Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 99 (16.12.1897)
- Date
- 1897-12-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1880 den Christen den Weg zu bahnen, und jüdische Priester suchten einen Ruhm, vielleicht auch ein Verdienst darin, den jüdischen Aerzten, Juristen und sonstigen Studirten und Aufgeklärten auf diesem Wege voranzugehen. Die vierziger Jahre eröffneten den modern gebildeten Juden Deutschlands andere Bahnen. Mit allem Eifer nahmen diese von den ihnen verliehenen Rechten Besitz und übten die mit denselben verbundenen bürgerlichen Pflichten. Hatte die Neuzeit die dringende Forderung des Menschrechts verstanden, so folgten die nunmehr zur Menschen- und Bürgerwürde gelangten Juden mit Geist und Geschick und dem im frei gegebenen Wettlauf sich steigernden Ungestüm dem Ruse der Neuzeit. Der jüdische Abgeordnete, der jüdische Richter, Professor, Rechtsanwalt . . . stellte seinen Mann; doch war dieser Mann nur selten — Jude. Immer loser wurde das Band, das die neu geadelten und graduirten, modern gebildeten und halbgebildeten Söhne Deutschisraels mit dem Judenthume und seinem innern Leben in Haus, Schule und Synagoge vereinte. Das neue Bürgerbewußtsein erhob sich nur zu oft etwas parvenümäßig über das Stammesbewußtsein. Da zeigte es sich, wie gering die Anziehungskraft der in Tempel verwandelten Synagogen mit ihren noch so riesigen und kostspieligen Orgeln war. Dieselben Männer der jüdischen baute vaulöe und baute bnanee, die als Stimmführer der Orgel aufgetreten waren, sowie das Publikum, in dessen Namen sie das Wort geführt, sie hatten für all' die Tempelherrlichkeiten und brausenden Orgeltöne weder Auge noch Ohr und höchstens am Versöhnungstage ein Stündchen Zeit. Andere, soziale Interessen hatten diese Kinder ihrer Zeit, denen die wahren, in's soziale Leben des Juden tief einschneidenden Aufgaben des Judenthums weder aus der Lehre, noch aus dem Leben bekannt waren, völlig für sich eingenommen. Was nun hierbei für das Judenthum — auch für das moderne, selbst konstruirte — mit seinen Tempeln und Orgeln übrig blieb, das war der krasse Jndisserentismus. Die Reformbewegung ruhte und namentlich die Orgelfrage schwieg, und auch hervorragende Reformprediger, ja gerade diese ließen es bei diesem Schweigen bewenden. Hatten sie ja die Einsicht gewonnen, daß die Orgel mit Nichten das Ansehen oer Predigt und des Predigers zu heben im Stande, daß vielmehr in einem orgelgesegneten Tempel der Organist ein weit wichtigeres Bedürfniß sei, als der Rabbiner und Prediger höchstselbst. Seit dem Beginn der antisemitischen Aera in Rumänien, Deutschland, Rußland und Oesterreich hat der Jndisserentismus der dem Judenthume bisher fremd gebliebenen jüdischen Kreise einem gewissen Interesse für jüdisches Vereins- und Gemeindeleben zu weichen begonnen. Die von außen etwas unsanft an ihren Stamm und ihre Zugehörigkeit Gemahnten erinnern sich ihrer Herkunft und richten den Blick nach innen. In den jüngsten Dezennien sehen wir in Deutschland auf wissenschaftlichem, socialem und religiösem Gebiete jüdische Vereine und Verbände entstehen. Ein jüdischer Gemcindebund, ein Rabbinerverband in zweiter und dritter Auflage, die Logen und die Litteraturvereine, die Lehrertage. . ., sie alle bekunden ein sich Konzentriren um einen inneren Mittelpunkt, und als solcher wird jetzt das Judenthum genannt. Es ist eine Association im Zuge, die die jüdische Farbe bekennt, ja die in ihrem jüngsten Ausläufer, im Zionismus, sogar nach einem jüdisch nationalen Banner verlangt. Je mehr für die jüdischen Stellen- und Aemteraspiranten in der großen politischen und socialen Oeffentlichkeit, im Staate, Ebbe eintritt, desto mehr fluthen diese mit ihrer vielfach verschmähten Kraft der Intelligenz, mit ihrem Thatendrang und ihrer Redelust zurück in die jüdische Gemeinde. Hier suchen sie Fühlung mit den so lange öde gelassenen Institutionen, mit der Schule und Synagoge, und hier wird nun aufs Neue der Ruf nach der Orgel laut. Täuschen die Zeichen der Zeit nicht — und sie pflegen nicht zu täuschen — so bekommen wir bald wieder, wie einst in entschwundenen Tagen, von jüdischen „Notablenversammlungen" zu hören, die sich mit dem jüdischen Kultus, mit dessen Einrichtungen, Dienern, Priestern und Aemtern zu schaffen machen, die bald offen, bald insgeheim agitiren und wenn auch nicht Staatsso doch Gemeindeaktionen herbeiführen. Schon heute ist aus den etwas gedämpften Reformfanfaren ein Ton heraus zu vernehmen, ein Wort, das sich besonders zum „Schrbboleth" des meist künstlich erweckten Parteigetriebes eignet, und dies Wort lautet: Orgel! Die Orgelfrage ist es, die in neuester Zeit auf die wichtigsten Wahlentscheidungen friedlicher jüdischer Gemeinden Einfluß übt; sie ists die in die Gemeinden hineingetragen oder von geschickt verborgener Hand hinein lanzirt wird und die wie ein in der Luft schwebendes Verhängniß auf dem redlichen Willen und der gesetzestreu jüdischen Gesinnung der Glieder dieser Gemeinde lastet. Da wird es denn auch heute, achtzig Jahre nach der Hamburger Tempelreformation, dem Freunde der Wahrheit und des Friedens zur Pflicht, sich mit dieser Orgelfrage zu beschäftigen und alles klar zu stellen, was an derselben noch fraglich erscheinen könnte. (Fortsetzung folgt.)