Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 94 (29.11.1897)
- Date
- 1897-11-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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WWWWWWWWMS 1783 warnte, und um die Mitwirkung aller besonnenen und patriotischen Bürger, sowie der Localpresse zur Aufrechterhaltung des Friedens ersuchte. Die Demission des Stadtrathes Dr. Fteischner war, als auf einer persönlichen Differenz mit einem anderen Mrtgliede des Stadtrathes beruhend, weder nothwendig noch politisch klug, zudem in meiner Abwesenheit gegeben. Tendenziös unwahr ist die Behauptung des Einsenders, daß der Stadtrath und das gcsammte Collegium dem nun „avisirtcn" Turnvereine angehören,° als active Turner dürften wohl nur ein Stadtverordneter und drei bis vier Ersatzmänner gelten, während einige andere als „alte Herren" ihren Beitrag zahlen, ohne irgend welchen Einfluß auf die Beschlüffe des Turnvereins zu haben; dem Collegium gehören übrigens sieben Israeliten unter 36 Mitglieder als Stadtverordnete an Wenn ich noch anführe, daß in derselben Sitzung vom 6. November das Stadtverordncten-Collegium über Vorschlag des Stadtrathes in geheimer Abstimmung Dr. Goldscheider, welcher israelitischer Confession ist, als Nachfolger des Dr. Rosenfeld (gleichfalls Israelit) zum Secundärarzt des städtischen Krankenhauses gewählt wurde, so dürften Sie wohl überzeugt sein, daß die Stadtvertretung von Karlsbad weit davon entfernt ist, antisemitisch zu sein, sondern weiß, was sie der Stellung Karlsbads als internationalem Curorte schuldig ist." Der aus dem Amte geschiedene Stadtrath, Herr Jur. Dr. Ferdinand Fleischner, Advokat in Karlsbad, schreibt: „In Karlsbad sind es einige akademisch gebildete, junge Elemente des Mittelstandes, die angeblich deutsch-nationale, in Wirklichkeit antisemitische Propaganda betreiben und in den letzten Reichsrathswahlen und der durch die Sprachenverordnungen entfachten nationalen Bewegung sich an die Oeffentlichkeit wagten. Das Verhalten der jüdischen Wähler bei der Wahl in die fünfte Curie, wo dieselben, statt für den antisemitischen Candidaten, der in seiner Zeitung jeden Tag zum Frühstück mindestens einen Juden brühwarm verzehrte, für den Socialdemokraten eintraten. benützen die Deutschnationalen Karlsbads, um gegen die Juden aufzutreten. Aber Karlsbad ist deshalb noch nicht antisemitisch. Ich habe in Folge des mir für die nächsten Gemeindewahlen vom Stadtrathe Dr. Herrmann angekündigten Kampfes, obzwar ich von dem Bürgermeister und den übrigen Mitgliedern des Stadtrathes zur Zurücknahme meiner Resignation aufgefordert wurde, doch meine Sladtrathsstelle niedergelegt; einmal aus dem Grunde, weil es mir persönlich gegen den Strich ging, weiterhin mit einem Herrn in einem sechsgliedrigen Rathscollegium zu sitzen, der meine Entfernung aus dieser Körperschaft sich zur Aufgabe gefetzt hat, hauptsächlich aber deshalb, um in der öffentlichen Gemeindeausschuß - Sitzung Gelegenheit nehmen zu können, diese Körperschaft und die Bürgerschaft von Karlsbad vor den Tendenzen der unter deutsch-nationaler Flagge segelnden Antisemiten zu warnen. Ich bin überzeugt, daß die überwiegende Mehrheit der Karlsbader Bevölkerung gleich der überwiegenden Mehrheit der jetzigen Stadtvertretung die Tendenzen dieser Zwietracht säenden und den Curort schädigenden Herren mißbilligt, und ich glaube, daß der Verlauf der nächsten, im Februar 1.898 statt findenden Gemeindewahlen mich nicht Lügen strafen wird. Voraussetzung hierfür ist jedoch, daß die an der Spitze der Gemeinde stehenden Männer ihren, die antisemitische Bewegung perhorrescirenden Worten bei den Wahlen die That folgen lassen werden." R it in ä n i e n. Bukarest, 19 Nov. (Die Juden frage in Rumänien.) Schon seit längerer Zeit bestehen in sämmtlichen Städten des Landes Judenvereine, die unter einer centralen Leitung von Bukarest stehen und den Zweck verfolgen, den eingeborenen Religionsgenoffen das rumänische Staatsbürgerthum und die damit verbundene politische und soziale Gleichberechtigung zu erkämpfen. Die gesetzlichen Bestimmungen für die Erlangung des Staatsbürgerthums sind in Rumänien we'entlich schwerer als in anderen Staaten; dasselbe kann weder erfeffcn noch auf Grund präziser Bedingungen rechtlich gefordert werden, sondern wird nur im Wege eines besonderen Gesetze» für jeden einzelnen Fall individuell ertheilt und erstreckt sich nicht auch auf die Kinder des neuen Staatsbürgers. Diese harten Bestimmungen sind in erster Linie gegen die hiestgen sehr zahlreichen Juden gerichtet. Um aber den gegen dieselben geführten Kampf nicht als einen Raffenkampf — ein religiöser Kampf hat nie stattgefunden — erscheinen zu lassen und um die bezüglichen Gesetze auch als mit den Rechtsanschauungen anderer Staaten in Einklang stehend bezeichnen zu können, gebrauchte man den Ausweg, dieselben nicht speziell gegen die Juden, sondern im allgemeinen gegen die im Lande lebenden „Fremden" zu erlassen. Als „Fremde" werden aber nicht nur die zeitweilig im Lande anwesenden Angehörigen fremder Staaten angesehen, sondern auch die im Lande geborenen, auf Generationen sich erstreckenden Nachkommen derselben, und so gibt er in Rumänien neben der Ueberzahl der Juden auch Anhänger christlicher Religionsbekenntnisse, die keine gesetzliche Heimath haben, weil sie keinem Staate angehören. So werden nicht nur die Juden mannigfach bedrückt und