und Jzka, hinausschmeißen, wenn sie nicht gleich aufhören würden mit ihrem Gezeter. Dabei entschuldigte Herr Fränkel sich vor dem Kollegrenasseffor und sagte, daß er dies „räudige Pack" ganz bestimmt verjagen werde, wenn es sich noch ein Mat erlauben sollte, die Ruhe der Herrschaften zu stören. Boruch wurde sogleich mäuschenstill. Er bekam Angst, daß er seinen Platz auf dem buckligen Kasten verlieren könne, und das brachte ihn etwas zur Vernunft. Jtzka wollte sich vor Herrn Fränkel rechtfertigen und ihm sagen, daß er vollständig unschuldig sei, da Boruch allein die ganze Zeit geschrieen und gelärmt habe, aber der Gastwirth wollte ihn nicht anhören und wiederholte seine Drohung mit dem Herausschmeißen. Zum Glück ist Herr Fränkel nur sehr hitzig, beruhigt sich aber bald wieder und trägt Niemand etwas nach. So rasch sein Zorn sich entflammt, so rasch verraucht er auch. Heute hat er gewiß schon alles vergeffen, und Jtzka braucht sich nicht zu fürchten. Die Obristin muß mit dem Achtuhrzuge heute ankommen, das weiß Jtzka ganz bestimmt. Er begegnete gestern ihrem Verwalter auf dem Markte, und der sagte ihm das. Es ist gut, daß er es im voraus erfahren hat. Die Obristin liebt, daß alles bei ihrer Ankunft für sie bereit fei. Er muß gleich ein Zimmer für sie in Beschlag nehmen. Es trifft sich so gut, daß Nummer 8 gerade frei ist. Die Obristin bevorzugt gerade diese Nummer vor allen anderen, obgleich sie weder reiner noch bequemer ist. Nachdem wird er eine Kalesche miethen, die vor dem Bahnhof warten soll. Sobald die Obristin auf dem Perron erscheint, wird der Kutscher sie mit Excellenz anreden und bitten, in die Equipage einzusteigen. Jawohl, das muß alles vorbereitet werden; die Vorhersehung aller Bedürfnisse gehört zum Geschäft. (Forts, s.)