Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 96 (6.12.1897)
- Date
- 1897-12-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1829 Feuilleton. Die Stunde der Vergeltung. Von Pont Gottheilf. 22) sAÜe Rechte Vorbehalten.^ „Inwiefern ist Frau Aberle eine Philosophin?" fragte Frau Lazar. „O, Sie hätten nur hören sollen, wie^fie über die Macht der Frau philosophirre! Mir wurde ordentlich bange vor dieser größten Macht der Erde, und ich freute mich ordentlich, noch frei zu sein." „Schade," entgegnete Dr. Reiß, „daß ich nicht dabei war. Ich hätte —" „Was hättest Du?" fragte Alice lächelnd. „Ich hätte bewiesen, daß die ganze Macht der Frau — auf Thränen gegründet ist." „Das ist eine gewagte Behauptung," widersprach Alice, „welche zu beweisen Dir schwer fallen sollte." „Ich erbiete mich, den Beweis sofort anzutreten!" fiel Reiß ein, „oder noch bester, ich unterwerfe mich dem competenten Urtheil Papas." „Schön," rief Alice- Sie eilte hin, holte ihren Vater und unter dem allgemeinen Schweigen wurde diesem die Frage vorgelegt: „Ist es wahr, daß die Frau eine Macht ist, mit welcher jeder Mann zu rechnen hat?" „Wer mit seiner Frau glücklich leben will," lautete die Antwort, „wird aus Gründen der Klugheit damit rechnen, wenn ihn nicht schon die Liebe dazu veranlassen wird." „Bravo!" rief es im Kreise. Aber Dr. Reiß war damit nicht zufrieden. „Zugegeben, Papa," rief er; „aber Du wirst doch nicht bestreiten können, daß die Macht der Frau auf Thränen beruht." „Wie kommst Du darauf?" fragte Lazar erstaunt. „Mama hat meinethalben noch keine Thräne vergosten, und daß ich ein Pantoffelheld wäre, kann man nicht behaupten. Es ist ein Unglück, wenn die Frau nur durch Thränen auf ihren Mann einwirken kann und jede Thräne, welche die Frau des Mannes halber vergießt, klagt diesen der Lieblosigkeit an." „Bravo! bravo!" jubelte Alice, indem sie ihren Vater liebkoste. Dann wandte sie sich zu ihrem Verlobten und fragte: „Nun, mein Herr!" „Ich unterwerfe mich dem Urtheile eines so kompetenten Richters," entgegnete dieser, indem er feinen Arm um fie schlang und sie an sich zog, „und ich hoffe, niemals die Macht Deiner Thränen spüren zu müssen." „Das sollst Du auch nicht," sprach sie innig, „denn wir haben uns ja gegenseitig lieb und es findet jeder sein eigenes Glück im Glücke des andern. Nicht wahr, Karl, Du liebst mich so, daß neben mir kein anderes Bild in Deinem Herzen Raum hat?" „Gewiß, mein Schatz. Mein ganzes Leben gehört Dir und meinem Berus. Ich liebe Dich mehr als ich Dir sagen kann und so lange ich lebe, sei meine Liebe Dir, über das Grab hinaus bewahre ich Dir die Treue." „Ich danke Dir für dieses Wort. Sieh, als Du Dich in den letzten vierzehn Tagen so wenig um mich kümmertest, da hielt ich Dich für gleichgültig; als Du gestern so liebenswürdig gegen Selma Fink warst, glaubte ich. Du seiest flatterhaft und treulos mir gegenüber, und ich darf es Dir ja sagen, ich war gestern entsetzlich eifersüchtig." „Eifersüchtig?" fragte der junge Arzt erstaunt; „eifersüchtig? und auf wen? Aus unsere beste Freundin? aus Selma? Pfui, Alice, das ist Mangel an Vertrauen." „Nein, Karl, es ist meine grenzenlose Liebe, die mich Gefahren sehen läßt, wo vielleicht keine vorhanden sind. Aber Selma ist jung und schön, liebenswürdig und geistreich; Du verkehrst mit ihr, wie mit einer Schwester, könnte sie mir nicht Deine Liebe rauben —." „Mein, Alice," versetzte Reiß fest und bestimmt, „Selma könnte es nie, denn Selma ist — Christin. Ich habe, noch ein Knabe, sie vom Fenertode gerettet, habe sie lieb und brav gefunden in der ganzen Zeit, daß ich sie kenne, aber noch nie ist dieser Gedanke, daß sie mein Weib werden, mir mehr, als eine Schwester sein könnte, mir gekommen; niemals habe ich die Kluft übersehen, die uns scheidet, die Religion. Selma ist Christin." „Dank Dir, tausend Dank für dieses Wort der Erlösung," rief Alice. „Wie habe ich mich seither gequält! Wie hat meine Liebe gekämpft gegen das häßliche Gespenst der Eifersucht! Es wollte keine Ruhe cinkehren in mein gequältes, von Zweifeln gemartertes Herz. Du giebft mir die Ruhe wieder, und mit der Ruhe mein Glück. C, wir wollen glücklich sein! In reiner Harmonie fließe unser Leben dahin, glücklich und beglückend. Und nun mein theurer Schatz, noch eins, was mich bedrückt. Du hast mich soeben Deiner Liebe versichert; würdest Du mir eine Bitte erfüllen, die ich heute im Namen dieser Liebe an Dich richte, eine Bitte, deren Erfüllung für Dich eine Kleinigkeit ist, während sie mir ein Beweis sein wird, daß Du mich wahrhaft liebest; sag'willst Du?" „Wer könnte einer solchen Bitte widerstehen?" fragte Reiß, seine in der Erregung so schöne Braut mit Entzücken betrachtend. „Sprich fie aus," fuhr er fort, „und wie einst Ahasveros zu Esther sagte, so will ich zu Dir sprechen: Bis zur Hälfte des Königsreichs sei Dir alles im Voraus gewährt."