Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 96 (6.12.1897)
- Date
- 1897-12-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1828 zuwenden. Und da muß man zunächst lobend der Chvwswe-Zion gedenken, die die sog. Pirchß-Zion gegründet haben, einen Verein jüdischer Knaben, zum Zwecke de» Studiums jüdischer Geschichte und Literatur. Der Augenblick bleibt jedem kostbar, der einmal mit angehört hat, wie ein vierzehnjähriger Knabe mit Heller Begeisterung seinen Altersgenoffen einen Vortrag auden genannten Gebieten hält. Von Zeit zu Zeit findet sich auch ein Erwachsener, der in diesem Verein einen Passus der jüdischen Geschichte erläutert; der Eiser der Knaben wird durch hohe Prämien gefördert. — Recht erfreulich ist es auch, daß reiche Juden bei Jubiläen oder anderen Freudenfesten, die sie begehen, ihre Spenden nicht den genügend reichen communalen oder jüdischen Kaffen zuwenden, sondern dafür arme Kinder speisen und kleiden. Mit vielem Geschick und Verständniß werden auch alljährlich im Herbste von einflußreichen Juden Volksbelustigungen veranstaltet, und zwar in so großem Maße, daß ein enormer Ertrag es möglich macht, armen, jüdischen Familien während des Winters Holz, Kohlen, Kartoffeln rc. frei zu liefern. Was die Politik in jüdischen Dingen betrifft, so steht man noch sehr unter dem Einfluß, den der Basler Kongreß ausgeübr hat, fei es, daß man sich für oder g-gen sein Programm äußert. Christliche Zeitungen, wie „Pall Mall Gazette", die „Review of Review" und der „Daily Cdronicle" hören nicht auf, — allerdings im unfreundlichen Sinne — die „Judenfrage" zu besprechen, und bald hier, bald da bringt der sensationslüsterne Mr. Arnold White seine Artikel unter, der Mann, der bekanntlich verlangte, daß die europäischen Kabinete sich zur Erledigung der Judensrage vereinigen möchten. Es steht um den Philosemitismus der Engländer doch nicht ganz so, wie die Juden im Auslande es gern annehmen; der Antisemitismus macht sich auch hier immer breiter, einige Zeitungen fangen schon an zu Hetzen, das Publikum beginnt die Juden zu Haffen, und der Richter Ba^on vom Whitchapel County Court durste vor einigen Wochen ungestraft aussprechen, er glaube nicht an den Eid der Juden. Glücklicher-, vielleicht auch unglücklicherweise betheiligt sich die Geistlichkeit nicht an den Hetzereien; denn sie verfolgt die redliche Taktik durch Güte und Freundlichkeit die Juden allmählich der christlichen Kirche zuzuführen. Auf dem letzten Meeting der Mission to Jews gab ein Herr Claucy folgenden Bericht über den Forlschtitt der Judeumisston: „Wir hatten eine glänzende ärztliche Mission, in der drei Aerzte ein recht gutes Werk stifteten, und das Volk kam zu ihnen in großer Zahl. Eine Stunde vor Eröffnung der Missionshalle sah man sie schon dichtgedrängt vor den Thüren stehen. . . . Die Juden kamen voll Voruriheil aus Rußland herüber. Jetzt haben wir tausende von Juden, die daran glauben, daß der Stifter der christlichen Religion der Messias war u. s. w." Die Schilderung ist natürlich etwas übertrieben, aber ich war oft genug Augenzeuge, um mit Schmerz zugeben zu müssen, daß besonders jüdische Frauen und Kinder die Missionsspttäler besuchen, wo man ste vorzüglich pflegt und ihnen nebenbei die Lehre des neuen Testaments predigt. Zahlreiche arme Kinder nehmen auch an den gratis ertheilten Unterricht in Handarbeiten Theil, dessen Endzweck ebenfalls die humane Proselytenmacherei bedeutet. In jüngster Zeit nun hat man auf Grund der geschilderten Thatsachen ein j ü d i s ch e S Hospital in Leman Street, East gegründet, aber diese Poliklinik scheint mir aus sehr schwachen Füßen zu stehen, und ich will mir mein Urtheil Vorbehalten, bis ein Fortschritt oder, wie ich fürchte, ein Rückschritt zu verzeichnen sein wird. In der modernen jüdischen Literatur steht immer noch Herr Zangwill obenan, der das „Ghetto" Londons ausbeutet. Er schreibt und spricht ununterbrochen vorn Ghetto und scheint dessen nicht so überdrüssig geworden zu sein, wie seine Leser und Hörer. Vor vierzehn Tagen fuhr er nach Amsterdam, um dort über das Ghetto zu sprechen, und man sagt, daß die junge Königin Wilhelmine seinem Vorträge beigewohnt habe. Mr. Sumalski hat inzwischen eine hebräische Zeitschrift hitwt ins Leben gerufen, wie ich glaube: die erste, zum mindesten die einzige hebräische Zeitschrift in Großbritanien. Von Interesse dürfte es sein, daß goldsuchende Juden aus Klondyke eine Sefer Thora aus New-Pork kommen ließen; denn sie haben jetzt ein Minjan am Platze. Vermischtes. Wien, 24. Nov. Der Kaiser hat dem Generalstabsarzt Dr. Michael Waldstein den Adel mit dem Ehrenworte Edler von und dem Prädikate „Heilwehr" verliehen. Der Generalstabsarzt hat in der österreichisch-ungarischen Armee den Rang eines General-Majors und bildet den höchsten in der militärärztlichen SBrniidjc. Generalstabsarzt Dr. Waldstein Edler von Heilwehr ist Jude. Prag. 24. Nov. Heute wurde Franz Strougal, der Gründer, Eigenthümer und Herausgeber eines in böhmischer Sprache erscheinenden antisemitischen Blattes dem Strafgerichte eingeliefert, weil er dringend im Verdachte steht, zahlreiche Personen, welche er in seiner Redaktion. Administration und Expedition unter den verlockendesten Versprechungen angestellt hat«e, nicht nur keinen Gebalt gezahlt, sondern ihnen auch ihre Kautionen vorenthalten zu haben. Es scheint, daß Strougal das Blatt nur gegründet, um sich auf Cautionsschwindel zu verlegen. Bukarest, 30. Nov. Eine Versammlung einheimischer Israeliten, in der eine Resolution gegen die beabsichtigte Ausschließung der nicht naturalisirten rumänischen Israeliten vom Militärdienst in der rumänischen Armee gefaßt werden sollte, wurde von der nationalen Studentenschaft gewaltsam gesprengt. Beiderseits gab es Verwundete.