Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 91 (18.11.1897)
- Date
- 1897-11-18
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1782 allen unseren Mitgliedern. Dies brachte am Grabe Ln beredten und ergreifenden Worten unser verehrter Rabbiner, Herr Dr. Schlesinger zum Ausdruck. Ebenso widmete das Vorstandsmitglied Herr Hermann Lebrecht dem Verblichenen Worte des Danke- und der Anerkennung. Oe st e rr.-Ungar. Monarchie. ** Karlsbad. Die „Karlsbader Zeitung" veröffentlicht in ihrer Nr. 46 vom 14. Nov. unter der Überschrift: „Karlsbad — antisemitisch" einen Leitartikel, dem wir nachstehende Stellen entnehmen: Am 6. Oktober d. I. hat der Karlsbader Turnverein, gegründet 1860, also einer der ältesten Vereine unserer Stadt, den Beschluß gefaßt, daß Mitglieder desselben nur Deutsche arischer Abstammung werden können. Dieser Beschluß des Turnvereines, der sich gegen die jüdischen Mitglieder desselben und gegen die Bewohner unserer Stadt israelitischer Confession richtete, hat unter den letzteren sowohl, wie auch unter den anständigen, vernünftig und liberal denkenden Mitbürgern christlichen Glaubens ungeheuere Sensation hervorgerufen. Gegen diese Beleidigung der Juden in unserer Stadt und gegen diese Schädigung der gesummten Interessen unseres Kurortes erwartete man mit Recht den Schutz der „liberalen" Stadtvertretung, wenigstens in Form einer entsprechenden Enuneiation derselben. Statt dessen bot sich den Anwesenden in der Stadtverordnelensitzung vom 6. Nov. ein anderes Schauspiel, ein Schauspiel, wie man einen Stadtrath ohne Sang und Klang ziehen läßt, nur weil er Jude ist. Der abdicirende jüdische Stadtrach Herr Dr. Fleischner hat klar und deutlich erwähnt, daß der christliche Stadtrath Herr Dr. Herrmann einen Tag bevor sich der Turnverein antisemitisch erklärt hat, bei ihm erschienen und ihm in seinem und im Namen von vier Mitgliedern des Turnrathes als Gesinnungsgenossen, die Miltheilung gemacht habe, daß sich ein deuschnationaler Verein bilden werde, an dessen Spitze der Stadtrath Herr Tr. Herrmann mit stehen werde und dessen Zweck vorwiegend die Bekämpfung des Einflusses der Juden überhaupt, des Einflusses der Juden im Stadtverordneten-Collegium und des persönlichen Einflusses des jüdischen Stadtrathes Herrn Dr. Fleischner insbesondere sei. Die» sei der Grund, warum Herr Dr. Fleischner abdanke. Nun hätte man glauben sollen, der Stadtrath werde schon deßhalb, um nicht als judenfeindlich zu gelten, Herrn Dr. Fleischner, weil er eben Jude ist, unter keiner Bedingung fallen lassen; und auch das Stadtverordneten-Collegium werde seiner liberal-fortschrittlichen Gesinnung thatkräftig Ausdruck verleihen und den jüdischen Stadtrath unter jeder Bedingung wenigstens noch für die paar Monate der gegenwärtigen Funktionsperiode halten. Keine Idee!!! Ohne den geringsten Versuch ihn zum Bleiben zu bewegen, ohne ihm auch nur ein geschäftsordnungsmäßiges Dankesvolum kund zu geben, ließ das Stadtverordneten-Collegium den jüdischen Stadtrath, der so viele Jahre als solcher, wie der Bürgermeister öffentlich anerkannte, sogar verdienstlich gewirkt hat, ziehen. Eine geradezu klägliche Rolle spielten in dieser Sitzung aber unsere übrigen israelitischen Stadtverordneten, darunter die drei Erwählten der israelitischen Cultusgemeinde, von denen auch nicht Einer den Versuch machte, den Rücktritt des Anti-Juden Herrn Dr. Herrmann und die Zurückziehung der Demission des Herrn Dr. Fleischner zu verlangen. Bloß der Herr Bürgermeister Schäffler gab seinem Meinungs-Umschwunge betreffs der kommenden Wahlen, nachdem er bem jüdischen Stadtrathe einen der üblichen Nachrufe gewidmet hatte, in bezeichnenden Worten Ausdruck. Er erklärte, daß er dafür eintreten werde, daß bei den nächsten Gemeindewahlen die hiesigen israelitischen Mitbürger nach ihrer Zahl und Steuerkraft ins Collegium gewählt werden. Der fortschrittlich-liberale Bürgermeister von Karlsbad hat damit den Forderungen der Anti-Juden jetzt schon das Siegel aufgedrückt, ja noch mehr, er hat durch die Zurückdrängung der israelitischen Stadtverordneten auf das Ausgedinge der Zahl und der Steuerkrast, zu der Declassierung „seiner Juden" zugestimmt, denn für gleichwerthige Mitbürger giebt es keine Maxime bei der Wahl als Stadtverordnete, es giebt keinen Prozentsatz von christlichen, protestantischen oder jüdischen Stadtverordneten und Wählern! Ein wirklich freiheitlicher liberaler Mann hat sich bei den Wahlen nicht nach dem Prozentsatz der Confession, sondern nach dem Prozentsatz der Tüchtigkeit, Charakterfestigkeit und Intelligenz zu richten! Jetzt wissen die Christen und die Juden wenigstens, woran sie sind. Wer hat in der Bevölkerung die Anti-Juden- Bewegung in Karlsbad öffentlich propagiert? Der Karlsbader Turnverein und dessen Vorstand. Der Obmann und der Obmannstellvertreter des Turnvereines sind aber auch Mitglieder des angeblich „fortschrittlich" liberalen Stadtverordneten - Collegiums. Weder dem Turnverein, noch diesen Vorstandsmitgliedern hat der Bürgermeister seine Mißbilligung ausgesprochen. Ja der Herr Bürgermeister, der gesammte Stadtrath und fast das gesammte Stadtverordneten-Collegium sind Mitglieder dieses Anti-Juden- Turnvereines. Nicht weniger als 30 Mitglieder des Stadtverordneten-Collegiums gehören als beitragende oder wirkende Mitglieder dem Anti-Juden-Turnverein an und auch nicht eines derselben hat öffentlich seinen Austritt erklärt.