Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 97 (9.12.1897)
- Date
- 1897-12-09
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2448705-2448796--45039-2494164- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
1846 Schwermuth, die sich dann und wann auf ihrer Stirne zeigten, zu verscheuchen. Mit ihm wetteiferten ihre Ettern, seine Freundin. Was Freundschaft und Liebe thun konnten, um die Verstimnrte zu erheitern, das vollbrachten sie gern, und in der letzten Zeit war stets Jemand bei Alice; keinen Augenblick war sie allein. Trotzdem wurde ihre Munterkeit täglich weniger; Todesahnungen ängstigten ihre Seele und oft brach sie beim Anblick ihre- Mannes oder ihrer Eltern in krampfhaftes Weinen aus, ohne irgend einen Grund dafür angeben zu können. Sie machte ihrem Manne Vorwürfe, klagte sich der Lieblosigkeit an, so daß Reiß oft kaum sie zu beruhigen vermochte. Anfangs schrieb Dr. Reiß dieses aufgeregte Wesen ihrem jetzigen Zustande zu, doch als die Anfälle der Schwermuth immer häufiger wurden und länger anhielten, zog er den Freund zu Rathe. Auch dieser wußte keine Hilfe, als diejenige, welche die nahe Zukunft bringen mußte. Das Neujahrsfest war gekommen. Alice hatte eS nicht anders gethan, sie wohnte dem Gottesdienste in der Synagoge bei. Inbrünstig betete sie zunl „Richter der ganzen Erde," flehte ihn an um Erbarmen und gnädiges Gericht. Ihre Mutter wich nicht von ihrer Seite. Die furchtbare Hitze, die in der Synagoge herrschte, die Aufregung, in welcher sich Alice befand, ließen einen längeren Aufenthalt für sie gefährlich erscheinen. Da plötzlich wurde von der Frauensynagoge ein greller Schrei vernommen; Dr. Reiß eilte zur Hilfe dahin und konnte gerade noch aus der Treppe seine Frau, die ohnmächtig geworden, mit seinen Armen auffangen. Als ob sie leicht wie eine Feder wäre, so trägt sie der starke Mann die Treppe hinab in die nahe Wohnung des Synagogendieners. Er sperrte alle Fenster auf und nach langem Bemühen erst öffnet sie die Augen. Als sie ihren Mann erblickt, lächelt sie ihm glücklich zu, und ihre Lippen lispeln: „Verzeihe Karl Fast zwei Stunden währte es, bis Alice so weit sich erholt hatte, daß sie nach Hause gebracht werden konnte. Als sie endlich weich gebettet in ihrem Schlaszimmer lag, da erfaßte sie die Hände ihres Mannes, preßte sie mit ihrer schwachen Kraft an die Brust und sprach: „Du bist gut, mein Karl; ich war so glücklich mit Dir, ich danke Dir, und wenn es nun zu Ende sein soll, so bin ich Gott doch dankbar für das eine Jahr, welches ich im Glück an Deiner Seite verlebte." Dr. Reiß mußte mit Gewalt die Thränen zurückdrängen, die bei diesen Worten seinen Augen zu entquellen drohten. Er verwies ihr scherzend solche Gedanken, die alle jungen Frauen in ihrer Lage hätten rlnd wies sie auf Gott, mit dessen Hilfe ihnen das höchste Glück der Ehe bald zu theil werde. Alice hörte ihn schon nicht mehr. Eine neue Ohnmacht umfing ihre Sinne, aus welcher sie durch die furchtbarsten Schmerzen geweckt wurde. Reiß wich nicht von ihrem Bette, acht Tage und acht Nächte. Alicens Mutter, Dr. Jordan und Selma Fink standen ihm getreulich bei diesem schweren Warteamte bei. Fast ein Wunder schien es, daß die schwache Frau die Schmerzen ertragen konnte, fast ein Wunder, daß Reiß, der weder Schlaf noch Ruhe genossen, seines Pflegeamtes warten konnte. (Fortsetzung folgt.) Der -Israelit* erscheint wScheatlich cweimtl, Montag:« and ttonueratags, jedesmal in mindestens Md »m«. Preis pro Vierteljahr bei der Post 3 Mark ohne Bestellgeld. Man abonnirt ganzjährlich, halbjährlich -der dtertAjahrltch. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Der Buchhandel verkehrt durch /• Alrt,»Mer, L-ipsts, »ehglatz W. - Inserate 25 Pfennig die Sspaltige Petitzeile oder deren Raum. Preis der Zelle im Reclametdell 75 Pfennig. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark Oder 8 st. Lsterr., für's Ausland 16 Reichs-Mark. an die Expedition franco einzufenden. Eine »t* mm Ht «ednsttO« -ingesandte« «anns-ript-n stndet nicht statt, man dittet deshaU», sich »an allen Einsendungen ein« Eopie zurückzubehalten. Inhalt (Hanptdlatt). Leitender Artikel: Zum neununddreißigsten Jahrgang. — Zeitungsnachrichten u. Correspondenzen: Deutschland: Köln. Wartburg. Qesterr-Ungar. Monarchie: Prag. Budapest. England: London. Rußland: Petersburg Kowno. Rumänien: Bukarest. Amerika: Baltimore. Indien: Bombay. — Personalien. — Mittheilungen auS den jüdischen Armenvereinen und für dieselben. — Vermischtes. — Feuilleton: Die Stunde der Vergeltung. Von Paul Gotthelf. (Fortsetzung.) Anstalt dev ersten Beilage i Leitender Artikel: O’Nöün niDiy, von Rabbiner I. Gugenheim in Saarunion. — Zeitungsnachrichten u. Correspondenzen: Deutschland: Berlin. Oesterr.-Ungar. Monarchie: Prag. Frankreich: Paris. Anstalt der -weiten Beilage: Leitender Artikel: Arischer Thierschutz. — Zeitungsnachrichten und Eorrespondenzen: Oesterr.-Ungar Monarchie: Budapest. Batorkeß. Frankreich: Paris. England: London. Rußland: Petersburg. Odessa. Amerika: New-Pork. Afrika: Süd-Afrika. — Statistisches. — Vermischtes. Egtra-Beilager Feuilleton: Säen und Ernten. Von Dr. M. Lehmann. — Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit", Schottstrabe Nr. 2, Main-. Druck und Verlag der J oh. Wirt h'schtn Hofbuchdruckerei-Actien-Geiellschast in Mainz. Hierzu drei Beilagen