Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 92 (22.11.1897)
- Date
- 1897-11-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1744 sind, die hervorragen durch Seelenadel und gute Eigenschaften des Herzens. (Baba Bathra 109.) Durch das edle Festhalten an seiner Standesehre bewahrt man zugleich seine Reinheit, seine Keuschheit, seine Tugend und wird geschützt vor Verlockungen und Versuchungen, an welchen das Leben oft so reich ist. Das beweist die folgende Erzählung aus dem Talmud: Der Sohn und die Tochter des Rabbi Jsmael den Elischa geriethen einst in Gefangenschaft bei zwei verschiedenen Herren. Nach einiger Zeit wurden beide in's Verließ gesteckt. Die Herren begegneten einander und unterhielten sich von ihren Gefangenen. Der eine sagte, ich besitze einen Sclaven, desien Schönheit seinesgleichen in der Welt nicht zu finden ist; der Andere behauptete dasselbe von seiner Sklavin. Da kamen sie auf den Einfall, beide mit einander ehelich zu verbinden, um dann ihre Nachkommenschaft unter sich zu theilen. Die Gefangenen wurden nun zusammen in ein Gemach gebracht. Der Eine saß in einem Winkel und bitterlich weinend sprach er zu sich selbst: Wie? Ich, ein Priester, der Nachkomme von Hohepriestern, soll nun eine Sklavin ehelichen? Die Andere wieder saß im anderen Winkel ebenfalls Thränen in den Augen und dachte: Ich, eine Priesterin, einem hohenpriesterlichen Stamme angehörend, soll mich mit einem Sclaven verbinden? So weinten beide die ganze Nacht hindurch. Als nun der Morgen anbrach, da erkannten sie einander und fielen sich um den Hals und jammerten über ihr so trauriges Loos, bis ihre Seelen vereint zu Gott zurückkehrten. (Gittin 58 a). Gleiches mit Gleichem gesellt sich gern. Wer sich mit Unreinen verbindet, ist selbst unrein; wer mit Reinen verkehrt, wird selbst rein. Nicht umsonst gesellte sich der Sperber zum Raben, sie sind gewiß von gleicher Gattung. (Baba Kamah, 92 b.) Wenn man schon im Verkehr mit der Well vorsichtig sein und bestrebt sein muß, seinen Stand zu wahren, umsomehr, wo es gilt, sich mit einem Weibe für die ganze Lebensdauer ehelich zu verbinden. Bei der Wahl einer Lebensgefährtin soll man hauptsächlich daraus sehen, weß Eltern Kind sie ist. Wenn es ja einen Geburtsadel gibt, so ist es nicht die Abstammung von Raubrittern, oder von Schlachtenlenkern, oder von Finanzbaronen, sondern die Herkunft von guten, frommen, edel und selbstlos fühlenden und denkenden Eltern. Auf das soll man bei der Wahl einer Gattin sein Augenmerk richten. Sie soll sittlich und gesellschaftlich dem Manne, der sie erwählt, wenigstens gleich hoch sieben; wer aber unter feinem Stande heirathet und Schönheit und Vermögen mehr berücksichtigt, als gute und anständige Herkunft, her entehrt sich selbst, entwürdigt den Ruf seiner Familie und begeht ein Verbrechen an seiner Nachkommenschaft. (Kiduschin 70, a.) Bei der Wahrung der Standeswürde wird nicht einmal auf die Pflicht der Arbeitsamkeit, welche doch sonst in allen Fällen von unserer Lehre gefordert wird, *) Rücksicht genommen, und wer die Würde eines Vorstehers bekleidet, darf keine entwürdigende Arbeit in Gegenwart von drei Personen verrichten (das.) Daß der Mensch verpflichtet ist in seinem Verkehr mit der Welt auf sein Ansehen, auf seine Würde Rücksicht zu nehmen, das lehrt uns die Gottheit selbst, denn auch Gott läßt seine Herrlichkeit am liebsten nur aus solchen Personen ruhen und Er verleiht Seinen Geist am ehesten nur solchen Männern, die großes Ansehen genießen und die hochgeachtet sind durch ihre Tugenden und bevorzugt durch edle Abstammung. (Das. 71, a). Ungeachtet dieser Standesrücksichten, die nach außen hin zu beobachten geboten ist, soll man die tiefste D e muth im Innern nie außer Acht lasten, auch wenn man in den Augen der Mitmenschen noch so hoch in Ehren steht, selbst der Größte soll ihre Lehren sehr beherzigen, und sein tägliches Gebet beginne mit den Worten: Wir wollen uns nicht stützen auf unsere Frömmigkeit, sondern auf Deine (Gottes) große Barmherzigkeit, denn, was sind wir? was ist unser Leben? Was bedeutet unsere Güte, was unsere Frömmigkeit, was unsere Kraft, was unsere Stärke? Sind doch alle Helden nichts gegen Dich, die Männer von berühmten Namen als wären sie nie gewesen, die Weisesten wie Unwistende und die Verständigsten wie Vernunstlose gegen Dich. Und auch der Schluß des täglichen Gebetes sei in diesem Sinne: O, Gott! Bewahre meine Zunge vor Bösem, und meine Lippen vor Trug, möge ich stunim hinnehmen den Fluch anderer und mich Jedem dem Staube gleich in Demuth zeigen. (Morgengebet.) Der Größte, wie der Niedrigste spreche demuthsvoll am heiligsten Tage im Jahr: Staub bin ich nur im Leben, umsomehr nach meinem Tode, beschämt stehe ich vor Dir (Gott) und schamerfüllt empfinde ich tiefe Reue und Buße über meine Sünden. (Gebet am Versöhnungstage.) Wir ersehen daraus, daß die Lehren über Demuth und Bescheidenheit in den biblischen und talmudischen Schriften nicht blos von theoretischem Werthe sind, vielmehr sollen dieselben der Leitstern fürs praktische Leben sein, den Grundzug des jüdischen Charakters, das Alpha und Omega seines Wesens bilden. Der große Nachmanides, Rabbenu Moscheh Bar Nachman richtete an seinen Sohn *) Vergleiche hiezu „Der Sozialismus m Bibel und Talmud" vom Verfasser.