Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 95 (2.12.1897)
- Date
- 1897-12-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448705-2448794--44995-2494117- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1804 aber werden befestigt. (Das. 15, 25.) Denn wer zu Grunde gehen soll, wird zuerst stolz, und stolzer Muth kommt vor dem Fall. Es ist darum bester, niedrigen Gemüthes sein mit dem Demülhigen, denn Beute zu theilen mit den Stolzen. (Das. 16, 18—19.) Wie wenig der Mensch sich aus seine Vorzüge zu Gute thun darf, beweisen folgende Sätze: Er (Gott) führt die Klugen irre, und verwirrt die Richter. Er löset auf der Könige Zwang und gürtet ihre Lenden. Er läßt irren die Priester und verwirrt den Sinn der Starken. Er nimmt die Sprache den Rednern und den Erfahrenen den Verstand. Schüttet Verachtung auf Fürsten und macht den Bund der Gewaltigen los, nimmt den Muth den Obersten des Volkes und führt sie unrichtige Wege, daß sie in der Finfterniß tagen ohne Licht und taumeln wie Trunkene. (Hiob 12, 17—25.) Auf Reichthum vertrauen und stolz thun, ist Thorheit. Selbst in den glänzendsten und vermeintlich sichersten Verhältnisten, sind materielle Güter ohne bleibenden Werth. Einerlei ist es schließlich, ob der Mensch in Ueberfluß oder in Roth gelebt hat, am Ende macht der Tod alle gleich, den Kleinen wie den Großen, den Herrn wieden Diener, den Reichen wie den Armen, den Glücklichen wie den Unglücklichen. „Dieser stirbt in voller Frische und Gesundheit, in vollem Genüsse seiner Güter, voll Kraft und Mark sind seine Knochen; jener aber stirbt mit bitterem Gemüthe, der nie des Guten genosten; sie liegen gleich mit einander im Staube, und Gewürm bedeckt sie alle." (Das. 31, 33 — 26.) Was ist das Los des Erdensohnes hienieden? Unsicherheit und Ohnmacht dem Geschicke gegenüber. „Er bauet sein Haus wie eine Spinne und wie ein Hüter eine Hütte macht. Reich legt er sich nieder, nichts aber hat er mitzunehmen, und wenn er die Augen öffnet, ist alles dahin." (Das. 27, 18—19.) In dieser Erkenntniß ruft daher Hiob mit Recht aus„Wenn ich das Gold zu meiner Zuversicht gemacht hätte und zu dem edlen Erz gesagt: Du bist mein Schutz; hätte ich mich gefreut meiner großen Besitzungen, daß meine Hand Vermögen erwarb; hätte ich das Glück gesehen, wenn es helle strahlte, und den Mond, da er herrlich leuchtete und sich darob mein Herz im Geheimen gefreut und ich selbstvergnügt mir die Hand geküßt hätte, das wäre eine Mistethat vor dem Weltenrichter gewesen, denn damit Hütte ich Gott verleugnet." (Das. 31, 24—28.) Der Talmud verurtheilt den Stolz noch schärfer. Wer nach ihm stolz aufgerichtet einhergeht, wenn auch nur vier Ellen weit, ist, als wollte er die Gottheit verdrängen, was von einem Gelehrten besonders verwerflich ist, da er dadurch seine Wissenschaft schändet (Berachot 43 b). Von drei Dingen, die das Menschenleben verkürzen, ist eines, wer bestrebt ist, sich Ansehen zu verleihen und hochmüthig den Großen zu spielen trachtet (das. 54, b). Wer in seiner Ueberhebung es wagt in Gegenwart seines Lehrers und Meisters ein rechtskräftiges Urtheil zu fällen, hat sich nach talmudischer Äuffastung der Todesstrafe schuldig gemacht (Erubin 63, a). Wer stolz thut mit seiner Gelehrsamkeit, von dem wird die Weisheit genommen, und ist dieser ein Prophet, so wird er der Prophetie verlustig (Peßachim 62, b). Unter drei Dingen ist eines, das für die Welt unausstehlich ist, das ist ein Vorsteher, der ohne Grund sich über die Gemeinde erhebt (das. 113, b). Würden sind nach dem Talmud Bürden, und Ehrenstellen sind für den Träger derselben nicht immer von Heil, sondern gar oft von großen unheilvollen Folgen (das. 87). Ein talmudisches, allgemein verbreitetes Sprichwort sagt: „Der Gemeine ist überall obenauf (Megilla 12, a). .twns pep onn Wenn Gott Jemandem Würden verleiht, so verleiht er sie ihm und seinen Nachkommen; sobald der Mensch aber hochmüthig darüber wird, so erniedrigt ihn der Heilige, gelobt sei Er (Megilla 13, b). Betrachte nur einmal, wie verschieden die Weise Gottes von der des Menschen ist. Unter den Menschen beachtet der Hochstehende nur den Hochgestellten und übersieht den Niedrigen gänzlich. Nicht so der Heilige, gelobt sei Er, Er ist erhaben und beachtet auch den Geringsten (Sotah 5). Nach dem Begriffe unserer Weisen ist Hochmuth ein sicheres Zeichen der Geistesarmuth (Kiduschin 49, b). Wie verhaßt bei Gott der Stolz ist, beweisen folgende Stellen: Jeder Mensch, bei dem Hochmuth ist, ist würdig, daß er wie ein Götzenhain umgehauen werde, er wird einst der Auferstehung nicht theilhaftig und Gottes Herrlichkeit klagt über ihn (Sotah 5) Ferner: Von dem Hochmüthigen spricht Gott, Ich und er, wir können beide nicht zusammen in der Welt existiren, denn so heißt es in der h. Schrift: Stolze Augen und ein hochmüthiges Herz vermag ich nicht zu ertragen (das.) Für den Gelehrten wurde von einem Talmudlehrer gefordert, daß er aus Rücksicht auf seine Standeswürde ein gewiffes Maaß von Berufsstolz besitzen soll. Dagegen legte aber Rabbi Nachman Bar Jizchak entschieden Verwahrung ein und warnte mit Strenge gegen jede Hoffahrt, indem er sprach: Ist denn der Stolz ein so leichtes Vergehen, von dem