Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 99 (16.12.1897)
- Date
- 1897-12-16
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1888 Existenzen vernichtet worden. Redner führt Einzelheiten aus diesen Flugblättern vor. Schlimmer als die utopistischen Forderungen der Antisemiten, schlimmer als die Forderung der Aufhebung des Toleranzgesetzes, sei der jetzt geübte Druck auf die regierenden Kreise, keine Juden in der Verwaltung anzustellen. Noch schlimmer sei vielleicht die Rückwirkung auf die Juden selber. Diese würden erbittert und verlören das Vertrauen zum Staate, die Freude und die Theilnahme am öffentlichen Leben. Die einen würden Renegaten, die anderen verließen das Vaterland und würden Zionisten. Das eine wie das andere müffe verhütet werden. Zwar könne man sagen, solche Geiftessirömungen würden ebenso wie die Hexenprvzesse, die Folter re. vorübergehen. Aber wie lange habe die Menschheit unter diesen Erscheinungen leiden müssen! Man könne dem Verein entgegenhalten: Ihr sondert Euch ab. Aber wenn Menschen um ihres Judenthums angegriffen würden und das Bedürfniß hätten, sich zu sammeln, um ihre Aufnahme in die große Culturgemeinschast des Staates zu erzwingen — könne man da von Absonderung sprechen? Jüdisch ohne Nuance — ob Reform- oder Orthodox-Jude — sei der Verein, der zwar die Abwehr des äußeren Feindes bezwecke, aber ganz aus deutsch-nationalem Boden stehe. Die Juden wollten nicht nur als Deutsche anerkannt sein, sondern auch jedem Glaubensgenossen die Freude am Vaterlande bewahren. Wenn man auch das Sclbstbewußtsein und das Ehrgefühl der Zionisten achten müsse, so feien doch ihre Bestrebungen Utopien und zeigten eine vollständig verkehrte Anschauung des Verhältnisses, in dem der Einzelne zum Vaterland stehe. Die Juden wollten sich ihr Deutschthum nicht verkümmern lassen; indem sie sich der antisemitischen Unbill erwehrten, wollten sie zugleich dem Staate Vertrauen zeigen und seine treuen Söhne bleiben, wie sie es zu sein nie ausgehört hätten. (Bravo l) Die antisemitische Bewegung habe die Juden sich aus sich selbst besinnen lassen, ihnen Selbstbewußtsein, Würde und Stotz wiedergegeben. Daß man Jude sei, dessen brauche man sich nicht zu schämen (Bravo!); die Religion, die der Welt die zehn Gebote, das Sittengesetz gegeben habe, brauche niemand zu verleugnen (Lauter Beifall). Mit dem Staatsbürgerthum an sich habe die Religion nichts zu thun, sei doch das Christenthum an sich ein Feind des Staatsgedankens, des Militarismus u. s. w. Wenn man von einer christlichen socialen Gesetzgebung spreche, so könne man dem entgegenhalten, daß schon das Alte Testament mit sozialen Gesetzen angefangen habe, indem es nicht die Knechtschaft duldete u. s. w. Die Juden könnten auf ihre Religion stolz sein; sie sollten nicht um äußerer Vortheile Willen Renegaten werden. Und wer sich scheue, selbst dem Judenthum abtrünnig zu werden, aber seine Kinder taufen lasse, um ihrem späteren Fortkommen vielleicht äußere Hindernisse aus dem Wege zu räumen, begehe damit kein geringeres Verbrechen. (Stürmischer Beifall.) Entweder blickten die getauften Kinder später mitleidig auf ihren jüdischen Vater oder machten, wenn sie sich doch noch Jude fühlten, ihrem Vater Vorwürfe. Mit der Mahnung: „Nur wer sich selbst achtet, wird von anderen geachtet/" und der Aufforderung, sich dem Verein anzuschließen, schloß der Vortragende unter stürmischem Beifall. Der Vorsitzende, Herr David Rüben, eröffnete nunmehr die Diskussion, worauf sich ein unbekannter Herr meldete und für physische Kräftigung der Juden sprach, damit sie in der . Lage seien, erforderlichen Falles „feste um sich zu hauen". Die Kräftigung solle durch fremdes Heirathen geschehen. Die Versammlung ließ den Redner nicht weiter kommen, denn es schien, als wolle sich derselbe als Missionsprediger entpuppen. Herr E. Calmann meinte, es wäre beleidigend und undankbar gegen die Hamburgischen Behörden, die sich stets wohlwollend gegen uns gezeigt, wenn wir hier einen Verein zum Schutze bedrohter Rechte gründen wollten. Herr C. erinnerte daran, daß der Präsident der Bürgerschaft, sowie höhere Richter Juden seien, er empfinde das Bedürfniß, hier ausdrücklich zu constatiren, daß bei uns in Hamburg kein Antisemitismus herrsche. Dann verirrte sich der Redner auf ein Gebiet, welches nicht zur Sache gehörte, er bedauerte es, daß heute nicht mehr so bedeutende Leute an der Spitze der Gemeinde ständen und sich eine Ehre daraus machten, daselbst zu stehen wie früher und nannte dann als Beispiel Gabriel Rießer. Das war eine wahrscheinlich absichtliche Beleidigung des Gemeindevorstandes, zu welcher keinerlei Veranlassung vorlag nra Sretw nro nr®’; im Uebrigen kann doch das Wirken Rießers, so bedeutend es gewesen als Gemeindevorsteher, immer noch einer ernsten Kritik unterzogen werden, ist er doch seiner Zeit sogar gegen Vollziehung der n1?® aufgetreten. Doch was soll alle Mal diese Todtengräberei, die Herr C. mit Vorliebe betreibt. Herr Ivan Mathiason, sowie der Referent Herr Dr. Fuchs suchten Herrn Calmann zu widerlegen und erinnerten daran, wie erst jüngst ein Antisemit in die Bürgerschaft gewählt worden sei und daß Schulvorsteher privater, höherer Töchterschulen mittels öffentlicher Anzeige nur einen gewissen Prozentsatz jüdischer Mädchen aufnehmen zu wollen erklärten — man hätte hinzufügen können, und daß dennoch, sogar fromme jüdische Mütter und Väter Ihre Töch-