Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 93 (25.11.1897)
- Date
- 1897-11-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1763 der gesetzlich bestehenden Verpflichtung der politischen Gemeinde zur Armenversorgung — und empfiehlt dem löblichen Cultusvorstande die beschlunigte Durchführung dieses umfaffenden Reformwerkes, als dessen wesentliche Endziele: I. Die Verhütung der Verarmung; II. Die wirksame und rasche Unterstützung der Armen und III. Die Verhütung der mißbräuchlichen Ausnützung der Wohlthätigkeit zu betrachten wären, behufs deren Erreichung: ad I. Die Errichtung eines centralen Arbeitsvermittlungsamtes für Arbeitnehmer und für Arbeitgeber; ad II. Die Bestellung von Armenpflegern und Armenpflegerinnen in allen Bezirken aus der Mitte der Glaubensgenossen; ad III. Die Einrichtung eines Centralregifters und eine enge Cooperation der von dcr israelitischen Gemeinde geübten Armenpflege mit sämmtlichen Wiener israelitischen Wohlthätigkeitsvereinen — unter voller Wahrung des autonomen Fortbestandes dieser letzteren — als wirksame Mittel in Vorschlag gebracht werden." Diesen hier in allgemeinen Grundsätzen ausgesprochenen Reformvorschlägen sei noch folgende Detailerörterung beigegeben. Die Nothwendigkeit der Reform der Armenpflege ist wohl schon durch die Einberufung der Enquete seitens des israelitischen Cultusvorstandeö anerkannt. Allein eS darf dennoch auch darauf hingewiesen werden, daß äußere und innere Gründe diese Reform gerade jetzt dringend erscheinen lassen. Als äußere Gründe dürfen angeführt werden die zunehmende Verarmung, die insbesonders dadurch hervorgerufen wird, daß die Erwerbskreise immer mehr eingeengt werden und der zu steuern ein Zusammenfassen aller Kräfte angestrebt werden muß; der durch die statistische Arbeit des Dr. Arnold Ascher erbrachte Nachweis, wie geringfügig die Unterstützungen sind, die den israelischen Mitbürgern von der politischen Gemeinde geboten werden. Als innere Gründe, welche für eine Reform der Armenpflege geltend gemacht werden müssen, sind diejenigen anzuerkennen, welche sich darin manisestiren, daß beim Fortbestand des gegenwärtigen Zustandes der Dinge mit den Mitteln, welche für die Wohlthätigkeit geopfert werden, der Zweck nicht erreicht, weder der Verarmung entgegengewirkt noch die wirksame und rasche Unterstützung der Armen erzielt, dem Mißbrauch nicht vorgebeugt wird, daß ferner die Mittel zersplittert werden, der Wohlthatigkeitssinn nicht angespornt wird, und der überaus stark in Anspruch genommenen privaten Wohlthätigkeit nicht jene Concentration geboten wird, die ihr die gute Verwendung der Mittel sichert. Die Obmänner aller Bezirkscomit^S sollen als unmittelbarer Beirath der III. Sektion der CultuSgemeinde Ihätig sein und in regelmäßig wiederkehrenden Versammlungen ihr berathenoes Votum abgeben über prinzipielle Fragen der Armenpflege; über gemeinsame Angelegenheiten der BezirksarmencomilvS, über die Vorschläge und Wünsche der einzelnen ComittzS; sowie über Unterstützungen allgemeinen Charakters und auf ein größeres Gebiet sich erstreckenden Umfanges. Als Mittel der Armenpflege soll in erster Linie — soweit dies möglich ist — die Beschaffung von Arbeit dienen, ferner sollen Arbeitsmittel und Behelfe besorgt, Lebens-, Kleidungs-, Wohnbedürfnisse befriedigt werden. Geldunterstützung soll erst dann eintreten, wenn nicht ourch andere Mittel die Noch beseitigt oder gemildert werden kann. ** Karlsbad. (Verein zurBekämpfnng des Antisemitismus.) Nachdem voa Seiten der maßgebenden Kreise in unserer Stadt bisher den Bestrebungen der Antijuden, welche diese den Cnrort tief schädigende Hetze bei uns eröffnet haben, nicht entgegengetreten wurde, beabsichtigt, wie uns mitgetheilt wird, bereits eine Anzahl Personen in unserer Stadt die Gründung eines „Vereines zur Bekämpfung des Antisemitismus in Karlsbad", damit diese Schmach des Jahrhunderts in dem internationalen Curorte sobald wie möglich wieder verschwinde, der Einfluß der deutschnationalen Anti-Juden-Schädlinge überhaupt und der Karlsbader derrtschnational-antisemitischen Schädlinge im besonderen gebrochen und die Bevölkerung zu gemeinsamer Abwehr gegen diese Zwietrachtstreuer in unserer Gemeinde schreite. Die Ausarbeitung der Statuten dieses Vereines ist bereits begonnen und sollen dieselben sobald als möglich der k. k. Statthalrerei überreicht werden. (Karlsb. Ztg.) Rußland. ** Warschau, 22. Nov. Ueber das Berhältniß von Christen und Hebräern im Handel und in der Industrie Warschaus bringt nach dem „Lodz. Tagbl." der „Kur. Warsz." einige Daten, aus denen ersichtlich ist, daß die Zahl der christlichen Unternehmungen in steter Zunahme begriffen ist. Im Jahre 1888 waren von den 1860 Personen, die Gildenscheine lösten, 1200 Hebräer und 660 Christen; in diesem Jahre haben 2908 Personen Gildescheine gelöst, darunter 1529 Christen und 1379 Hebräer (unter Letzteren zehn ausländische Unterthanen.) Außerdem sind 80 pCt. aller höheren Verwaltungsbeamten in 60 Aktiengesellschaften, Bankgeschäften und anderen Creditinftituten — Christen. Nur im Kleinhandel überwiegen die Hebräer: eS kommen hier auf 10.000 Christen 16.000 Hebräer.