Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 100 (20.12.1897)
- Date
- 1897-12-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1904 ohnehin schon im Abfall Begriffenen zu versprechen schienen. Darin liegt ja auch die eminente Bedeutung des makkabäischen Sieges, daß durch ihn nicht nur der blutdürstige Tyrann überwunden, sondern auch mit der Reinigung des Tempels die Reinigung des Volksgemüths ermöglicht wurde. Nicht sowohl deßhalb hatte damals die gesammte Zukunft des Judenthums auf dem Spiele gestanden, weit ein fremder Machthaber die zerstörende Hand an die jüdischen Institutionen legte, als vielmehr deßhalb, weil ihm innerhalb des Judenthums selbst eine mächtige Partei» die den Abfall auf ihre Fahne geschrieben hatte, zu Hülfe kam und den Boden ebnete. Gewalt und Verbrechen, Hinterlist und Habgier, wagten sich im Laufe der Geschichte oft genug an Israel heran; allein all' die vergifteten Pfeile prallten ab an dem unerschütterlichen Panzer, den die Treue gegen den angestammten Glauben um den Körper des Judenthums gelegt hatte. Wo aber, wie in den makkabäischen Zeiten, alle Scheu vor dem Heiligen untergraben, aue ^.reue zu einem „leeren Wahn" geworden und alle liebevolle Anhänglichkeit vor denr Irrwahn einer verderblichen Zeitströmung dahingeschwunden war, da konnte ein gewaltsamer Eingriff von außen das Verderben zu einem endgültigen machen, konnte den Funken, der unter der Asche glomm, ja einer verzehrenden Flamme entfachen, die vernichtend j über Lehre und Glauben sich ausbreitete. i Wir haben für diesen Gedanken heute ein besonders tiefes Verständniß. Hat doch unsere Zeit eine gewisse Aehnlichkeit mit jener Epoche geht doch auch in diesen Tagen Hand in Hand mit den versuchten Gewaltftößen von außen die Zerstörungswuth in unserer eigenen Mitte! Sehen wir sie doch auch heute ihr verderbliches Spiel treiben, die Partei, die den Abfall auf ihre Fahne geschrieben, den Abfall von den heiligsten und erhabensten Institutionen unserer Religion, den Abfall vom alt-überlieferten, vom wahren Judenthum, llnd wenn gerade in den letzten Wochen Veröffentlichungen und Kundgebungen aus der Mitte jener Partei erschienen sind, aus dem der haltlose Wahn der sog. freisinnigen Anschauungen so recht ersichtlich ist, so ziemt es sich wohl, am Lichte des Chanukkafestcs diesen Wahn noch greller zu beleuchten und ihn als das zu erkennen, was er ist. Eine Idee ist es, die bei jenen Expektorationen immer wieder zum Vorschein kommt, das ist der Majoritätsgedanib. „Wir finden, daß überall nach wie vor die Freigesinnten oder Neuen in der überwältigenden Mehrheit sich befinden" lesen wir in dem jüngL schon berührten Leitartikel der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums", welcher den uns in gewissem Sinne sehr behagenden Titel führt: „Fortschritte des Rückschritts." Und in der gleichen -grifmirt wendet fick iflnaft ein Herr Kelir Makower l! gegen die fürchterliche Gefahr, daß die orthodoxen ' Rabbiner ihre Stellung und ihre „Macht" innerhalb der Gemeinde befestigen könnten. Dieser Herr Makower möchte am liebsten die Befugnisse des Rabbiners, außer der Predigt, dem Gemeindevorstand übertragen und stellt mit einer köstlichen Naivität die Frage auf: „Mit welchem Rechte soll die Mehrheit der Gemeindemitglieder in der Person ihrer selbst erwählten Vertreter zurückgedrängt werben zu Gunsten des einzelnen Rabbiners?" Solche Sätze wollen nichts anderes, als in unbefangenen Gemüthern die Vorstellung erwecken, als ob die Mehrheit Wahrheit wäre und diejenige Anschauung, welche die Majorität der Bekenner ihr eigen nennt, dadurch zu einer richtigen, unantastbaren werde, der die Rücksicht des Staates in erster Linie zu gelten habe. Welche Anmaßung und Thorheit sich in diesen Gedanken ausspricht, wird uns am besten klar werden, wenn wir sie am Lichte des Chasukkafestes betrachten. Sr scheint mir nämlich jenes wunderbare, vielgedeutcte Bild, welches der Prophet Secharja am Schlüsse der Hastara des Chanukka-Sabbat vorführt, eine Deutung zuzulassen, die sich ^ne Anwälte der Majorität wohl merken mögen. Der Prophet stellt sich selbst als ein Mann dar, der im tiefen Schlafe liegt. Nacht ruht auf seinen Augen und düstere Schatten lagern um sein Gemuth. Aber der Gottesengel ist abgesandt, dem Schlafenden eine erhabene Wahrheit zu verkünden und so erweckt er ihn durch ermunternden Zuruf und stellt ihm, dem kaum Erwachten, das Bild des goldenen Leuchters mit den sieben Lichtern vor die Seele. Und nun folgt ein Zwiegespräch, in dessen Verlauf wir aus den Fragen des verwunderten Propheten die ganze hilflose Befangenheit herauszuhören glauben, die noch von dem tiefen Schlafe, in den er gefallen mar, in ihm nachwirkt. Wie im Traume steht der goldene Leuchter vor ihm, voll Verwunderung fragt er: rb* no „Was bedeuten diese, mein Herr?" Und als der Enget, halb strafend, halb staunend einfällt: man na ny-p ubn „Weißt Du denn nicht, was diese bedeuten?", kommt es zitternd, zaghaft und doch mit deutlichen Gepräge der Wahrheit über des Propheten Lippen: 'rw vb „Nein, mein Herr —" Und da Hub der Engel an, das Wort Gottes zu verkünden und es lautete: b'nn nd mm "i iök wc ns naa *6: „Nicht durch große Zahl und nicht durch äußere Kraft, sondern durch meinen Geist! So spricht der Herr der Heerschaaren!" Chanukka, so heißt der Engel, der heilige Gottesbote, der in diesen Tagen erscheint mit seinen Bildern und seinen Lehren, und Israel, so heißt der Prophet, dem diese Bilder und Lehren gelten sollen. „Als Propheten für die Völker" hat Gott dieses