Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 96 (6.12.1897)
- Date
- 1897-12-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1827 ziellen Untergang gerettet. Aber, wer zählt vor Allem die Thränen, die er trocknete, die Wittwen und Waisen, denen er beistand, die Hilfe Heischenden, die er durch sein Geld und seinen Rath stützte. Wertheim's WohlthätigkeilSsinn war so groß, aber auch so allgemein bekannr, daß wo irgend Hilfe nothwendig war, man sich zu allererst an ihn wandte und in den meisten Fällen geschah dies nicht vergebens. Seine Menschenliebe war eben sehr groß, größer beinahe noch als seine außergewöhnliche Thatkraft. Sein gutes Herz übertraf beinahe noch seinen hellen Blick, mit dem er die schwierigsten Dinge sofort durchschaute. Wie die politischen Blätter aller Richtungen einmüthig anerkennen, ist sein Verlust ein großer, beinahe unersetzlicher, auch der rührende Nachruf, den ihm Sr. Excellenz der Herr Minister widmete, läßt dies durchblicken. Wir überlassen den Tageszeitungen zu schildern, was Wertheim, auf dem Gebiete der Politik und des Handels leistete, was er in Gesellschaften und Stiftungen — ss war er Aussichisrath der Niederländischen Bank und der Niederländischen Handelsmaatschappy — wirkte. Wir wollen blos daran erinnern, was der Verblichene für die Niederländische Jsr. Kirchengenoffeuschaft und für die Niederländische Hauptfynagoge zu Amsterdam gewesen. Seit dem Tode L. S. Jacobs war Wertheim Vorsitzender des Kirchenraths der Niederländ. JSr. Hauptsynagoge. In welch' nahezu idealer Weise er hier den Vorsitz führte, die Debatten leitete, in kritischen Augenblicken durch seinen Geist der Duldsamkeit, durch sein gemüthvolles Wort Friede zu stiften wußte, zwischen den verschiedenen Richtungen, das verstehen nur Diejeaigen richtig zu würdigen, die den Verhandlungen der Kirchenrathssttzungen aufmerksam gefolgt sind. Selbst der sogenannten liberalen Richtung angehörend, bestand er doch stets fest darauf, daß die Amsterdamer Kehilloh und ihre Institutionen im strengst orthodoxen Sinne geführt wurde und so bildete er einen wohlthuenden Gegensatz zu Ihren deutschen Reformern, die nur Freude am Einreißen, nicht aber am Aufbau und der Erhaltung unserer altjüdischen Einrichtungen haben. Es ist tief zu beklagen, daß der Verblichene gerade in dem Augenblick von uns fortgehen mußte, in welchem auf feine Anregung hin, ein großes jüdisches Irrenhaus hier gegründet werden sollte. Selten noch hat ein Mann in Holland, ob Jude oder Nichtjude, so viele hohe Aemter, so viele Titel und Orden zugleich und mit Recht besesien. Daß das Leichenbegängniß ein solches war, wie es Amsterdam noch kaum gesehen, werden sich die geehrten Leser des „Israelit" wohl denken können. Die holländische Aristokratie sandte die prächtigsten Blumenspenden. Nun ist er hingegangen, dieser Mann von Thatkraft, Geist und Menschenliebe. Möge ihm die Erde leicht sein. England. London, im Nov. Mit dem Beginn der Wintersaison scheint die Sucht Meetings abzuhalten, in hohem Grade überhand zu nehmen. Die Juden Londons, die sich in einigen Klubs gruppiren, laden in Zeitungen und durch Straßenzettel zu Versammlungen ein, wobei die größten Rollen die Talmud- Thora und der Zionismus spielen. Und wer an jüdischen Dingen Freude findet, wird mit Genugthuung konstatiren können, daß die Juden in England — besonders die eingewanderten — einen beträchtlichen Theil ihres Jnteeeffes dem Judenthum opfern. Nur die Radau-Sozialiften, die von den Wünschen ihrer Partei so viel verstehen, wie ein polnischer Bauer von der Politik, lamentiren und beschimpfen systematisch alles, was jüdisch ist, und es gehört ein gut Theil Selbverleugnung dazu, um in ihrer Gesellschaft einen gewiffen Ekel überwinden zu können. Ich möchte mir nicht versagen im Anschluß hieran ein Wort Heines zu ciliren, ohne mit der Anschauung des Dichters ganz einverstanden zu fein. Er schreibt in feinen „Geständnissen." „So lange solche Doktrinen (Atheismus) noch Geheimgut einer Aristokratie von Geistreichen blieben und in einer vornehmen Coterie-Sprache besprochen wurden, welche den Bedienten, die aufwartend hinter uns standen, während wir bei unseren philosophischen Petits-Soupers blasphemirten, unverständlich war — so lange gehörte auch ich zu den leichtsinnigen EspritS^FortS, wovon die meisten jener liberalen Grand-Seigneurs glichen, die kurz vor der Revolution mit den neuen Umsturz- Ideen die Langweile ihres müßigen Hostebens zu verscheuchen suchten. Als ich aber merkte, daß die rohe Plebs, der Jan-Hagel, ebenfalls dieselben Themata zu diskutiren begann in seinen schmutzigen Symposien, wo statt der Wachskerzen und Girandolen nur Talglichter und Thranlampen leuchteten, als ich sah, daß Schmierlappen von Schuster- und Schneidergesellen in. ihrer plumpen Herbergsprache die Existenz Gottes zu leugnen sich unterfingen, — als der Atheismus anfing sehr stark nach Käse, Branntwein und Tabak zu stinken, da gingen mir plötzlich die Augen auf, und wa» ich nicht durch meinen Verstand begriffen hatte, das begriff ich jetzt durch den Geruchsinn, durch das Mißbehagen des Ekels, und mit meinem Atheismus hatte es gottlob! ein Ende." Man wird nicht leugnen können, daß dieser Ausspruch Heines ein Kernchen Wahrheit enthält, man muß nur im East von London gewesen sein und etwa« natürliche Psychologie beherrschen. Ein großes Verdienst erwarben sich die englischen Israeliten durch ihre Sorgfalt, die sie der Jugend