Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 97 (9.12.1897)
- Date
- 1897-12-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1845 einer Gesammtsitzung der evangelischen, katholischen und jüdischen Schulvorstände die Regelung der Lehrergebältcr. Es ist ein Grundgehalt von 1500 Mk und 9 Zulagen von je 200 Mk gewährt worden. So haben denn nach und nach fast alle Crte unsers Bezirks die Festsetzung der Gehälter auf Grundlage des neuen Gesetzes vollzogen- Das Bild, welches die Neuregelung uns zeigt, ist im allgemeinen ein recht erfreuliches. Es haben bis jetzt folgende Orte ein Grundgehalt 1500 Mk und Zulagen von 200 Mkbeschlofsen: Dortmund. Bochum, Schwerte, Sölde, Aplerbeck, Cörne, Brakes, Lindenhorst, Eving. Laer, Brenschede, Altcnbochum, Steinkuhl, Wiemelhausen, Gerthe, Langendreer.■ Feuilleton. Die Stunde der Vergeltung. Von Paul Gotthelf. 23) sAlle Rechte Vorbehalten.^ XV. Der Sommer war fast zu Ende. Die Tage wurden schon merklich kürzer und die Zeit unserer Jahreswende nahte. Dr. Reiß hatte im letzten halben Jahre kauni Zeit gehabt, an sich selbst zu denken, denn seine Praxis hatte sich seit dem Tode des Ge- Heimen Medicinalrathvervierfacht und er hätte noch mehr zu thun gehabt, wenn er verheirathet und — ein Mann von freien religiösen Anschauungen gewesen wäre. Er hatte freilich manche Anfechtungen zu bestehen; der Spott seiner frühe' ren Freunde, die Pfeile der Judenfeinde verwundeten sein leicht empfindliches Gemüth gar oft; aber die sittliche Stütze, die er in seiner Braut fand, half ihm auch dieses ertragen. Er hatte Glück, und einige ganz besonders schwierige Fälle, die er kurirte, machten ihn berühmt im ganzen Umkreis der Provinz. Er hieß nur der Judendoktor, und bald hatte sich das Publikum auch daran gewöhnt, am Sabbat seine Hülse nur in außerordentlich dringenden Fällen in Anspruch zu nehmen. Auf diese Weise hatte er es erreicht, einen Tag in der Woche sich und seiner Braut widmen zu können. Der Sabbat war ihm Bedürfniß geworden, und nicht um Alles in der Wett hätte er sich zurückgewünscht in jene Zeit, da er auch am Sabbat sich zum Selaven seines Berufgemacht hatte. Jetzt erst fühlte er die Segnung des Sabbatgebotes, und die Freude an der Erfüllung der übrigen Gebote unserer heiligen Religion erfüllte sein Herz. Er war glücklich in seinem Berufe und glücklich mit seiner Braut. In vierzehn Tagen sollte die Hochzeit sein, und der junge Arzt hatte beschlossen, eine Hochzeitsreise nach Norderney zu machen. Alice hatte diesem Plane beigestimmt, und die Eltern versprachen, bis das junge Paar wiederkehre, ein recht behagliches Nest einrichten zu wollen. Der festgesetzte Tag der Hochzeit war endlich da. Am Polterabend war das Brautpaar herrlich beschenkt und gefeiert worden und am Hochzeitstage wartete ihrer noch euie große Freude — die Verlobung Selma's mit Dr. Jordan. Lange hatte das edle Mädchen dem Werben des jungen Arztes widerstanden. Endlich hatte sie eingewilligt, ihm eine treue Gefährtin fürs Leben werden zu wollen und am Hochzeitstage der Freunde proklamierten sie ihre Verlobung. Lange hielten sich die Freundinnen umschlungen und als sie sich endlich trennten, da wußte Jede, daß sie Antheil habe am Leben der Andern. Vier Wochen sind vorüber. Das junge Paar ist in die Heimath zurückgekehrt, freudig empfangen von den Eltern und Freunden. Dr. Reiß Hut mehr zu thun als je, un> sein junges Weibchen will sich gar nicht damit befreunden, daß es seinen Mann während deS Tages nur aus Augenblicke sehen kann, weil ihn sein Beruf so sehr in Anspruch nimmt. Da ist es nun Selma, die ihr manches Stündchen Gesellschaft leistet, manchen Nachmittag mit ihr verplaudert. Was ist auch in einer jungen Wirthschaft zu thun! Wenn der Mann so in seinem Beruf aufgeht, wie Dr. Reiß, so bleibt der jungen Frau eine Menge Zeit, die sie allein verbringen muß. Heil ihr, wenn sie es gelernt hat, freie Stunden nutzbringend anzuwenden, wenn sie ihr nicht zum Verderben werden. Alice hatte Verwendung für jede Minute. Sie fand Interesse an dem Beruf ihres Mannes und gar oft erschien in den Hütten, wo die Roth wohnt, des Morgens der Herr Doktor als Arzt des Körpers, während des Mittags seine junge Frau als Engel des Trostes und der Hilfe den armen Kranken Labung und Erquickung brachte. Dem Glücklichen schlägt keine Stunde. Für ihn hat die Zeit Flügel. Ehe er sie spürt, ist sie verschwunden und nur die Erinnerung an glücklich verlebte Stunden bleibt ein ewig unentreißbares Gut. Im Glück ihrer Kinder werden die Eltern wieder jung und genießen am Abend des Lebens zum zweiten Male mit ihren Kindern das reine Glück der Jugend. Ja, sie sind herrlich diese Stunden des Glückes, köstlicher noch, als die des Genusses. Das erste Jahr der Ehe war im Fluge enteilt; es hatte dem jungen Paare nicht eine trübe Stunde gebracht, doch bange und zaghaft stand es an der Schwelle des zweiten JahreS. Alice hatte vor einigen Monaten ihrem Manne ein süßes Geheimniß offenbart, welches sein Glück noch steigerte. In Folge dessen war Reiß noch besorgter um sein Frauchen und ließ sich manchmal durch seinen Freund vertreten, um eine Stunde bei seiner Frau zu verbringen und die Wolken der