Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 99 (16.12.1897)
- Date
- 1897-12-16
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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X2X V1I1. Jahrgang. Erste Beilage M M 99 ües Jferoir. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Hamburg, IVV -I'Q nz '^'L7I : -t-ro*?. Auf Einladung eines größeren Komitees vom Verein Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens fand am Montag, den 6. d. M. im großen Saale der „Erholung" eine überaus zahlreich besuchte Versammlung statt. Herr Rechtsanwalt Dr. Eugen Fuchs, Mitglied des jüdischen Gemeindevorstandes Berlin referirte in etwa zweistündiger Rede über die bisherigen Erfolge und ferneren Ziele des Vereins. Zunächst betrachte der Verein es als seine Aufgabe, für die verfassungsmäßigen staatsbürgerlichen Rechte der Juden, wo solche bedroht seien, einzutreten, gegen öffentliche Verleumdungen und Beschimpfungen der Glaubensgenossen und ihrer Religionsgesetze gerichtlich einzuschreiten, ferner für die innere Mission im Judenthum, namentlich gegen die Fahnenflucht nw) zu kämpfen. Der Redner war in der Ausführung des letzteren Themas besonders interessant und auch für die fromme Richtung sympathisch; allein er vergaß die Wege zu weisen, welche vor solchen Verirrungen bewahren, er hätte für die positive Religion plädiren, die den Meisten leider abhanden gekommen und aus der Geschichte des Judenthums Nachweisen müssen, wie zu allen Zeiten, wenn das religiöse Leben vernachlässigt gewesen und dadurch die Zusammengehörigkeit der Juden untereinander gelockert, Anregungen von außen die Juden an ihre eigentliche Mission erinnerten und sie wieder zusammengeführt; allerdings meinte der Redner, daß der Antisemitismus viele, die ihr Judenthum ganz bei Seite gelegt hätten, wieder in's Lager zurückgebracht habe. (Wir meinen, das Rischus wird erst mit dem aufhören mw 'jnx bn '■m ij?. (Siehe Nascht zu dieser Stelle in der dieswöchentlichen X*HO.) Wohl könne einst das Toleranzgesetz wieder aufgehoben werden; aber die Emancipation und Gleichberechtigung sei nicht der Menschrnwillkür entsprungen, sondern der Niederschlag einer tausendjährigen Culturentwickelung, der Niederschlag modernen Staatswesens und Bürgerthums. Nicht mehr nach Abstammung und Glauben der Vorfahren, nicht mehr nach Stand und Beruf würden die Menschen im Staate gewerthet, sondern nach dem Werthe der eigenen Persönlichkeit. Nicht nach Sympathien und Antipathien bemesse mau jetzt die Stellung des Staatsbürgers. Der Sachse möge den Preußen nicht, der Junker sei dem Bourgeois, der Fabrikarbeiter dem Arbeitgeber unsympathisch, aber wer hätte je daran gedacht, daß der eine dem andern den Genuß der staatsbürgerlichen Rechte verkümmern wolle! In unserem heutigen Culturstaat unterscheide man keine Patricier und Plebejer, keine Voll- und Halbbürger mehr, keine Menschen zweiter Klasse. Ware dieser Gedanke allen in Fleisch und Blut übergegangen, so hätten die Juden sich des Friedens noch lange freuen können. Aber nachdem 1869 durch Bundesgesetz die Toleranz der Juden ausgesprochen, habe kaum 10 Jahre später die Bewegung begonnen, deren letztes Ziel die rechtliche und gesetzliche Aechtung der Juden sei. Die Fortschritte dieser Bewegung und ihre Metboden etwas zu beleuchten, sei nothwendig, wolle man die gegen sie führende Action richtig angreisen. Der Antisemitismus habe mit dem sogen, ästhetischen Antisemitismus begonnen; die oberen Bevölkerungsschichten hätten Anstoß genommen an den Aeußerlichkeuen jüdischer Parvenüs, die plötzlich Gleichberechtigung mit ihnen erhielten. Daraus habe sich der Radau-Antisemitismus entwickelt, der den Führern der Bewegung zum Theil durch Tellersammlungen u. s. w. eine leichte Erwerbsquelle verschafft und dem Pöbel billiges Vergnügen in Radau-Versammlungen und Befriedigung der Sensationslust geboten habe. Gefährlicher sei die dritte Art, der soziale, politische Antisemitismus. Aus den Nadelstichen der oberen, den Versammlungen der unteren Kreise sei eine große soziale Frage, eine politische Bewegung geworden. Erwerb und Besitz der Juden sei dein einen ein Dorn im Auge, dem anderen sei ihre Konkurrenz in der Justiz und den Staatsämtern unangenehm u. s. w. Sei es zuerst der Einzelne gewesen, so sei es jetzt die Gesammtheit, die man angreise. Auch sei es nicht mehr die Religion, sondern die Rasse, die verfolgt werde. „Sie lügen und betrügen von Glaubens wegen — der Talmud gebietet es; an ihren Religionssesten schlachten sie Christenkinder, ihre Gesetze gestatten den Meineid gegenüber den Christen," das seien Schlagworte dieser Bewegung geworden. Alles Uebel, was die Welt zeitige, rühre von Juden her. „Die Juden sind unser Unglück," habe selbst der große Treitschke gesagt. Ja, schließlich „ist nicht mehr das, was jüdisch ist, unangenehm, sondern alles, was unangenehm ist, ist jüdisch. ' Muth und Feigheit, Sozialismus und Kapitalismus, Kritik und Geist der Anpassung u. s. w. — alles fei, wenn es unangenehm wirke, jüdisch. Durch den brutalen Angriff, den man mittels der in Hunderttausendm von Exemplaren über ganz Deutschland verbreiteten Flugblätter aurgeführt habe, seien auf dem flachen Lande, in der Kleinstadt viel jüdische