Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 38 (1897)
- Issue
- Heft 91 (18.11.1897)
- Date
- 1897-11-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1729 Feuilleto«. Die Stunde der Vergeltung. Von Paul Gotthelf. 18) sAlle Rechte Vorbehalten.^ Als man nun so gemüthlich beisammen saß, begann der Arzt: „Auch als Bittender komme ich heute zu Ihnen, und ich hoffe, daß Sie meine Bitte erfüllen." „Nun," sagte Herr Lazar, „wenn Du nicht gar zu unbescheiden bist, so sei Deine Bitte im Voraus gewährt! Sprich! bedarfst Du einer Equipage, eines Reitpferdes?" „Nein, Papa, meine Bitte ist eine andere; ich will ohne Umschweife reden," und dabei blickte Reiß Alice lächelnd an; „ich will Euch berauben, Euch Euer Liebstes, Eure Alice nehmen. Ja, ich liebe sie und Alice liebt mich wieder und darum bitte ich am heutigen Tage um die Hand Eurer Tochter!" Alice war bei diesen Worten wie mit Purpur übergoffen; lächelnd sahen die Eltern das schamhafte Erröthen ihres Kindes und der Vater sagte: „Deine allzugroße Bescheidenheit kann ich nicht loben, mein lieber Karl. Du packst die Sache am richtigen Ende an, um mit einem Griff alles zu erreichen. Unser kostbarstes Gut, unser Kind, verlangst Du von uns? Am heutigen Tage nehme ich nur Geschenke, gebe selbst aber keine." „Ei, Papa, ich will Ihnen ja auch das Beste, was ich geben kann, zum Geburtstag schenken. Nehmt Ihr es an? Mich selbst will ich Euch schenken, wie ich lebe, mit meinen Vorzügen und meinen Fehlern. Ich will Euer wirklicher Sohn, der Mann Eurer Tochter sein! Kann ich mehr geben?" „Das ist ja die pure Sclaverei," versetzte Herr Lazar; „nun so ein Geschenk muß ich wohl annehmen; nicht wahr, Alice?" „Du machst mich glücklich, mein Vater," rief diese und umarmte ihn in lautem Jubel Nachdem die Eltern in die Verlobung ihrer Tochter eingewilligt hatten und die Wogen der Freude etwas niedriger gingen, begann Alice: „Nun mußt Du mir aber Etwas versprechen." „Und das wäre?" „Arbeite am Sabbat nicht mehr; schreibe und fahre am Ruhetage nicht und beobachte unsere Speiscgesetze. Kurz, denke auch im geschäftlichen Leben an Deinen Gott und werde ein frommer Jude." „Ei, ei! fängt mein Schatz so früh an, Bekehrungsversuche zu machen? Gieb sie auf; ich bin zu alt dazu, mich zu ändern." „Zu alt? Um gut zu werden, dazu ist man nie zu alt." „Bin ich Dir nicht gut genug?" „Nein, ich möchte, daß Du in jeder Hinsicht tadellos seiest und ich wäre erst vollkommen glücklich, wenn Du meine Bitte erfüllen würdest." „Ich kann diese Bitte nicht erfüllen, ohne mich lächerlich zu machen und ohne mein Geschäft auf's Höchste zu gefährden. Laß mich bleiben, wie ich bin, ich verlange ja auch nicht, daß Du Dich meinethalben änderst. Wir werden schon mit einander auskomm en." „Nein, Karl, das ist ein schlechter Trost. Wenn Du mich wirklich lieb hast, erfüllst Du meinen Wunsch." „Kommt Zeit, kommt Rath," entgegnete Reiß, seiner Braut ausweichend. Er erhob sich und sprach: „Run entschuldigt mich eine Weile. Ich will Philipp bitten, daß er mich heute in den leichteren Fällen vertrete. Bald bin ich wieder da." Er verabschiedete sich von seiner Braut und deren Eltern und eilte zur Thürc hinaus. Er war sehr glücklich, und doch war in dem Becher des Glücks ein Tropfen Wermuth. Er hatte geglaubt, Alice würde sich um seine Privatangelegenheiten nicht kümmern und nun begann sie schon in der ersten Stunde ihrer Verlobung ihr Bekehrungswerk. In der Klinik therlte er dem Freunde mit, daß er sich soeben verlobt habe und nahm dessen Glückwünsche heiter entgegen. Alice war sehr glücklich. Sic liebte ihren Bräutigam mit der Kraft der ersten Liebe und sie zweifelte nicht daran, daß Karl sich mit der Zeit entschließen werde, ihren Wunsch zu erfüllen. IX. Die Verlobitng des jungen Arztes erregte in der Stadt Aufsehen, da man nicht glauben wollte, daß Alice Lazar, die Tochter des frömmsten Mannes in der Gemeinde, ihrem Bräutigam zu Liebe sich andere religiöse Ansichten aneigncn würde, und von Dr. Reiß erwartete man nicht, daß er zur Orthodoxie übergehen könnte. Eher hätte man ihn für fähig gehalten, sich mit einer Nichtjüdin zu verloben, als die Tochter aus solch' frommem Hause zu freien. Aber die Zeitungen, welche die Verlobung veröffentlichten, bestätigten das Gerücht, und gegen diese Tatsache ließ sich nicht streiten. Am mciften erstaunt war man im Hause der Frau Fink. Hier hatte Reiß früher täglich verkehrt und Selma Fink, die er als Jüngling aus dem brennenden Hause gerettet hatte, war ihm in treuer Liebe zugethan. Als nun die Zeitungen die Nachricht von der Verlobung des Geliebten mit einer anderen brachten, da war sie tödlich erschrocken. Kreidebleich lehnte sie am Fenster und starrte aus das Zeitungsblatt. Gestern Abend noch hatte sie den Geliebten gesprochen, und heute Abend schon