Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 94 (29.11.1897)
- Date
- 1897-11-29
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1784 verfolgt, sondern je nach der Laune der wechselnden Machthaber diese ungerechten gesetzlichen Verfügungen auch gegen Nichtjuden in Anwendung gebracht. Namentlich ist der Regierung auch das Recht auf Landesverweisung der Fremden eingeräumt, ohne daß sie verpflichtet wäre, die Motive anzugeben und sie zweifellos zu konstatiren. Hiervon wurden nicht nur Juden und Christen, sondern selbst Rumänen betroffen, die man zur angenommenen Kategorie der „Fremden" zählte. Alle im Lande lebenden, in keinem andern StaatSoerbande stehenden „Fremden" wurden bisher bezüglich der Staatslasten den vollberechtigten rumänischen Staatsbürgern gleichgestellt, d. h. neben den verschiedenen öffentlichen Geloabgaben leisteten sie auch die Blutsteuer, indem man sie der allgemeinen Militärpflicht mit unterzog; die Juden als das zahlreichste Element lieferten hiezu selbstverständlich auch das stärkste Kontingent. Als Belohnung für die bereits geleistete oder später zu leistende Blutsteuer ward nach Beendigung des Unabhängigkeitskrieges die gesetzliche Verfügung getroffen, daß jeder Fremde, der seiner Militärpflicht Genüge geleistet habe, auch Anspruch auf Verleihung des Staarsbürgerrechts habe. Auf diese Art wurde wenigstens eine Möglichkeit geboten, daß alle neugebornen sogen. Fremden mit der Zeit zn wirklichen Staatsbürgern gestempelt werden konnten. Ein späteres Gesetz verfügte hinsichtlich der Erreichbarkeit der verschiedenen Dienstgrade eine ganz willkürliche Einschränkung, es bestimmte, daß kein Jude Offizier werden könne. Bei der parlamentarischen Verhandlung des vom konservativen Unterrichtsminister Toche Jonescu vorgelegten Volksschulgesetzes, worin als Grundsatz die Unentgeltlichkeit deS Unterrichts aufgestellt worden war, wurde auf Betreiben der damals in der Opposition befindlichen Liberalen die Bestimmung ausgenommen, daß dieser Grundsatz den „Fremden" gegenüber nicht zur Anwendung zu gelangen habe, diese vielmehr ein UnterrichtSgeld zu zahlen hätten und deren Kruder nur nach Maßgabe der vorhandenen Schulräumlichkeiten zum Unterricht zuzulaffen seien. Dies bedeutete mit anderen Worten: die Judenkinder sind in der Regel auszuschließen. Gegenwärtig sind zwei neue, Restriktionen gegen die „Fremden" bezweckende Gesetzesprojekte bekannt geworden. Das eine hat den Kriegsminister, das andere den Unterrichlminister zum Verfasser, Grsterer will das Rekrutirungsgefetz dahin abändern, daß die „Fremden" vam Militäroienst befreit, respektive auSgeschloffen, damit aber auch der Anwartschaft aus das Staatsbürgerthum verlustig weihen. — daß sie andrerseits aber eine Militärbesrerüngslaxe zu zahlen hätten. Der Unterricht-minister möchte die beim Bolksfchulgesetz bezüglich der Fremden geltenden Bestimmungen auch ln den'Mittelschulen deS Landes einführen. Weil, wie schon erwähnt, die Fremdengesetze hauptsächlich gegen die Juden gerichtet sind, so haben diese aus Anlaß der beiden vorgenannten Gesetzentwürfe am verflossenen 7. November hier in Bukarest einen außerordentlichen Landeskongreß abgehalten und gegen die geplanten Einschränkungen Stellung genommen. Am Schluffe der gefaßten Resolution erklären die eingeborenen Juden den Kampf für ihre gänzliche Emancipalion als eröffnet und geloben, in diesem Kampfe nicht zu erlavmen. AerrMeton. Die Stunde der Vergeltung. Von Paul Gotthelf. 20) sAlle Rechte Vorbehalten.^ Alice und Selma schritten Arm in Arm unter fröhlichem Geplauder dahin. Dr. Jordan, Dr. Reiß und Frau Fink bildeten die Vorhut, während das Groß der Gesellschaft mit Herrn und Frau Lazar etwas zurückblieb. Die jungen Mädchen plauderten lebhaft mit einander; sie waren Freundinnen geworden und genoffen das Glück derFreundschaft in vollen Zügen. Selma fragte Alice nach der Ursache der Verstimmung, die sie sogar heute nicht ganz verlassen hatte und Alice, welche wußte, daß Selma eine wirkliche Freundin auch ihrem Verlobten war, weihte sie in das Geheimniß ihres Kummers ein. „Aber das ist ja nicht möglich," rief sie aus, „daß vernünftige Menschen sich um Dinge, die noch in der Zukunft liegen, auch nur einen Augenblick gram sind! Was für komische Menschen es doch giebt Aber warte, er soll mir büßen, der Böse, daß er Dich auch nur betrüben konnte. Auf den Knieen soll er Dich um Verzeihung bitten; alles, was Du verlangst, soll er thun — na, warte nur, Du Bär, ich will Dich schon tanzen lehren," und ehe Alice es verhindern konnte, hatte Selma ihren Arm losgelaffen, sich umgedreht und mit ihrer Hellen Stimme rief sie, daß es weithin schallte: „Herr Dr. Reiß, Herr Dr. Reiß!" „Welche Fee ruft meinen Namen?" schallte es launisch zurück. „Keine Fee, Herr Doktor, eine Nonne will Sie sprechen. Eilen Sie, sonst erregen Sie ihren Zorn!" Bald war der Arzt an Selmas Seite. „Was will die Waldfrau von ihrem Diener?" fragte er, sich verbeugend. „Ihn zu seiner Pflicht zurückzuführen," entgegnete sie, auf die vorangehende Freundin zeigend. „Sofort bitten Sie Ihre Braut um Verzeihung, Sie Böser, oder Sie fühlen meinen Zorn."